Stand: 12.08.2020 11:23 Uhr  - NDR Info

Thriller "Der letzte Mieter": Blutige Sozialkritik

Der letzte Mieter
, Regie: Gregor Erler
Vorgestellt von Bettina Peulecke

In einem heruntergekommenen Haus in Berlin soll der letzte Mieter ausziehen, damit der Altbau für moderne Wohnungen saniert werden kann. Doch der Mieter sträubt sich - es kommt zur Geiselnahme. "Der letzte Mieter", das Regiedebüt von Gregor Erler, integriert die Themen Gentrifizierung und Entmietung geschickt in einem packenden Thriller.

Die Polizistin Shirin (Pegah Ferydoni) zückt ihre Dienstwaffe - Szene aus dem im Thriller "Der letzte Mieter" von Gregor Erler © Dualfilm Verleih
Zwischen Sozialkritik und blutigem Thriller: "Der letzte Mieter" zeigt auch Gewaltszenen unverblümt und ist deshalb erst ab 16 Jahren freigegeben.

"Wenn ich die Damen und Herren jetzt noch einmal bitten dürfte von Ihnen aus nach links zu schauen: Ich würde wirklich sagen das ist die Perle in unserem derzeitigen Bestand" - der junge, aalglatte Makler Franke lässt gegenüber seinen potenziellen Kunden keinen Zweifel daran, dass die Wohnungen alle schon geräumt und in drei Monaten bezugsfertig sind.

Tatsächlich sieht die Sache aber ein bisschen anders aus. Die "Perle im Bestand" der Immobilienfirma ist das letzte unsanierte Haus in einer mittlerweile hippen Wohngegend. Die alten Mieter wurden in Sozialunterkünfte verfrachtet - aber einer ist stur: Dietmar. Selbst sein Sohn Tobias, der notgedrungen Klempnerarbeiten für die Immobilienfirma verrichtet, kann Dietmar nicht zum Umzug bewegen.

"Ich bin hier mit Mama eingezogen. Du hast hier Laufen gelernt. Diese Wohnung ist meine Heimat!" Dietmar im Thriller "Der letzte Mieter"

Die Situation eskaliert zum Geiseldrama

Die junge Polizistin Shirin (Pegah Ferydoni) steckt mit dem Makler (Moritz Heidelbach) im der Bredouille - im Thriller "Der letzte Mieter" von Gregor Erler © Dualfilm Verleih
Die junge Polizistin Shirin (Pegah Ferydoni) wird mit dem Makler Franke (Moritz Heidelbach) von Tobias als Geisel genommen.

Die beiden haben ein schwieriges Verhältnis, aber der Sohn sorgt sich auch. Als Tobias seinem Vater vergessene Medikamente vorbeibringen will, befindet sich scheinbar zufällig der junge Makler Franke in der Wohnung. Die angespannte Situation zwischen den drei Männern eskaliert, der Vater erschießt sich in der Küche, und plötzlich steht auch noch die junge Polizistin Shirin vor der Tür.

Schon ist man als Zuschauer mittendrin in einem klassischen Geiseldrama. Auch der bärbeißige Dietmar, so stellt sich heraus, war nicht ganz unschuldig. Sein Sohn wird nun zum Geiselnehmer wider Willen: Tobias hält die Polizistin und den Makler in seiner Gewalt, während draußen ein stattliches Sonderkommando der Polizei versucht, die Situation zu entschärfen. Tobias fordert mit der Mutter des Jungmaklers, die Besitzerin der Immobilienfirma, zu sprechen.

"Der letzte Mieter": Matthias Ziesing brilliert als Tobias

Auch wenn die Sympathien bei den Mietern liegen, wird hier kein schlichtes Gut-und-Böse-Szenario gezeichnet. Der Plot ist spannend und vielschichtig, die Schauspieler, allen voran Matthias Ziesing als Tobias und Conrad F. Geier als Sondereinsatzkommandoleiter agieren brillant. Der Schluss ist so klug mit Klischees und Erwartungen spielend inszeniert, dass die am Ende stehende Erkenntnis einen ziemlich aus dem Kinosessel haut. Sozialkritik mal anders: "Der letzte Mieter" ist erstklassiges Genrekino made in Germany.

Der letzte Mieter

Genre:
Thriller
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Matthias Ziesing, Pegah Ferydoni, Moritz Heidelbach
Veröffentlichungsdatum:
13. August
Regie:
Gregor Erler
Länge:
97 Minuten
FSK:
ab 16

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 12.08.2020 | 07:55 Uhr

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