Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck im Gespräch beim NDR © NDR Foto: Patricia Batlle

Jens Wawrczeck: "Hitchcock ist ein zeitloses Phänomen"

Stand: 24.09.2021 11:25 Uhr

Der Schauspieler und Hörbuchsprecher Jens Wawrczeck ist großer Hitchcock-Kenner. Am 26. September präsentiert einen seiner Hitchcock-Abende "Hitch und Ich" in den Hamburger Kammerspielen. Dabei geht es um den Thriller "Spellbound" ("Ich kämpfe um dich"). Ein Gespräch über das Genie Alfred Hitchcock.

Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck im Gespräch beim NDR mit NDR 90,3 Redakteur Daniel Kaiser © NDR Foto: Patricia Batlle
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Der Name Hitchcock, da weiß man gleich Bescheid: Spannung, Suspense, "Die Vögel", "Fenster zum Hof", "Bei Anruf Mord". Was reizt Sie an Hitchcock?

Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck im Gespräch beim NDR © NDR Foto: Patricia Batlle
"Der Name Hitchcock war weltweit in jedem Wohnzimmer bekannt, das ist bis heute so", so Schauspieler Jens Wawrczeck, der die meisten der Hitchcock-Filme "gefühlt 50 Mal" gesehen hat.

Jens Wawrczeck: Hitchcock ist für mich einer der Filmemacher, dessen Filme man nicht oft genug sehen kann. Man entdeckt immer wieder neue Ebenen und inszenatorische Raffinessen. Die meisten Hitchcock-Filme habe ich gefühlt 50 Mal gesehen.

Was wäre denn zum Beispiel so ein Detail, was sie erst beim 49. Mal entdeckt haben?

Wawrczeck: Auf jeden Fall bin ich immer wieder begeistert von der Sorgfalt seiner Inszenierung, wie er Bilder entstehen lässt, wie er seine Kamera positioniert , wie er Schauspieler geführt hat. Es heißt, Hitchcock sei für seine Darsteller eher unnahbar gewesen. Aber es gibt eigentlich keine Leistung in einem Hitchcock-Film, über die man nicht sagen könnte, "so gut habe ich den Schauspieler oder die Schauspielerin selten gesehen". Also muss er etwas richtig gemacht haben.

"Die drei Fragezeichen" leben ein bisschen von der Hitchcock-Aura. Die drei Detektive wurden am Anfang in den Geschichten noch von Hitchcock 'betreut'.

Wawrczeck: Das stimmt, die ersten Folgen, da ermittelten wir immer noch in Kooperation mit Hitchcock. Das glaubten wir zumindest - er hatte tatsächlich mit dem Produkt relativ wenig zu tun, außer dass er seinen Namen zur Verfügung gestellt und dafür wahrscheinlich viel Geld bekommen hat.

Schauspieler und Hörspielsprecher Jens Wawrczeck im Gespräch beim NDR mit NDR 90,3 Redakteur Daniel Kaiser © NDR Foto: Patricia Batlle
"Für Hitchcock war es typisch, seinen Zuschauer früh einzuweihen, wer der Täter ist - dadurch entsteht Spannung", erklärt Wawrczeck im Gespräch mit NDR Hamburg 90,3 Redakteur Daniel Kaiser.

Aber ich weiß, dass ich, bevor ich in den Hörspielen landete, eines der Fragezeichen-Bücher unterm Weihnachtsbaum fand und mich das besonders angesprochen hat, weil eben der Name Alfred Hitchcock draufstand. Ich hatte dadurch das Gefühl, ich würde schon ein bisschen in die Erwachsenenwelt linsen. Außerdem hatte ich schon "Bei Anruf Mord" gesehen und war begeistert von der ganz eigenen Hitchcock-Ästhetik. Das hätte ich damals natürlich nicht so benennen können. Aber der Film hatte einen Sog, der mich nicht mehr losgelassen hat.

Das heißt, Hitchcock spielte schon in Ihrem Filmkonsum als Kind eine Rolle?

Wawrczec: Absolut. Und wissen Sie, was? Ich darf sogar ein Buch über meine Hitchcock-Leidenschaft schreiben. Im Herbst 2022 erscheint ein Buch über mein Leben mit Alfred Hitchcock und wie Hitchcock-Filme mein Leben begleitet haben.

Suspense ist hier so ein Begriff, der einem sofort einfällt, wenn man einen Hitchcock denkt. Wie macht er das?

