Stand: 23.09.2020 10:11 Uhr

"Persischstunden": Film über die Banalität des Bösen

von Krischan Koch

Lars Eidinger ist zurzeit einer der vielseitigsten deutschen Schauspieler. In Berlin wird er als Theaterstar gefeiert. Im Kino und im Fernsehen hat er als psychopathischer Postbote im "Tatort" brilliert, als Bert Brecht in der "Dreigroschenoper" oder als reaktionärer Industriellensohn in "Babylon Berlin". Jetzt ist Lars Eidinger als KZ-Kommandant in dem Film "Persischstunden" zu sehen.

VIDEO: Filmtrailer: "Persischstunden" (2 Min)

Das Jahr 1942: Die Nazis haben mit der systematischen Deportation der Juden in die Konzentrationslager begonnen. Der junge Belgier Gilles wird von der SS verhaftet. Doch er schwört, kein Jude zu sein, sondern Perser. Das ist sein Glück. Der Kommandant des Durchgangslagers Hauptsturmführer Klaus Koch träumt nämlich davon, nach Kriegsende in Teheran ein deutsches Restaurant zu eröffnen. Gilles soll ihm jetzt die persische Sprache Farsi beibringen.

Pedantisch lernt der Hauptsturmführer (gespielt von Lars Eidinger) jeden Tag ein paar neue Vokabeln. Nach seinem Dienst in der Küche des Lagers muss Gilles (Nahuel Biscayart) deshalb laufend Worte einer Sprache erfinden, die es gar nicht gibt. Denn sein Vater ist kein Perser, wie er behauptet. Der Nazi lernt eine reine Fantasiesprache.

Regisseur Vadim Perelman inszeniert eine irrwitzige Geschichte

Nahuel Perez Biscayart (links) als Gilles - Szene aus dem Film "Persischstunden" © © Alamode Film 2019
Gilles (Nahuel Perez Biscayart) gibt vor, kein Jude zu sein, sondern Perser.

Der ukrainisch-kanadische Regisseur Vadim Perelman inszeniert diese irrwitzige Geschichte als subtiles Kammerspiel. Bei ihren Persischstunden kommen die beiden Männer, Täter und Opfer sich näher. Um seinen Lehrer nicht zu verlieren, nimmt der SS-Mann ihn vor eifersüchtigen Denunzianten in Schutz. Als Gilles in ein Vernichtungslager im Osten deportiert werden soll, bringt Koch ihn auf einem Bauernhof in Sicherheit.

Lars Eidinger wollte keine dämonische Bestie in Naziunform verkörpern. Er verleiht diesem Lagerkommandanten menschliche Züge: "Sympathie ist ein seltsames Wort in dem Zusammenhang. Aber zumindest wollte ich dem Zuschauer die Möglichkeit geben, sich zu identifizieren. Es ist banal, aber eine wichtige Erkenntnis, dass Nazis keine Aliens waren, sondern Menschen wie du und ich, die in Konzentrationslagern gearbeitet haben und die für die Gräueltaten verantwortlich sind.

Eidinger spielt eine Nazi-Bestie mit sympathischen Zügen

Eidinger spielt den SS-Mann schillernd und doppelbödig. Einen Moment wirkt er fast zärtlich, wenn er seinem Lehrer ein eigenes Gedicht in Farsi vorträgt, im nächsten Moment droht er ihm mit dem Tod.

Es werden keine Hinrichtungen und keine Gaskammern gezeigt, dennoch ist der Schrecken der Vernichtungslager immer präsent. Die Alltagsszenen in der Küche und die scheinbar launigen Persischstunden wirken so beklemmend, weil der Schwindel jeden Moment aufzufliegen droht. Das ist ein beängstigend leiser und hochspannender Film über die Banalität des Bösen.

Sendehinweis
Der Schauspieler Lars Eidinger im Porträt. © picture alliance / Sven Simon Foto: FrankHoermann/SVEN SIMON

Lars Eidinger als SS-Mann in "Persischstunden"

Sein Hamlet an der Berliner Schaubühne ist legendär, für Film und Fernsehen steht Lars Eidinger oft vor der Kamera. In dem Kinofilm "Persischstunden" spielt er nun einen SS-Offizier. mehr

Persischstunden

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Russland, Deutschland, Weißrussland
Zusatzinfo:
mit: Nahuel Perez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay
Regie:
Vadim Perelman
Länge:
127 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
ab 24. September

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 23.09.2020 | 06:40 Uhr

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