Stand: 03.09.2020 14:16 Uhr

Filmfestspiele Venedig: Mehr Raum für Independent-Kino

Trotz der Corona-Pandemie wurden am Mittwoch die 77. Filmfestspiele von Venedig eröffnet. Nicht virtuell, sondern ganz real, mit Kinobesuchern, Gästen, richtigen Leinwänden und ganz neuen Filmen. Auch dabei ist die Filmkritikerin der "Zeit", Katja Nicodemus.

Frau Nicodemus, wie ist die Lage in Venedig?

Katja Nicodemus: Es herrscht eine allgemeine Erleichterung. Zum einen, weil das Festival wirklich stattfindet. Und zum anderen, weil es schon mehrere Vorführungen auf dem Lido gab, und man sieht, dass ein so großes Festival das logistisch bewältigen kann - mit Fiebermessen, mit Masken in den Kinos, mit weniger Filmen und mehr Vorführungen, also halbierter Sitzplatzzahl. Und im Kino selbst gelingt es einem, das alles vor der Leinwand zu vergessen.

Nicht alle sind wirklich begeistert und nicht alle kommen nach Venedig. Die Hollywood-Studios schicken nicht wie sonst ihre Oscar-Kandidaten, sondern sie fehlen in diesem Jahr komplett. Verzichtet Venedig auf das ganze Drumherum, auf Glanz und Glamour?

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Die schottische Schauspielerin Tilda Swinton (rechts) erhält bei den Filmfestspiele Venedig 2020 den Goldenen Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk aus den Händen der Kollegin, die Australierin Cate Blanchett © Domenico Stinellis/AP/dpa Foto: Domenico Stinellis

Start fürs Filmfest Venedig - deutscher Film im Wettbewerb

Das Filmfest Venedig ist gestartet. Ein deutscher Beitrag konkurriert um den Goldenen Löwen, Cate Blanchett und Christian Petzold sind Teil der Jury. Ein Kurzfilm aus Hamburg ist dabei. mehr

Nicodemus: Es ist weniger ein Verzicht als ein Sich-Fügen, würde ich sagen. Die Oscar-Saison wurde nach hinten verschoben und die US-Studios brauchen in diesem Jahr Venedig nicht als Durchlauferhitzer für ihre Produktionen. Aber Glamour und Prominenz gibt es trotzdem. Zum Beispiel stellt Pedro Almodóvar seinen ersten englischsprachigen Kurzfilm mit Tilda Swinton vor. Cate Blanchett ist in diesem Jahr Jury-Präsidentin. In der Jury ist auch ihr US-amerikanischer Schauspielerkollege Matt Dillon. Und Frances McDormand kommt mit einem neuen Film. Die Oscar-Kandidaten fehlen zwar, dadurch bekommt aber das amerikanische Independent-Kino wiederum mehr Raum.

Das könnte also auch so eine Art Chance sein für etwas gänzlich Neues. Was könnte das sein?

Nicodemus: Bei den Therapeuten heißt es: In jeder Krise liegt eine Chance. Es gibt auf jeden Fall das Gefühl einer neuen Solidarität. Bei der Eröffnung zum Beispiel werden die Leiter und Leiterinnen der acht größten und wichtigsten Filmfestivals der Welt in einem Akt der Solidarität für das Kino auf die Bühne gehen. Zum anderen hat jeder Bruch in der Routine immer auch eine positive Seite. Der Festivalchef Alberto Barbera hat sich seit jeher zu sehr auf den US-amerikanischen Produktionen ausgeruht - die kamen ja automatisch. Wer würde einen Film wie "The Favourite" oder "Marriage Story" ablehnen? Aber durch das Fehlen dieser großen, glamourösen Produktionen wird jetzt etwas frei. Zum Beispiel kommen jetzt nicht ganz so bekannte Regisseure nach vorne in den Wettbewerb, wie etwa Andrej Kontschalowski, ein russischer Regisseur, der sich seit jeher mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion auseinandersetzt, und der es auch verdient hat, mal im Scheinwerferlicht zu stehen.

Welche Filme werden denn gezeigt? Und können Sie da schon Highlights absehen?

Frances McDormand in dem Film "Nomadland" von Chloé Zhao © picture alliance/Everett Collection
Frances McDormand spielt Fern in dem Film "Nomadland" von Chloé Zhao.

Nicodemus: Ich habe auf jeden Fall jetzt schon einen Film, für den ich brenne: Es ist einer dieser Independent-Filme, die es in den Wettbewerb geschafft haben. Im Film "Nomadland" der in den USA lebenden chinesischen Regisseurin Chloé Zhao spielt Frances McDormand die Hauptrolle. Ich finde, allein das ist schon ein Grund, sich auf den Film zu freuen. McDormand spielt eine Frau, die durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch Nevadas alles verloren hat und jetzt mit ihrem Wohnmobil und ihrem Hab und Gut losfährt.

Von deutscher Seite geht der Film "Und morgen die ganze Welt" von Julia von Heinz ins Rennen. Hat der Film Aussichten auf einen Preis?

Nicodemus: Man kann das natürlich erst im Zusammenspiel mit den anderen Filmen sagen, aber dieser Film hat ein großes Thema am Puls der Zeit. Im Zentrum steht eine junge Frau, die sich einer linksextremen Gruppe anschließt und in dieser Gruppe gegen Neonazis kämpft. Da wird sie mit zentralen Fragen konfrontiert, die solche politischen Kämpfe begleiten: Wie weit kann man gehen in der Ausübung von Gewalt? Darf man überhaupt Gewalt anwenden? Darf man sabotieren? Wie weit darf man gehen, um die deutsche Verfassung zu schützen? Wer darf darüber entscheiden? Ich denke schon, dass dieser Film hier eine große Aufmerksamkeit erzielen wird.

Den Eröffnungsfilm "Lacci" von Daniele Luchetti haben Sie schon gesehen. Ist das eine würdige, eine gelungene Eröffnung für dieses jetzt schon außergewöhnliche Festival?

Nicodemus: Es gibt ja mehrere mögliche Funktionen eines Eröffnungsfilms, zum Beispiel auch die, der heimischen Filmbranche Rückendeckung zu geben. Das ist auch gar nicht so unwichtig in diesem Jahr. Dieser Film erzählt eine Ehe über mehrere Jahrzehnte und Situationen hinweg. Er beginnt mit intimen Szenen einer Familie - Eltern und zwei kleine Kinder. Dann geht der Mann fremd, er verlässt die Familie - und dann gibt es einen Sprung zu dem alten Ehepaar, das die beiden dann doch noch geworden sind. Dieser Film ist zwar ein bisschen routiniert erzählt und im schlechten Sinne fernsehmäßig gefilmt, aber das junge Paar wird von zwei italienischen Stars gespielt, Alba Rohrwacher und Luigi Lo Cascio. Und das braucht es auch auf so einem Festival - die heimischen Stars zur Eröffnung.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.09.2020 | 18:00 Uhr

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