Stand: 11.03.2019 14:20 Uhr

Katja Benrath: "In Hamburg zu drehen war der Hammer"

Nach ihrem Erfolg mit dem Oscar-nominierten Kurzfilm "Watu Wote" legt die Wahlhamburgerin Katja Benrath mit ihrem Kinofilmdebüt "Rocca verändert die Welt" nach. Die Regisseurin erzählt im Interview mit NDR.de über Rocca, eine moderne Pippi-Langstrumpf-Figur, Eichhörnchen, Hamburg als Drehstadt und den Umgang mit Angst.

In Ihrem Abschluss-Kurzfilm "Watu Wote" an der Hamburg Media School ging es um Zivilcourage und ein verhindertes Attentat in Kenia. Nun folgt Ihr Spielfilm-Debüt in Hamburg: die Geschichte der unangepassten elfjährigen Rocca, gespielt von Luna Maxeiner, die zum ersten Mal in eine reguläre fünfte Klasse geht und daher einen erfrischenden Blick von außen auf die Gesellschaft hat. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

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Katja Benraths Kinodebüt "Rocca" geht es um Solidarität, Loyalität und Angst.

Katja Benrath: Mich hat die Geschichte gereizt. Im Prinzip gibt es eine klare Kontinuität zwischen beiden Filmen. In "Watu Wote" geht es auch um Solidarität, um Loyalität und Menschlichkeit. Rocca steht für andere auf, macht sich gerade und versucht, für ihre Sache und für andere Menschen einzustehen. Ich finde es wichtig, dass Kindern solche Geschichten erzählt werden - gerade jetzt. Ich habe mich viel mit dem Thema Mobbing beschäftigt. Das spielt auch in "Rocca" eine Rolle. Es wird immer gruseliger, was schon an Grundschulen passiert, und wie sich Kinder übers Handy und über Social-Network-Plattformen gegenseitig fertigmachen. Insofern finde ich es wichtig, Kindern diese Werte oder die Kraft und den Mut mitzugeben, zu sagen: "Ich mache es anders." Ein weiteres wichtiges Thema ist für Rocca die Angst. Wahrscheinlich geprägt durch ihren Vater, der Astronaut ist, sagt Rocca: "Angst hilft mir nicht." Es ist doch eine schöne Vorstellung, Kindern die Möglichkeit zu geben, zu reflektieren, zu merken: "Aha, vielleicht kann ich entscheiden, mal keine Angst zu haben."

Rocca hat einen ungetrübten Blick auf das Geschehen an ihrer neuen Schule, denn vorher ist sie privat unterrichtet worden?

Benrath: Sie hat eine komplett andere Kindheit gehabt. Das macht es so interessant, weil wir durch ihre Augen auf unsere Welt gucken können. Sie ist in einer Raumfahrttrainingsstation aufgewachsen und hat das Notwendige für die Schule gelernt, aber sie hat auch für die Arbeit auf der Raumstation ISS mittrainieren dürfen und ganz andere Dinge gelernt. Sie kommt in unsere Welt und erlebt, wie sich Kinder mit diesem komischen Gerät Handy gegenseitig kaputt machen. Es fällt den Menschen wahnsinnig leicht, sich in Chats und im Internet über andere zu erheben und Macht auszuüben. Das passt nicht in Roccas Horizont. Sie geht hin, fragt nach, stellt die Dinge auf den Kopf und probiert Neues aus.

Sie scheint ein wenig wie eine moderne Pippi Langstrumpf zu sein, oder? Statt des Affen hat sie ein Eichhörnchen, sie hat zwei gute Freunde und macht verrückte Dinge.

Benrath: Der Vergleich mit Pippi Langstrumpf gefällt mir gut, weil Rocca eine sehr starke und unkonventionelle Mädchenfigur ist. Viele können sich darin erkennen, wenn sie sich an ihre Kindheit zurückerinnern - an dieses Unvoreingenommene. Rocca hat Kraft, Mut und die Bereitschaft, Spaß zu haben, ist aber auch bereit, dafür etwas zu geben und ein Risiko einzugehen. Sie ist ein direkter Kontrast zu den Nachbarskindern, die eine überbehütende Mutter haben, die ihnen die Angst quasi einprogrammiert hat.

Das Eichhörnchen im Film heißt Klitschko. Hat der Sportler Wladimir Klitschko sich dazu geäußert - und wie viele echte Tiere sind für den Film genutzt worden?

