Tom Hardy als Al Capone im Film "Capone" © Leonine Distribution

"Capone": Tom Hardy als verstörender Gangster-Boss

Stand: 05.05.2021 13:52 Uhr

Tom Hardy spielt im Film "Capone" den legendären Verbrecher aus Chicago in dessen letzten, elenden Lebensjahr. Josh Tranks Dekonstruktion des Mythos ist nun auf DVD, Blu-ray und bei Amazon Prime zu sehen.

von Hartwig Tegeler

Al Capone war einer der berühmtesten und mächtigsten Verbrecher in Amerika, Chef der Mafia in Chicago. Mit Glücksspiel, Alkoholschmuggel und Falschgeld wurde er berühmt, natürlich mit dem feinen Nadelstreifenanzug, schicken Schuhen, einem Borsalino-Hut und einem Maschinengewehr bewaffnet. Im Kino ist seine Geschichte immer wieder zu sehen.

Tom Hardy als intensiver Gangster-König in "Capone"

Als Howard Hawks 1932 seinen Klassiker "Scarface" drehte, war dies eine freie Bearbeitung der Lebensgeschichte von Al Capone. Die Karriere des Gangster-Königs aus Chicago nahm dann in der Filmgeschichte ziemliche Fahrt auf - bis heute. Jetzt spielt nämlich Tom Hardy in Josh Tranks Film "Capone" den Verbrecher.

Szene aus dem Film "Capone" © Leonine Distribution
Die Polizei ist dem Gangster-König dicht auf den Fersen.

Schlaganfall, Demenz, Inkontinenz: Al Capones Körper verfällt zunehmend im Film von Josh Trank in dessen letzten Lebensjahr in seiner Villa in Florida. Nicht nur der Körper verfällt - mit ihm auch das spezielle Bild, das die Filmgeschichte über einen ihrer Lieblings-Gangster zeichnete und dabei immer wieder lustvoll die Aura des autokratischen Herrschers entwarf, der mit seiner Bande die Straßen von Chicago zum Kriegsgebiet machte. Gemäß der Devise: "Wer auf Draht ist, braucht in Chicago nicht zu hungern. Wer sich einer einmischt, dem wird’s bald leidtun."

Al Capones Maschinenpistole: Kinomythische Knarre

Al Capone zieht seine blutige Spur durch die Filmgeschichte - inklusive dieses signifikanten Geräusches der Thompson-1928-Typewriter-Maschinenpistole, dieser kinomythischen Knarre mit dem Trommelmagazin. Die Figur des Gangsterbosses gab es in leichten Varianten: Rod Steiger betonte 1959 das Hinterhältige, Manipulative. Jason Robards spielte knapp ein Jahrzehnt später in Roger Cormans "Chicago-Massaker" den Herrscher von Chicago mit Fedora und dicker Zigarre als Choleriker, der im Smoking den Baseball-Schläger zur Hand nimmt und die beiden Verräter zu Klump haut.

- Ich möchte auf euer Wohl trinken!
- Salute!
- Schert euch zum Teufel. Szene aus "Chicago Massaker" von Roger Corman

Szenen-Remake in Brian de Palmas "Die Unbestechlichen"

Die Szene mit Smoking und Baseballschläger ist als Remake übrigens auch zentral für das Capone-Bild wiederum zwanzig Jahre später, bei Brian de Palma in "The Untouchables - Die Unbestechlichen".

Das Ende Al Capones erscheint auch erbärmlich banal: Verurteilung wegen Steuerhinterziehung. Knast im legendären Gefängnis Alcatraz; der körperliche Verfall, das Ende in der Villa in Florida. Damit wären wir bei Josh Tranks aktueller Capone-Version, seinem Bild des Gangsters, den Tom Hardy in gewohnt verstörender Intensität spielt.

Capone verliert mit 48 Jahren Kontrolle über Körperfunktionen

Dieser "Capone" Film ist wie ein Kammerspiel über das letzte Jahr Capones in seiner Villa in Florida. Der Mafioso hat die Macht über die Bilder über ihn verloren. Aber auch die Kontrolle über seine Körperfunktionen.

- Geht's wieder?
- Oh, ah, uhhh!
- Onkel Ralph, holst du mal ein Handtuch.
- [Capone:] Wo kommt das denn her?
- Aus der Blase, Paps. Ich bringe dir eine frische Hose. Dialog aus "Capone" mit Tom Hardy

Szene aus dem Film "Capone" © Leonine Distribution
Al Capones Frau (Linda Cardellini) betrachtet ihn amüsiert.

Wohl hat Capone noch eine katzbuckelnde Entourage, aber die hofft nur, dass der Boss den Ort erinnert, an dem er angeblich zehn Millionen vergraben hat. Al Capone ist zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, inkontinent, zunehmend dement. Er merkt es nicht einmal mehr, als seine Frau die ewige Zigarre im Mundwinkel gegen eine Karotte austauscht.

Josh Tranks Dekonstruktion des Gangster-Mythos Al Capone

Solch radikale Dekonstruktion des Gangster-Bildes treibt Tom Hardy auf die Spitze, wenn Capone mit seiner goldenen Maschinenpistole um sich ballert. Ein Anfall von Wahnsinn, exekutiert mit dem Requisit vergangener Macht. Und unter dem offenen Morgenmantel sehen wir schlabbernde Windeln.

Josh Tranks Film - großartig in seiner radikalen Konzentration auf das Siechtum - zelebriert eine unbedingt nötige Unerträglichkeit, die ein Al-Capone-Biopic braucht. Der Gangster-Mythos hat sich aufgelöst.

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