In einem Kinosaal stehen rote Kinosessel und der Saal ist hell erleuchtet. © NDR Foto: Hauke Bülow

Kinos im Norden: Volle Säle oder gähnende Leere?

Stand: 22.07.2021 11:42 Uhr

Drei Wochen ist es her, da haben die meisten Kinos in Deutschland nach acht Monaten Lockdown wieder geöffnet. Wie schauen die Kinobesitzerinnen und -besitzer im Norden auf die vergangenen Wochen zurück?

von Anina Pommerenke

Einige Kinos konnten schon Anfang Juni wieder Filme gezeigt, andere hingegen brauchten noch etwas mehr Vorlauf, um wieder öffnen zu können. Grundsätzlich zeigen sich die Kinobesitzerinnen und -besitzer glücklich und zufrieden, weil sie endlich wieder öffnen dürfen und Filme zeigen können. Die acht Monate waren eine harte Phase des Abwartens und Füßestillhaltens. Jetzt ist der große Bonusfaktor, dass es gleich so tolle Filme gibt.

Kino und Kultur: "Die Menschen sind ausgehungert"

Torben Scheller vom Apollo Kino in Hannover, ein kleines Stadtteil Kino, berichtet, dass bei ihm die Stimmung gut sei. Er freue sich darüber, Oscar- und Berlinale-Preisträger zu zeigen. Teilweise hätte er für einzelne Vorstellungen sogar mehr Karten verkaufen können, aber klar: Sicherheit und Abstandsregeln gehen vor. Er hat schon Anfang Juni geöffnet und würde die Nachfrage bisher mit einem normalen Sommer vergleichen, Schwankungen gäbe es da immer - zum Beispiel je nach Wetter oder wenn gerade olympische Spiele stattfinden.

Glücklich ist auch Nicole Claussen vom Kinocenter Rendsburg: "Wir sind ganz überrascht, dass wir trotz des super schönen Sommerwetters hier bei uns in Schleswig-Holstein, was ja wirklich nicht so Usus ist hier bei uns, wirklich gute Besucherzahlen hatten. Die Menschen sind wirklich ausgehungert, das merkt man. Wir reden auch viel mit denen. Dass sie wirklich froh sind, mal wieder was machen zu können. Wir freuen uns, dass auch die großen Verleiher uns Blockbuster zur Verfügung stellen, die sie zurückgehalten und nun doch ins Kino gebracht haben. Und dass es Menschen gibt, die sagen, dass sind Filme, die gehören auf die große Leinwand. Wir sind froh, dass es euch noch gibt und wir wollen euch noch weiter unterstützen. Und deswegen waren die ersten drei Wochen einfach großartig."

Corona: Wie geht es weiter?

Was natürlich trotzdem vielen Kinoinhaberinnen und -inhabern Stirnrunzeln bereitet, ist die Frage, wie sie langfristig mit den begrenzten Platzkapazitäten wirtschaftlich arbeiten sollen. Vor allem wenn der Herbst kommt - dann geht man vielleicht abends auch wieder lieber ins Kino und nicht in den Park. Und die große Frage: Wie geht es weiter mit der Corona-Pandemie? Gerade jetzt, wo die Inzidenzen wieder steigen. Welche Probleme und Herausforderungen haben die Kinobetreiber vor sich?

Grundsätzlich ist es natürlich sehr aufwendig, die ganzen Regeln einzuhalten. Das kostet Zeit und Personal. Und dann gibt es in den Nord-Bundesländern auch noch unterschiedliche Regeln. Christine Berg, Vorstandsvorsitzende vom Kinoverband, sagt, dort wo Menschen nur geimpft, genesen und getestet ins Kino dürfen - wie zum Beispiel in Hamburg - macht sich das deutlich an den Besucherzahlen bemerkbar:

"Wir haben tatsächlich einen Besucherrückgang von bis zu 50% in diesen Ländern zu verzeichnen. Für uns ist das ein bisschen unverständlich, warum hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Wir haben gute Hygienekonzepte, die immer wieder erneuert werden und in allen anderen Ländern, wo es diese Auflagen nicht gibt, haben wir auch keine Vorkommnisse. Warum dann nicht auch in Hamburg? Ganz besonders betroffen sind dann natürlich auch Kinos in Grenzgebieten, denn da geht das Publikum eher in die Kinos, in denen es die 3-G-Regel nicht gibt. Und da appellieren wir an die Politik in Hamburg: Dass sie hier wirklich überlegt, muss das sein? Warum kann man nicht gleichschalten mit allen Bundesländern?"

Finanzieller Kraftakt für viele kleine Kinos im Norden

Diese Erfahrung hat auch Felix Grassmann, Geschäftsführer vom Abaton-Kino in Hamburg, gemacht: "Die ersten Wochen liefen eigentlich ganz gut. Allerdings hätte ich gedacht, dass mehr Besucher kommen, denn wir haben wirklich sehr viele gute Filme im Programm. Das zeigt aber eigentlich nur, dass die letzten eineinhalb Jahre nicht spurlos an den Menschen vorbeigegangen sind. Wenn man ständig hört, man solle zu Hause bleiben, dann tut man das natürlich auch. Es wird immer klarer, wie groß der Schaden ist, den das kulturelle Leben in den letzten Monaten genommen hat. Es wird lange dauern, bis diese Schäden behoben sind und wir wieder mit vollen Häusern rechnen können, fürchte ich."

Positiv bewerten die Kinobetreibenden, dass durch den gemeinsamen Neustart am 1. Juli tolle Filme in die Kinos gekommen sind. Der große Wunsch ist, dass es jetzt auch so weitergeht, denn sonst wäre die Perspektive düster. Das bestätigt auch Hans-Joachim Flebbe, der Gründer der CinemaxX AG:

"Ja, das ist genauso ein Rätselraten wie bei allen anderen Menschen auch. Man weiß nicht, ob die Inzidenzzahlen wieder hochgehen und ob sie das einzige Maß der Dinge sein werden. Wir hoffen alle, dass Ende September der James Bond anläuft, der ja schon zweimal verschoben worden ist. Wir hoffen, dass es nicht nochmal zu einer Verschiebung kommt. Das hängt aber auch wieder davon ab, ob wir Plätze verkaufen dürfen oder nur maximal 25 Prozent der Plätze belegen können. Wenn das der Fall ist, dann könnte es passieren, dass der Filmverleih und die Produktionsfirma den Film nicht freigeben und der noch mal aufs nächste Jahr verschoben wird."

Das wäre für alle Beteiligten sehr ärgerlich. Durch den achtmonatigen Lockdown zu kommen, war für viele kleine Kinos im Norden schon ein großer finanzieller Kraftakt. Jetzt muss einfach Geld in die Kassen kommen. Bei aller Euphorie über die Wiedereröffnung stehen die Kinos vor großen Herausforderungen. Das hat auch noch einmal Christine Berg vom Kinoverband betont: "Das Stammpublikum muss zurückgewonnen werden. Junge Menschen müssen fürs Kino begeistert werden. Kinos müssen nachhaltiger werden. Gleichzeitig müssen die Kinos für das besondere Erlebnis werben, das sie zu bieten haben. Es ist ja doch etwas anderes, einen Film im Kino zu schauen als daheim auf dem Sofa."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.07.2021 | 08:00 Uhr

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