Szene aus dem Film "Cry Macho". © Warner Bros.

Abrechnung mit dem Machismo: Clint Eastwoods "Cry Macho"

Stand: 21.10.2021 16:01 Uhr

Clint Eastwood lässt in seinem Film "Cry Macho" ein utopisches amerikanisches Märchen entstehen, das ganz nebenbei ein Nachdenken über Männerbilder ist.

von Katja Nicodemus

"Dirty Harry", "Bronco Billy", "Die Brücken am Fluss", "Für eine handvoll Dollar", "Million Dollar Baby": Seit mehr als sechs Jahrzehnten durchschreitet der 91-jährige Clint Eastwood die Kinogeschichte - als Cowboy, als Boxtrainer, als Fremder ohne Namen, als verliebter Fotograf in "Die Brücken am Fluss". Auch in "Cry Macho" führt Clint Eastwood wieder Regie und spielt gleichzeitig die Hauptrolle.

Clint Eastwood spielt Pferdezüchter Miko Milo

Szene aus dem Film "Cry Macho". © Warner Bros.
Clint Eastwood versprüht auch mit 91 Jahren eine beeindruckende Präsenz.

Miko Milo ist Rodeo-Reiter, Pferdezüchter, Cowboy mit Körper und Seele. Der Mann hat jedoch schon bessere Zeiten erlebt. Bei einem Unfall verlor Milo Frau und Sohn. Bei einem Rodeo-Unfall brach er sich den Rücken - es gibt in diesem Film also einige Gründe dafür, weshalb sich Milo vorsichtig, mit steifen Hüften vorwärtsbewegt. Zudem ist Clint Eastwood, der Regisseur und Hauptdarsteller, inzwischen 91 Jahre alt. Würdevoll durchschreitet er den Film mit Cowboyhut und Cowboystiefeln. Mit einem stummen Ächzen lässt er sich auf Stühlen und Autositzen nieder. Doch verströmt er eine physische Autorität, sobald er im Bild erscheint. Und er hat noch einiges zu erledigen: In "Cry Macho" soll der Held nach Mexiko fahren und den Sohn seines Chefs von dort in die USA bringen - gegen den Willen dessen alkoholsüchtiger und überhaupt verantwortungsloser Mutter.

"Cry Macho" ist ein straight erzählter Film. Straight und ohne Umwege begibt sich Miko Milo in Mexiko in die luxuriöse Villa der Mutter. Genauso straight spürt er deren Sohn Rafael, alias Rafo, in einer Spelunkengasse auf, beim Hahnenkampf. Und der 14-Jährige benimmt sich genauso, wie man es von einem vernachlässigten Halbwüchsigen erwartet. Milo wird den Jungen auf seine Seite ziehen. Gemeinsam macht man sich von Mexiko in die USA auf, verfolgt von Schlägern und der Polizei. Manches ist erwartbar in "Cry Macho". Aber das macht nichts. Denn der Film ist letztlich ein Märchen, in dem Clint Eastwood sich selbst und seine Rollen noch einmal durchdekliniert. Seine Lippen sind hier so verkniffen wie in "Dirty Harry". Aber die erzkonservative Haltung seines Helden ist gebrochen, wie in einigen seiner späteren Filme. Im Umgang mit dem mexikanischen Flegel zeigt er Gefühle unter der harten Schale. Überhaupt ist hier ein Vater-Sohn-Verhältnis im Entstehen.

"Cry Macho": Eine ruhige Abrechnung mit veralteten Männerbildern

Eastwoods ruhige, schnörkellose Erzählweise wirkt in diesem Film noch einmal reduzierter. Ausweglose Situationen werden mit einem Achselzucken gelöst. "Cry Macho" spielt Ende der siebziger Jahre, in einer analogen Welt, die es dem ungleichen Paar leicht macht, den Verfolgern im Auto zu entkommen, eine Polizeistreife durch simples Abbiegen auszutricksen und in einem mexikanischen Kaff unterzutauchen. Eine warmherzige Restaurantbesitzerin nimmt sich der beiden an. Es gibt wahrhaft berührende Berührungen, und in manchen Momenten scheint der Film vor lauter Glück still zu stehen - etwa wenn Miko Milo seinen Schützling in den Umgang mit Pferden einweiht.

Der titelgebende Macho ist übrigens ein Kampfhahn, Rafos Begleiter. Das Tier erweist sich als angenehmer Zeitgenosse, als Maskottchen, das hinter den beiden Helden entlang des Weges stolziert. Ganz nebenbei ist "Cry Macho" auch ein Nachdenken über Männerbilder. Eine ruhige Abrechnung mit einem Machismo, dem der alte Mann in seinem utopischen amerikanischen Märchen keinen Platz mehr lässt.

Cry Macho

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
von und mit Clint Estwood
Regie:
Clint Estwood
Länge:
104 min
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
21. Oktober 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.10.2021 | 07:20 Uhr

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