Wawrczeck:  Für Hitchcock war es typisch, seinen Zuschauer früh einzuweihen, wer der Täter ist und dadurch entsteht Spannung. Es ist nicht wie bei einem Agatha-Christie-Fall, bei dem man bis zum Schluss rätselt, wer hat es denn eigentlich getan. Bei Hitchcock ist es eher so, dass wir miterleben, wie Täter und Opfer sich die ganze Zeit umkreisen, wie sie sich annähern, miteinander flirten. Und wir  fiebern - und das ist das Tolle an Hitchcock - sowohl mit dem Opfer als auch mit dem Täter mit. Hitchcock Bösewichte sind oft interessanter als die Guten.

Über manche Filme werden quasi Doktorarbeiten geschrieben, sie werden auseinandergenommen. Bild für Bild und Sound für Sound ganz besonders. Etwa die Duschszene in "Psycho". Was ist da die große Kunst?

Wawrczeck: Die Duschszene in "Psycho" ist auch wegen des Soundtracks von Bernard Herrmann legendär. Der Komponist hat hier nur Streicher eingesetzt. Die Streicher ersetzen fast die Schreie des Opfers. Die sind in dem Moment, in dem Janet Leigh unter der Dusche ermordet wird, so schrill und klagend und unerträglich, dass diese Szene zu einem elementaren Erlebnis für uns wird. Ich glaube, dass die Duschszene in "Psycho" das Badezimmer-Bewusstsein und das Duschverhalten ganzer Generationen verändert hat.

Hauptdarstellerin Janet Leigh hat gesagt, sie ist nach dieser Szene monatelang nicht mehr ohne Angst unter die Dusche gegangen. Und Hitchcock hat erzählt, es gibt eine wunderbare Anekdote, dass er einen Brief bekommen hat von einer Mutter, die schrieb, "nachdem meine Tochter den Film 'Die Teuflischen' gesehen hat, von Henri-Georges Clouzot, in dem ein Mann in einer Badewanne ertrinkt, wollte sie nicht mehr baden. Und nachdem sie 'Psycho' gesehen hat, wollte sie nicht mehr duschen." Daraufhin hat Hitchcock in seiner wunderbaren, schwarzhumorigen Art gesagt: "Schicken Sie sie in die Reinigung."

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Der Regisseur hat sich die Geschichten in der Regel nicht selbst ausgedacht, sondern nutzte Vorlagen. Wie ist er mit diesen Büchern umgegangen?

Wawrczeck: Sehr vogelfrei, um mal einen seiner Filme zu zitieren. 42 seiner Filme basieren auf literarischen Vorlagen, und er hat sich selten sklavisch an die literarische Vorlage gehalten. Es sei denn, er hatte einen Produzenten im Nacken, der darauf geachtet hat. Das war in den 40er-Jahren David O. Selznick, der auch "Vom Winde verweht" produzierte. Er hat bei "Rebecca" (von Daphne du Maurier) sehr darauf geachtet, dass Hitchcock werkgetreu blieb.

Aber Hitchcock hatte von dieser Kontrolle schnell die Nase voll und wurde bald sein eigener Produzent. Danach konnte er mehr oder weniger tun und lassen, was er wollte. Er war nicht nur Regisseur - er war ein Imperium!   

Es gab mehrere Abteilungen auf dem Universal-Gelände, die für Hitchcock gearbeitet haben. Er produzierte seine extrem erfolgreiche Fernsehserie in den 50er-Jahren und wurde dadurch noch populärer. Der Name Hitchcock war plötzlich weltweit in jedem Wohnzimmer bekannt, das ist bis heute so. Ich glaube, dass sich die Autorinnen und Autoren geschmeichelt fühlten, wenn sie von Hitchcock verfilmt wurden, und sie haben dann vielleicht zähneknirschend in Kauf genommen, dass sie auf der Leinwand ihre Romane, Erzählungen oder Theaterstücke nicht wiedererkannt haben.

Sie machen in den Hamburger Kammerspielen immer wieder wunderbare Hitchcock-Abende, das sind Lesungen mit den Büchern, die er als Vorlage benutzt hat. Dazu kommt Musik, und ich habe schon einige von diesen Abenden gesehen. Das ist immer so spannend und so atmosphärisch, man hört die berühmte Stecknadel fallen. Wie bereiten Sie so einen Abend vor?

Wawrczeck: Unter dem Namen "erfilmt von Alfred Hitchcock" habe ich auf meinem Label audoba auch eine Hörbuchreihe gestartet. In dieser Reihe lese ich eben genau diese literarischen Vorlagen, die Hitchcock verfilmt hat. Die sind teilweise in Vergessenheit geraten, teilweise gab es noch gar keine deutschen Übersetzungen. Welche Texte es tatsächlich von der Hörbuchfassung auf die Bühne schaffen, hängt davon ab, wie bühnenwirksam sie sind.

