Stand: 14.03.2018 12:03 Uhr

Ein Motel wird zum Abenteuerspielplatz

The Florida Project
, Regie: Sean Baker
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Im Februar wurde der große Schauspieler Willem Dafoe auf der Berlinale für sein Lebenswerk geehrt, jetzt ist er im Kino zu sehen. In "Florida Project", dem neuen Werk des amerikanischen Independent-Regisseurs Sean Baker, spielt er einen Hotelmanager und -hausmeister, der natürlich viel mehr ist als das.

Kleine Heldin mit Unsinn im Kopf

Die kleine Heldin dieses Films hat nur Unsinn im Kopf. Lustigen Unsinn. Kleine und große Streiche. Moonee, sechs Jahre alt, lebt mit ihrer Mutter in einem Motel in Florida, in der Nähe von Disneyworld. Draußen ist das Gebäude grell pinkfarben gestrichen, drinnen ist es heruntergekommen. Hier wohnen Langzeitmieter, so wie Moonee und ihre Mutter Halley. Menschen, die kein Geld für eine Wohnung haben. Kinder, die kein Taschengeld bekommen, ja nicht einmal ein Eis. Was Moonee und ihre Freunde nicht daran hindert, sich eines zu ertricksen.

Willem Dafoe als Hausmeister und Vaterfigur

Der Regisseur Sean Baker ist ein Regie-Guerillero. Er arbeitet am Rande der amerikanischen Filmindustrie und beobachtet liebevoll die Ränder der amerikanischen Gesellschaft. Er dreht mit wenig Geld an echten Locations, mischt professionelle Schauspieler mit Laien. Für "The Florida Project" konnte er Willem Dafoe gewinnen. Dafoe spielt Bobby, den Hausmeister des Hotels. Hingebungsvoll repariert er Klimaanlagen, wechselt Glühbirnen, schraubt, bohrt, hämmert - und versucht sein Motel vor den anarchischen Aktionen von Moonee und ihrer kleinen Kinderbande zu schützen.

Dafoes Bobby ist mehr als ein Hausmeister. Er ist eine Art Korrektiv und Vaterfigur für die Kinder, die mit ihren alleinstehenden Müttern in den Motelzimmern hausen. Er ist der gute Geist, die Seele des Ortes. Dafoe verleiht dieser Figur eine Mischung aus handwerklicher Bodenständigkeit, Fürsorge und tiefem Humanismus.

Ohne das Motel wären Moonee und ihre Mutter Obdachlose

Ein bisschen Menschlichkeit ist wirklich vonnöten in diesem Hotel, das letztlich die Obdachlosigkeit seiner Bewohner kaschiert. Vielleicht sehen wir hier auch die Vorstufe zum endgültigen Abstieg. Moonee und ihre psychisch labile Mutter verdienen ein paar Dollar mit dem Straßenverkauf von billigem Parfum und leben von den Lebensmittelresten eines nahen Diners. Außerdem arbeitet Halley heimlich als Prostituierte, was Bobbys aufmerksamen Augen nicht entgeht.

Alle paar Wochen müssen die Langzeitbewohner und -bewohnerinnen des Hotels auschecken und sich einen Tag später mit ihrem Ausweis neu anmelden. So will es das Gesetz. Natürlich könnte man tricksen. Warum also beharrt Bobby bei Halley auf der strikten Einhaltung der Regel? Vielleicht, weil er weiß, dass der Respekt vor den Vorschriften die Verantwortung simuliert, die sie nicht für ihre Tochter aufbringen kann.

Eine abgetrotzte Kindheit

"The Florida Project" zeigt, wie sich ein kleines Mädchen eine Kindheit abtrotzt. Wie Moonee, der kleine Wirbelwind, das Hotel, seine Parkplätze und Betriebsräume zum Abenteuerspielplatz, zu ihrer Welt macht. Disneyworld ist nur ein paar Meilen entfernt, könnte aber auch am Südpol liegen, der Eintritt ist einfach zu teuer. Wenn Moonee und ihre Mutter sich einmal zumindest in den Frühstücksraum eines der Disneyhotels einschleichen, ist das einerseits ziemlich traurig. Andererseits aber kann man gar nicht anders, als sich über Moonees Freude zu freuen.

The Florida Project

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Willem Dafoe, Brooklynn Prince, Bria Vinaite
Regie:
Sean Baker
Länge:
111 min
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
15. März 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 15.03.2018 | 07:20 Uhr

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