Stand: 10.10.2019 10:49 Uhr

"Der Distelfink" - gescheiterte Romanverfilmung

Der Distelfink
, Regie: John Crowley
Vorgestellt von Anna Wollner

Es gibt Bücher, die gelten als unverfilmbar - und doch wagt Hollywood es. "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer zum Beispiel, "Der Wolkenatlas" von David Mitchell oder "Der Distelfink" von Donna Tart, ein Gesellschaftsroman benannt nach einem berühmten Gemälde, der 2014 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Seit vergangener Woche ist "Der Distelfink" im Kino. In den USA gilt er bereits als bisher größter Flop des Jahres.

"Der Distelfink" benannt nach historischem Gemälde

Es ist gerade mal 33,5 mal 22,8 cm groß, unscheinbar, ein Vogel sitzt vor einem schlichten, grauen Kasten, hat eine goldene Kette um einen Fuß, damit er nicht wegfliegen kann und doch bekommt das Bild "Der Distelfink" von Carel Fabritius, gemalt 1654, im gleichnamigen Film eine essentielle Bedeutung. Der mittlerweile 27-jährige Theo Decker besitzt das Bild. Er hat es gestohlen, heimlich mitgehen lassen, vor 14 Jahren, als er dreizehnjährig bei einer Explosion im Metropolitan Museum of Art seine Mutter verloren - und in den Wirren der Trümmer das Bild eingesteckt und verwahrt hat.

Nach dem Tod der Mutter ist Theo auf sich allein gestellt, kommt ein paar Monate bei der reichen Familie eines Klassenkameraden unter, dann taucht sein alkoholkranker Vater auf und nimmt ihn mit in die Wüste Nevadas. Bis Theo nach einem weiteren Schicksalsschlag zurück nach New York flieht.

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Oakes Fegley liegt als junger Theo Decker in seinem Zimmer.

Der Roman "Der Distelfink" hat in seiner Komplexität Züge von Charles Dickens. Der Film von John Crowley hat leider nichts mehr von der Erzählkraft Donna Tarts. Crowley und sein Drehbuchautor Peter Straughan nehmen die klare Struktur des Romans auseinander und setzen sie - auf zwei Zeitebenen miteinander verwoben - wieder zusammen, verlieren dabei aber den Überblick über die Geschichte. Da ist der 13-jährige schwer traumatisierte Theo und der 27-jährige, aalglatte Theo, der mittlerweile im Anitquitätengeschäft seines Ziehvaters Hobs Fuß gefasst hat und zufällig seine einstige Ziehmutter wieder trifft.

Nicole Kidman und Ansel Elgort in leblosen Figuren

"Der Distelfink" will zu viel auf einmal. Es ist eine Liebesgeschichte, eine Terrorgeschichte, eine Überlebensgeschichte, eine Trauergeschichte, eine Geschichte über die Schattenseiten der Kunstwelt und letztendlich auch eine Art Coming of Age Geschichte.

Die Schauspieler um Nicole Kidman und Ansel Elgort schaffen es nur selten, ihren Figuren Leben einzuhauchen, die introvertierte Ich-Perspektive - eine Stärke des Romans - geht durch die verworrene Struktur verloren. Es ist ein Film, bei dem der emotionale Funke in keiner Sekunde überspringt. Selbst Kameramann Roger Deakins, der sonst ein famoses Gespür für Atmosphäre und Stimmung hat scheitert hier an den verschiedenen Milieus, durch die der Film nahezu hetzt. "Der Distelfink" ist der klassische Fall einer vertanen Chance und wäre mit seiner Komplexität auf so vielen Ebenen als Mini-Serie fürs Fernsehen wohl besser aufgehoben gewesen als im Kino.

Der Distelfink

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Oakes Fegley, Ansel Elgort, Nicole Kidman, Jeffrey Wright
Regie:
John Crowley
Länge:
150 Min.
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
26. September 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 26.09.2019 | 07:20 Uhr

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