Was die Musikauswahl angeht, das ist eine intuitive Sache. Ich habe zum Beispiel die Lesung "Die Vögel" von Daphne du Maurier im Repertoire. Und da in dem Film nur elektronische Musik und keine konventionelle Filmmusik zu hören ist, dachte ich mir, das sollten wir auf der Bühne auch abbilden. Bei "Die Vögel" begleitet mich Jan-Peter Pflug auf dem Theremin. Das ist spannend, weil jeder Abend dadurch eine ganz eigene, eben auch musikalische Atmosphäre bekommt.

In "Spellbound", mit dem ich Ende September in Hamburg auftrete, stehe ich mit der Harfenistin Maria Totenhaupt auf der Bühne. "Spellbound" ist einer der Texte, der  komplett anders ist als der Film mit Ingrid Bergman und Gregory Peck, in dem sie als Psychiaterin Gregory Peck von seinem Trauma erlösen will. Im Roman spielt alles in einem abgelegenen Schweizer Sanatorium, und eigentlich sind alle verrückt. Ein richtiger, fiebriger 20er-Jahre-Roman, ziemlich überkandidelt. Passend dazu brauchte ich eine angemessen theatralische Musik. Und die Harfe garantiert auch optisch Theatralik.

Sie investieren Geld aus der eigenen Schatulle, um diese Bücher zu übersetzen, die in Vergessenheit geraten, diese Vorlagen. Ist es ein rein idealistisches Projekt oder stößt das auch auf andere Hitchcock-Fans?

Wawrczeck:  Ich habe im Laufe der letzten drei, vier Jahre immer wieder Menschen getroffen, die ich ohne meine Leidenschaft und ohne mein Engagement für Hitchcock nicht kennengelernt hätte. Trotzdem ist es ein idealistisches Projekt. Mit anderen Projekten verdiene ich meine Miete und verdiene das Geld, dass ich in meine Hitchcock-Mission stecken kann. Und ich brenne wirklich für Hitchcock!. Es ist nicht so, dass ich mir irgendwann gedacht habe "Hitchcock hat auch mal mit den drei Fragezeichen zu tun gehabt. Ach, das wäre doch was." Nein, Hitchcocks Filme begleiten mich wirklich durch mein Leben.

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Hitchcock-Filme sind aus einem anderen Jahrtausend. Heute dreht man Filme anders. Würde einer wie Hitchcock heute noch Erfolg haben als junger aufstrebender Filmemacher?

Wawrczeck: In jedem Fall, weil Hitchcock so innovativ war. Als er seinen größten Erfolg "Psycho" drehte, hat er kurz davor in den 50er-Jahren ein paar Meisterwerke abgeliefert. "Psycho" war aber für die damaligen Verhältnisse eine absolute Neuheit. Genau wie "Die Vögel", der war ein geradezu avantgardistischer Film. Hitchcock war zu der Zeit, als er das gemacht hat, schon ein älterer Herr.

Hitchcock war ein Genie, er war nicht zu vergleichen mit anderen Filmemachern. Er hat bestimmte Sachen erfunden und einen unverwechselbaren Stil gehabt. Hitchcock wird von allen Filmemachern, die etwas auf sich halten, in Ehren gehalten und immer wieder zitiert.

Hitchcock ist wirklich ein zeitloses Phänomen. Natürlich kann es sein, dass einige Zuschauer, wenn sie einen Hitchcock-Film sehen, denken - "Aha gut, das ist ein bisschen langsamer erzählt, als wir es heute machen würden" - aber das bedeutet ja nicht schlechter. Im Gegenteil. Also ich denke, Hitchcocks Genie ist absolut im Hier und Jetzt.

Genies können anstrengend sein. Wie war er als Typ?

Wawrczeck: Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Ich kann nur aus dem Nähkästchen plaudern, das ich mir angelesen habe. Er soll ein schwieriger Mensch gewesen sein. Aber andere sagen, er war unglaublich freundlich. Das ist wie mit allen Ausnahmekünstlern. Man kann da nicht sagen, dass die ticken wie du und ich. Die haben gewisse Macken, die man vielleicht bis zu einem gewissen Grad akzeptieren muss.  Ich glaube, da muss jeder für sich entscheiden, "bis hierher und nicht weiter".

Natürlich ist sein Regiestil gerade mit blonden Frauen umstritten. Da gibt es Schauspielerinnen, die gesagt haben: "Es war schrecklich". Und es gibt die, die sagen, "Er war entzückend". Als Zuschauer sehe ich  nur das Endergebnis und obwohl ich gesagt habe, dass seine Bösewichte interessanter sind, ist er immer auf der Seite der Opfer. Ich finde, er ist ein sehr moralischer Filmemacher - im besten Sinne. Man spürt, dass sein Herz für die Schwachen schlägt.

Das Gespräch führte NDR 90,3 Redakteur Daniel Kaiser.

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