Stand: 05.12.2019 14:43 Uhr

"Die zwei Päpste": Erzählung einer fiktiven Begegnung

von Katja Nicodemus

Im Jahr 2002 wurde der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles mit dem Film "City of God" über den gewalttätigen Alltag einer Favela weltbekannt, seitdem hat er eine internationale Karriere im englischsprachigen Kino gemacht. Sein neuer Film "Die zwei Päpste" - eine Netflix-Produktion - kommt nun auch in deutsche Kinos.

Treffende Sprüche hat dieser Film viele zu bieten und er hat auch ein pointenreiches Thema: die fiktive Begegnung zweier Päpste und Antipoden. Auf der einen Seite der erzkonservative Papst Benedikt XVI., alias Joseph Ratzinger, dargestellt von Anthony Hopkins. Auf der anderen Seite sein Nachfolger, der progressiv ausgerichtete Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der sich als Papst Franziskus nennen wird, gespielt von Jonathan Pryce.

"Die zwei Päpste": Benedikt und sein Nachfolger

Vor dem Hintergrund der Krise im Vatikan und angesichts einer katholischen Kirche, die erschüttert wird von Missbrauchsskandalen, Korruptionsvorwürfen und Enthüllungen über Geschäfte mit der Mafia, entfaltet der Film fiktive Zusammentreffen der beiden Geistlichen während einiger gemeinsamer Tage im Jahr 2012. Schauplätze sind die Sommerresidenz des Papstes und ein Hinterzimmer der Sixtinischen Kapelle.

Anlass der fiktiven Begegnung ist Bergoglios Rücktrittsgesuch. Als Kardinal fühlt er sich gescheitert. Lieber will er wieder als Gemeindepfarrer in Argentinien tätig sein. Doch der amtierende Papst zitiert ihn nach Rom. Er hat ein anderes Ansinnen. Benedikt möchte herausfinden, ob Bergoglio ein würdiger Nachfolger ist. Es kommt zu einem Austausch der Welthaltungen, Blicke, Überzeugungen.

Amüsante Dialoge zweier gegensätzlicher Charaktere

Die Dialoge sind amüsant, die Kamera bewahrt stets die Augenhöhe der beiden Kontrahenten. Doch die Fehlentwicklungen und Vertuschungen der Kirche werden genauso wie die Spannungen in ihrem Inneren nur angeschnitten. Dafür wird die Gegensätzlichkeit der beiden Geistlichen recht plakativ in Szene gesetzt. Hier der scharfzüngige Deutsche mit dem analytischen Verstand. Da der menschenfreundliche Argentinier.

Fernando Meirelles setzt auf Verweltlichung, auf Humor und menschelnde Momente. Es ist einfach amüsant, wenn Bergoglio den Abba-Song "Dancing Queen" summt und wenn er nach einem der gemeinsamen Gespräche mit glücklichem Gesicht in einem Selbstbedienungsladen genüsslich eine Pizza isst. Natürlich ist eine gute Anspielung, wenn der Deutsche Zarah Leander klimpert und sich als Fan der Serie "Kommissar Rex" mit dem deutschen Schäferhund in der Hauptrolle outet. Doch dann verharrt das Drehbuch bei einem oberflächlichen Spiel mit dem bereits Bekannten: Ratzinger liebt die Macht, den Papstring, seine roten Schuhe, während Bergoglio, das wissen wir ja nun, auf so ziemlich alles verzichtet.

Die politische Dimension des Papsttreffens kommt zu kurz

Letztlich erzählt "Die zwei Päpste" eher die Geschichte des jetzigen Papstes Franziskus. In langen, auch ermüdenden Rückblenden geht es um sein Schweigen und seine Verwicklungen während der argentinischen Militärdiktatur, um seine Schuldgefühle angesichts des Todes mehrerer Jesuiten und anderer enger Freunde und Freundinnen. Weniger ausführlich geht es um die Missbrauchsfälle, die während der Amtszeit von Papst Benedikt zum Vorschein kamen. Er flüstert Bergoglio etwas ins Ohr, was wir nicht verstehen können. Später hören wir nur seinen Entschluss. 

"Die zwei Päpste" mag von einem Machtverzicht handeln, doch dessen politische Dimension wird nicht erzählt. So unterhaltsam Meirelles Film streckenweise ist, so gern man den beiden großartigen Schauspielern Hopkins und Pryce beim Diskutieren, Debattieren oder Fußballschauen folgt - letztlich bleibt der Film unkritisch und erteilt mit den Mitteln des guten Unterhaltungskinos der katholischen Kirche die Absolution. 

Die zwei Päpste

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Großbritannien, Italien, Argentinien, USA
Zusatzinfo:
mit Anthony Hopkins und Jonathan Pryce
Regie:
Fernando Meirelles
Länge:
126 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
5. Dezember 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 05.12.2019 | 07:20 Uhr

Weitere Filmneustarts der Woche

"Auerhaus": Kino-Drama um eine Jugend-WG

Bov Bjergs Bestseller "Auerhaus" ist verfilmt worden. Der Film über das Erwachsenwerden von vier Jugendlichen ist unspektakulär, melancholisch, sehr berührend und manchmal komisch. mehr

Neue Komödie von Woody Allen

"A Rainy Day In New York" ist keins von Woody Allens Geniestücken, aber nette Unterhaltung. In den USA wurde der Film nicht gezeigt, dort ist Allen auf Grund der #MeToo-Debatte in Ungnade gefallen. mehr

Mehr Kultur

Die Silhouette von Personen auf einer Musikveranstaltung in strahlendem Licht. © Fotolia Foto: MelindaNagy

Mit "Green Events" zu mehr Nachhaltigkeit in der Kultur

Das Netzwerk beschäftigt sich mit der Frage, wie Veranstaltungen Ressourcen-schonender organisiert werden können. mehr

Eine Frau läuft einen beleuchteten Weg entlang. © xFlorianxGaertner/phototek.netx

Gegen die Angst: Stadtplanung für Frauen

Laut einer Studie fühlt sich kaum eine Frau in Städten sicher. Warum wird das in der Stadtplanung so wenig beachtet? mehr

Szene aus dem Stück "Publikumsbeschimpfung" des Klabauter Theaters Hamburg. © Klabauter Theater

Klabauter Theater spielt Handkes "Publikumsbeschimpfung"

Mit dem Stück will das Ensemble der inklusiven Hamburger Bühne die Zuschauer aus ihrer Komfortzone herausholen. mehr

Nina Hoss und Lars Eidinger in einer Filmszene aus Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds Film "Schwesterlein" © Vega Film

"Schwesterlein": Nina Hoss und Lars Eidinger im Interview

Nina Hoss und Lars Eidinger kennen sich seit 25 Jahren. Jetzt spielen sie Geschwister im Krebsdrama "Schwesterlein." mehr