Szene aus "Caesar" im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. © OliverFantitsch Foto: OliverFantitsch

"Caesar" im Deutschen Schauspielhaus: Populismus in Reinkultur

Stand: 04.09.2022 09:00 Uhr

Mit einem klassischen Stoff hat das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg die Malersaal-Saison eröffnet: "Caesar" nach William Shakespeare. Regisseur Stefan Pucher zeigt: Das Stück ist so aktuell wie eh und je.

von Peter Helling

Zum ersten Mal seit vielen Jahren führt Stefan Pucher wieder im Haus an der Kirchenallee Regie und hat einen brisanten Abend inszeniert.

"Caesar": Tod des Tyrannen

Es ist ein Gänsehautmoment: Vorne auf der Bühne liegt der tote Diktator, blutüberströmt - und oben steht Antonius, der hier die Chance wittert, selbst ganz nach oben zu kommen: Populismus in Reinkultur:

"Ihr liebtet ihn einst alle, nicht ohne Grund, welcher Grund hält euch dann ab, um ihn zu trauern?" Auszug aus "Caesar"

Szene aus "Caesar" im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. © OliverFantitsch Foto: OliverFantitsch
Pompös: Josef Ostendorf als Brutus, in langer Toga, schmuckbehangen.

Brillant, wie Bettina Stucky im Hermès-Trainingsanzug die Volksmassen verführt: Der tote Herrscher ist Julius Caesar, eben erstochen von Brutus, Cassius und den anderen. Und eigentlich hatten sie recht! Caesar war kurz davor, die Republik in eine Diktatur zu verwandeln. Mit diesem Drama von Shakespeare trifft das Schauspielhaus ins Schwarze, denn es ist ein Abend über das Ende der Republik, über die Gefährdung der freien Gesellschaft. Zunächst einmal sitzt man in einem Malersaal, der vor Pomp und Marmor fast zu platzen scheint: hohe Säulen, eine Skulptur, in der eine Frau von zwei Männern erstochen wird - ein Vorgriff auf den Anschlag auf Caesar.

Kitschiger Pomp à la Donald Trump

Man könnte das hier für den kitschigen Pomp à la Donald Trump halten. Auch Caesar - gespielt von Sachiko Hara als Dämon mit rotem Gesicht und güldenem Mantel - erinnert an den Mann mit der viel zu langen Krawatte, jede Geste ein Klischee von Machtanmaßung und Angeberei. Dieser Herrscher ist eine Gefahr für die Republik. Dieser "Sturm aufs Kapitol" ist anders als jener am 6. Januar 2021 in den USA. Dieser hier wollte die Republik retten.

"Was ist das, was ihr mir vertrauen wollt? Ist etwas dienlich dem gemeinen Wohl? / Ich kam wie Caesar frei zur Welt, Ihr auch. Wir können beide, so gut wie er, des Winters Frost ertragen." Auszug aus "Caesar"

Stefan Pucher hat einen ungeheuer dichten Abend inszeniert, wo der Rhythmus langsam, dräuend in die Katastrophe führt: Josef Ostendorf, famos und pompös auch er, spielt Brutus, in langer Toga, schmuckbehangen. Großartig spielen sie alle, Sandra Gerlings Cassius, ein schlangenhaft kluger Intrigant - natürlich Samuel Weiss als schmieriger Mitläufer - und Yorck Dippe, der spröde Mahner: "Sie gingen mit blanken Schwertern in den Nahkampf, töteten und wurden getötet, und versuchten, die Reihen des anderen zu durchbrechen."

Eine Parabel über Verführung und Anmaßung

Er beginnt das Stück schon draußen, im Foyer des Malersaals, in dem er das spätere Ende von Brutus und Cassius vorauserzählt, eine fast technokratisch genaue Beschreibung des Krieges gegen die Attentäter. Immer wieder Shakespeares Sonette: geisterhafte Lieder über die menschliche Schwäche. Und genau das ist das Kunststück des Abends, der optisch an einen Sandalenfilm erinnert. Er ist eine Parabel. Über Verführung und Anmaßung - denn: Was nach dem toten Julius Caesar kommt, ist weitaus schlimmer.

Wir sind gemeint, unsere Verführbarkeit: Dieses böse Satyrspiel wirkt wie der Nachklapp eines Dramas, das längst abgespult ist. Man kann lachen, schmunzeln - oder man ahnt, dass da etwas zu zerbrechen droht. Die Demokratie, die Gesellschaft, in der wir leben. Dieser "Caesar" ist Mahnung und böser Abgesang gleichzeitig:

"Ich jedenfalls, ich bin Manns genug, euch den Weg zu weisen: Und wie ich ihn euch weisen werde!" Auszug aus "Caesar"

 

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"Caesar" im Deutschen Schauspielhaus: Populismus in Reinkultur

Das Deutsche Schauspielhaus hat die Malersaal-Saison mit "Caesar" nach William Shakespeare eröffnet. Regisseur Stefan Pucher zeigt: Das Stück ist so aktuell wie eh und je.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Malersaal, Deutsches Schauspielhaus
Kirchenallee 39
20099 Hamburg
Telefon:
040248713
Preis:
25 Euro
Öffnungszeiten:
Mo-Fr 11.00-19.00 / Sa 12.00-19.00 Uhr / So drei Std. vor Vorstellungsbeginn. An vorstellungsfreien Sonn- und Feiertagen bleibt das Kartenbüro geschlossen. Die Abendkasse ist ab einer Stunde vor Vorstellungsbeginn geöffnet.
Kartenverkauf:
https://tickets.rzsthh.de/Schauspielhaus/RegisterSelection.aspx
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 04.09.2022 | 14:20 Uhr

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