Stand: 26.01.2020 06:00 Uhr  - NDR 90,3

Wie überleben Hamburger Kinos in den 20ern?

von Danny Marques

Hamburg ohne Kinos: Das klingt zunächst schräg, aber die jüngere Vergangenheit macht durchaus Grund zur Sorge. Immer mehr Filme und Serien werden für das Internet produziert. Im Jahr 2018 gingen so wenige Besucher in Deutschland ins Kino, wie seit den 70er-Jahren nicht mehr. Altehrwürdige Häuser wie das Streits am Jungfernstieg 2013 wurden geschlossen. Aber: 2019 kamen wieder mehr Besucher. Die Hamburger Kinos suchen aktiv einen Weg in die Zukunft. Ein Gespräch mit den Machern der Lichtspielhäuser über deren Vision für die neuen 20er-Jahre.

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Mit neuester Audiotechnik, Service am Platz und viel Beinfreiheit lockt die Astor Film Lounge in der Hamburger HafenCity.

So setzt die Astor Film Lounge in der HafenCity auf Luxus. Es brennt im Foyer der Astor Filmlounge. Das gemütliches Kaminfeuer brennt allerdings nur virtuell - auf einem Bildschirm: "Der digitale Kamin ist unser Zugeständnis an den Brandschutz. Wir hätten sicherlich gerne einen echten eingebaut", erklärt Bastian Schimon, der im Filmtheater Astor in der Hamburger Hafen City arbeitet.

Geschäftsführer der Astor Film Lounge ist Hans-Joachim Flebbe. Anfang der 90er-Jahre war er einer der Mitbegründer der Cinemaxx-Kinokette. Vor zehn Jahren stieg er aus und eröffnet seitdem an verschiedenen Orten in Deutschland gemütliche und luxuriöse Kinos, so wie in der HafenCity. "Das Ansinnen von Herrn Flebbe war es immer, ein Kino zu machen, in das er selber gerne als Gast gehen würde. Es gab zwar erfolgreiche Multiplexe, aber kein Kino, wo der Service im Vordergrund steht, wo man am Platz bedient wird. Das passt nicht in jede Stadt und auch nicht in jeden Bezirk", sagt Schimon.

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Mit Luxus und verstellbaren Sitzen punkten

Zu dem Service in diesen Kinos gehört dazu, das Bestellen der Getränke am Platz, kostenlose Garderobe, ein Begrüßungsgetränk. Die Foyers in warmen goldenen Tönen sind mit stilvollen Möbeln eingerichtet, als sei die Zeit einfach stehen geblieben. Würde in der Astor Filmlounge ein Orchester den Film begleiten, könnte man denken, dass hier Kinobetrieb wie vor 100 Jahren gemacht wird. Das kostet - regulär zwölf Euro pro Gast. Dazu kann es Aufschläge für 3D-Filme und Überlänge geben, auch für Logenplätze. Nicht jeder kann sich das leisten. Dafür präsentiert das Kino modernste Technik. Das Soundsystem Dolby Atmos ist das modernste, das es für Geld zu kaufen gibt. 30 Lautsprecher sorgen für Feinheiten. Dazu gibt es Beinfreiheit wie in einem Erste-Klasse-Flug und verstellbare Sitze.

200.000 Besucher in der Astor Filmlounge im Jahr 2019

Sechs Millionen Euro hat dieses Kino mit drei Sälen gekostet. Eröffnet im Kinokrisenjahr 2018 war dies ein Wagnis, das sich aber ausgezahlt habe. Bastian Schimon von der Astor Filmlounge sagt: "Wir sind sehr zufrieden mit den Besucherzahlen in 2019. Wir haben unser gestecktes Ziel um mehr als 50 Prozent übertroffen. Wir hatten letztes Jahr 200.000 Besucher und liegen damit weit über unseren Erwartungen."

Grassman vom Abaton Kino: "Branche steht vor Strukturwandel"

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Programmkinos wie das Abaton im Hamburger Grindelviertel setzen auch auf Diskussionsrunden.

Im ganz Deutschland ließen 2019 die Besucher fast eine Milliarde Euro an der Kinokasse, ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2018. Philipp Grassmann, Geschäftsführer des Abaton am Grindel glaubt aber nicht, dass Kinos einfach so weitermachen können wie bisher. "Die Vision ist, dass die Branche vor einem Strukturwandel steht. Wir haben sehr viel durch die Konkurrenz der Streamingdienste zu tun."

Mehr Event-Charakter durch Gäste in den Programmkinos

Deswegen wolle man im Abaton Vorführungen mit Gästen und Diskussionsrunden weiter ausbauen. Viele Hamburger Kinos gehen diesen Weg mit -zum Beispiel im Zeise Kino in Ottensen und sogar im kommunalen Kino Metropolis neben der Staatsoper. Im Studio Kino auf St. Pauli kann man sogar einen Saal mieten und seine Spielekonsole anschließen. Das alles sind Wege, mit denen Kinos ihr Profil schärfen wollen und den Menschen einen Grund geben wollen, ihre Couch zu verlassen. "Programmkinos müssen aber nicht Edel-Angebote haben, mit besonders großen Sitzen oder Sekt, der am Sessel serviert wird. Das wäre zu weit gedacht. Am Ende kommen die Leute zu uns, weil sie sich für den Film interessieren und nicht für den Luxus", sagt Philipp Grassmann.

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Publikum will auch Netflix-Filme wie "Irishman" im Kino sehen

Bastian Schimon in der Astor Filmlounge sagt hingegen, dass es durchaus einen Markt gebe, der auf solche Details wert lege. Die Zahlen des Astors scheinen ihm Recht zu geben. Aber auch er sieht einen Strukturwandel in der Branche. Netflix-Filme einfach zu ignorieren, weil der Streaming-Gigant die Filme höchstens mal zwei Wochen ins Kino lässt, bevor er sie selbst auf seiner Plattform zeigt, sei auch nicht die ideale Lösung. Das Publikum wolle Filme wie das Netflix-Gangsterepos "The Irishman" mit Robert De Niro und Al Pacino eben gerne im Kino sehen. "Das ist ein sehr heikles Thema, das branchenweit diskutiert wird. Die eine Partei sagt, das ist der Abgesang auf die Exklusivität und Contenthoheit für das Kino. Die andere sagt, dass das ein Aspekt ist, mit dem man sich auf lange Sicht beschäftigen muss, wenn man wettbewerbsfähig sein möchte", so Schimon.

Im Abaton und fast allen anderen Hamburger Kinos bleibt der Vorhang für die Konkurrenz aus dem Internet geschlossen. Den richtigen Weg zu finden, um mit der ständig wachsenden Konkurrenz von Netflix, Amazon und Co. umzugehen, das wird die Herkulesaufgabe der Hamburger Kinos in den 20er-Jahren. Vom studentischen Programmkino, über den Massen-Multiplex, bis hin zum Spitzenkino mit Sektempfang ist für jeden Geschmack etwas dabei. Die Kinobetreiber glauben, dass die Säle auch in den 20ern-Jahren immer voll sein werden.  

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 22.01.2020 | 20:00 Uhr

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