Stand: 31.07.2020 09:04 Uhr  - NDR Kultur

Hans-Joachim Flebbe: "Das könnte Kinos den Garaus machen"

Vielen Kinos steht in der Corona-Krise das Wasser bis zum Hals: Der Hauptverband Deutscher Filmtheater verzeichnet einen Umsatzrückgang um 80 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr. Welcher Unternehmer kann sich das schon leisten? Einer dieser Unternehmer ist Hans-Joachim Flebbe, der etliche Komfort-Kinos in Hannover, Hamburg und Berlin unterhält.

Herr Flebbe, wie schlimm hat es Sie getroffen? Können Sie schon abschätzen, wie groß der Schaden bei Ihnen ist?

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"Wir werden große Schwierigkeiten haben, die Leute wieder ins Kino zurückzuholen", glaubt Hans-Joachim Flebbe.

Hans-Joachim Flebbe: Ja, der ist mindestens so groß wie der, der vom Hauptverband Deutscher Filmtheater bekanntgegeben wurde. Im Grunde haben wir seit 15. März einen Rückgang von 100 Prozent. Die 80 Prozent kommen wahrscheinlich daher, dass man die ersten zweieinhalb Monate noch spielen konnte. Damals wurde "James Bond" groß angekündigt, und da hatten wir schon Zehntausende von Karten verkauft. Wir sind also nicht von 100 auf 0, sondern von 110 auf 0 heruntergestürzt. Wir haben unsere Kinos bis jetzt zu gelassen, weil wir um eine Veränderung dieser Abstandsregeln im Kino kämpfen. Denn mit 1,50 Meter Reihenabstand macht es für uns keinen Sinn, die Kinos aufzumachen - dann sind maximal 25 Prozent der Plätze belegt. Die Verluste wären größer, wenn wir jetzt aufmachen würden, als wenn wir die Kinos geschlossen halten.

 

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Kulturstaatsministerin Grütters hat am Mittwoch angekündigt, dass man im Gespräch sei und andere Regelungen finden wolle. Aber warum sollten im Kino andere Abstandsregeln gelten als andernorts?

Flebbe: Weil es im Kino dieses Ansteckungsrisiko nicht gibt. Wir sind damit einverstanden, dass man im Foyer und auf der Toilette seine Maske aufsetzt und die 1,50 Meter Abstand einhält. Aber im Kino sitzt man in der Regel auf bequemen Sitzen, guckt nach vorne und hält idealerweise seinen Mund. Anders als im Restaurant gibt es also keinen Auswurf, der dazu führen könnte, dass die Viren sich auf den Nachbarn übertragen. Die Belüftungsanlagen, die wir im Kino haben, sind in der Regel so stark, dass sie die ganze Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen.

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Außerdem werden die Kunden im Kino durch die Online-Systeme direkt identifiziert. Wenn also jemand den Virus verbreiten könnte, dann kann man ihn anhand unserer Reservierungssysteme genau identifizieren und weiß, wer in seiner Umgebung gesessen hat.

In Nordrhein-Westfalen, in Österreich, in der Schweiz und in Frankreich gilt seit vier bis sechs Wochen die Ein-Platz-muss-frei-bleiben-Regel, und es gibt nicht einen einzigen Fall, bei dem sich jemand im Kino mit dem Virus infiziert hat.

Es liegt aber in der Natur der Sache, dass Kinos fensterlose Räume sind und künstlich belüftet werden. Ist da nicht die Gefahr umso größer?

Flebbe: Nein. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater hat die TU Berlin um eine Untersuchung gebeten, und dieses Gutachten hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Mehr kann man eigentlich kaum noch machen. Man geht ja freiwillig ins Kino, es wird keiner dazu gezwungen, wie in Bussen und Bahnen, wo man mit Sicherheit diese 1,50 Meter Abstand gar nicht einhalten kann. Wir werden dafür sorgen, dass jeder Nebenplatz frei ist, und wenn etwas passieren sollte, könnte man die betreffenden Personen sofort identifizieren - anders als in der Gastronomie, wo die Namen, die da eingetragen werden, nicht immer stimmen. Im Kino kann man das nicht machen.

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Diese Abstandsforderung, die wir haben, kommt zur Unzeit, weil jetzt die Urlauber wiederkommen und die Infektionszahlen nach oben gegangen sind. Vorher haben wir in Hamburg oder in Hannover wochenlang keine Infizierten gehabt, und da war es überhaupt nicht mehr einzusehen, warum man gerade den Wirtschaftszweig Kino durch diese Maßnahmen kaputtmacht. Kein Opern-, Theater- oder Kinobetreiber ist daran interessiert, die Gesundheit seiner Besucher aufs Spiel zu setzen. Das wird von der Politik immer als Totschlagargument verwendet: "Wir müssen an die Gesundheit denken, aber ihr seid nur an eurem wirtschaftlichen Erfolg interessiert." Bei den zurückgekehrten Urlaubern in Hamburg, in Hannover oder in Braunschweig sind es zwischen null und fünf Neuinfizierte. Man muss die Kirche mal im Dorf lassen.

Wie groß ist denn überhaupt Ihre Hoffnung, dass das alte Kinopublikum zurückkommt? Zum einen gibt es die Befürchtung vor Infektionen durch die Sitznachbarn. Aber auch das Streaming zu Hause erlebt eine Konjunktur wie noch nie.

Flebbe: Sicher bin ich mir da gar nicht. Das wird ein einschneidendes Erlebnis sein. Wir hatten in den letzten Jahren im Schnitt immer 120 Millionen Kinobesucher - diese Zahlen werden mindestens um 25 bis 30 Prozent nach unten gehen, sodass wir uns eine neue Benchmark setzen müssen. Wer bis jetzt noch keinen Streamingdienst hatte, hat sich nun mit Sicherheit ein Abo besorgt. Und da werden wir große Schwierigkeiten haben, die Leute wieder ins Kino zurückzuholen. Zumal alle Verleiher ihre Filme zurückziehen. Wir haben ein völlig unattraktives Filmangebot, denn solange wir nur mit 25 Prozent Auslastung arbeiten können, macht es für die Verleiher wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn, einen Blockbuster wie "James Bond", "Tenet" oder "Wonder Woman" jetzt ins Kino zu bringen. Das lassen die lieber bleiben und weichen gleich auf Streamingdienste aus, weil sie dann wenigstens einen Teil ihres Geldes wiederkriegen. Das ist für uns ein Kreislauf, der verhängnisvoll ist. Hinzu kommt die neue Nachricht, dass in Nordamerika das große Studio Universal dazu übergeht, dieses exklusive Auswertungsfenster, was die Kinos bisher hatten, von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Das könnte den Kinos wirklich den Garaus machen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Hans-Joachim Flebbe sitzt in einem Kinosaal des Kinos Astor Grand Cinema © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Hans-Joachim Flebbe: "Das könnte Kinos den Garaus machen"

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Vielen Kinos steht in der Corona-Krise das Wasser bis zum Hals. "Wir werden große Schwierigkeiten haben, die Leute ins Kino zurückzuholen", sagt Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe.

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NDR Kultur | Journal | 30.07.2020 | 19:00 Uhr

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