Benrath: Klitschko hat sich bisher nicht gemeldet (lacht), aber der Film läuft erst an. Wir hatten mehrere echte Eichhörnchen am Set, die im Wechsel gespielt haben. Eichhörnchen sind sehr nervös und wir wollten nicht, dass sie in Stress geraten. An einigen Stellen gibt es ein digitales Tier, weil wir diese Szenen nicht mit einem echten Tier drehen konnten. Unsere Eichhörnchen wurden von Tiertrainern großgezogen, weil sie zum Beispiel aus dem Nest gefallen waren. Sie sind während der Dreharbeiten von den Trainern an die Wildnis gewöhnt worden, haben parallel in unserem Film mitgespielt und wurden nach den Dreharbeiten in die Freiheit entlassen.

Ein Mädchen hält ein Eichhörnchen im Arm - Szene mit Luna Maxeiner in "Rocca verändert die Welt" von Katja Benrath © Warner

Katja Benrath über "Rocca verändert die Welt"

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Die Studenten-Oscar-Gewinnerin Katja Benrath hat ihren ersten langen Film gedreht. "Rocca verändert die Welt" ist ein Familienfilm mit einem starken Mädchen, das ein bisschen an Pippi Langstrumpf erinnert.

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Sie leben seit einigen Jahren in Hamburg - und die Hansestadt kommt in vielen Aufnahmen vor: Es gibt Floßfahrten, Taxifahrten, Schule, Krankenhaus, Parks, Brücken. Wie haben Sie den Dreh in Hamburg empfunden?

Benrath: Wir haben im Jahrhundertsommer gedreht. Die Sorge, dass es zu oft regnet, war also unbegründet. Es war der absolute Hammer, in Hamburg zu drehen. Auch, weil ich mit dem Fahrrad zum Set und nach Hause fahren konnte. Ich bin zwar vor vier Jahren hergezogen, habe aber studiert und in dieser Zeit kaum Möglichkeiten gehabt, die Stadt kennenzulernen. Danach habe ich wie wahnsinnig gearbeitet. Erst durch die Dreharbeiten zu "Rocca" habe ich die Stadt und ihre Schönheit wirklich kennengelernt.

Wie groß war für Sie der Druck, nach dem Abschlussfilm den ersten Spielfilm vorzulegen?

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"Rocca verändert die Welt" kommt am 14. März in die Kinos.

Benrath: Der Druck ist immer groß, den ersten Spielfilm nach der Studienphase zu machen. Es war ein sehr großes Projekt für einen Erstlingsfilm - mit viel Verantwortung. Ein Projekt mit Tieren und Kindern, wo man sonst rät: "Mach das bloß nicht." Aber es war wunderschön, vor allem mit diesen Kindern, die alles gegeben haben. Sie sind zu einer guten Truppe zusammengewachsen und treffen sich noch jetzt.

Vor Kurzem war die Oscar-Verleihung, Sie haben mit Ihrem nominierten Kurzfilm "Watu Wote" mehrfach an den Oscars teilgenommen. Was haben Sie langfristig aus dieser Erfahrung mitgenommen?

Benrath: Das war eine besondere Zeit. Gefühlt sammelt ganz Nordamerika seine Kreativen in Los Angeles. Da sind so viele unfassbar leidenschaftlich kreative Menschen, dass die Luft flirrt. Ich bekomme auch von dort mitunter Drehbücher angeboten. Noch weiß ich aber nicht, ob Los Angeles die erste Wahl ist, denn wir wollen auch hier gute Filme haben. Vielleicht mache ich es irgendwann. Es kommt mir immer am meisten auf die Geschichte an. Wo die gute Geschichte ist, da werde auch ich sein.

Welches nächste Projekt steht an?

Benrath: Ich habe gerade mehrere Projekte gleichzeitig auf dem Schreibtisch liegen und versuche gemeinsam mit den Verantwortlichen herauszufinden, ob es eine gute Kombination ist und ich schreibe an einem eigenen Drehbuch. Ein anderes werden wir sicher 2020 umsetzen. Das wird ein besonderer Film für Kinder sein, in dem es um Lebensträume geht.

Das Gespräch führte Patricia Batlle.

Ein Mädchen hält sitzt traurig im Hauseingang mit einem Mann - Szene mit Luna Maxeiner und Farih Yardim in "Rocca verändert die Welt" von Katja Benrath © Warner

Vorschau aufs Hamburger Kinojahr 2019

NDR 90,3 - Kulturjournal -

Hamburg ist prominenter Drehort in diesem Kinojahr - für neue Filme von Fatih Akin, Katja Benrath und im Blockbuster "3 Engel für Charlie".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 13.03.2019 | 13:00 Uhr

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