Cover des Buches "Wann das mit Jeanne begann" von Helmut Krausser © Berlin Verlag

Weitschweifender Lektürefrust von Helmut Krausser

Stand: 08.08.2022 07:13 Uhr

Helmut Kraussers jüngster Roman "Wann das mit Jeanne begann", schlägt den weiten Bogen zurück ins tiefste französische Mittelalter. Anfangs ziemlich lustig, gegen Ende eher frustrierend.

Cover des Buches "Wann das mit Jeanne begann" von Helmut Krausser © Berlin Verlag
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von Jürgen Deppe

Das Mittelalter muss ziemlich langweilig gewesen sein. Kurzes Leben, harte Arbeit, früher Tod. Kaum Lichtblicke, nimmt man mal ein paar schillernde Figuren aus. Jeanne zum Beispiel, in die Geschichtsbücher eingegangen als Jeanne d’Arc oder Johanna von Orleans.

Sie starb als Ketzerin, wurde ein halbes Jahrtausend danach heiliggesprochen. Man darf von einer Karriere mit extremen Höhen und Tiefen sprechen.

Kampfeslustige Kriegerin in einer patriarchalen Welt. "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes", die ihr regelmäßig erschienen sein sollen. Wenn Jeanne das Eingeflüsterte dann wiedergab, war es zu "Weissagungen" aufgestiegen. Nebenbei metzelte die Jungfräuliche auch noch reichlich rum.

Gleich zwei Jeannes in "Wann das mit Jeanne begann"

Ebenfalls spannend eine andere Jeanne: Jeanne de Belleville, längst nicht so bekannt und auch nicht so heilig, aber mindestens so kampfeslustig. Als nämlich der zweite Mann der bis dahin unbescholtenen Adeligen aus der Bretagne von Feinden enthauptet und anschließend frivol zur Schau gestellt wird, da schwört die Unschuld vom Lande blutige Rache. Sie versilbert das nicht eben unbeträchtliche Hab und Gut, heuert vom Erlös eine Söldnertruppe an und zieht als "bretonische Tigerin" mit der Meute plündernd, brandschatzend und schändend durch Frankreich. An der Küste angekommen, legt sich die blutrünstige Jeanne, die Gefangene gern auch mal eigenhändig enthauptet, ein Schlachtschiff zu, lässt dessen Rumpf schwarz streichen und ein blutrotes Segel setzen: fertig ist die "Ma Vengeance", "meine Rache".

So weit, so wahr, so unerzählt und gar nicht mal unspannend. Der Haken ist nur, dass Helmut Krausser erst die Geschichte von Jeanne d’Arc ausschweifend erzählt und dann mir nichts, dir nichts in der Schublade verschwinden lässt. Dann die Geschichte der Jeanne de Belleville und der dichtet er, um den Bogen ins Heute zu schlagen, einen 250 Jahre alten Verehrer an, Jacek, ein gegenwärtiger Magier, der mit seiner Lebensgefährtin Trudi, ebenfalls hoch betagt, das Leben der sagenhaften Piratin erforscht.

Wir sind, was man früher Weißmagier genannt hat. Leute, die nach höchster und tiefster Wahrheit streben und dabei niemandem etwas antun wollen. Die bevorzugt nicht naheliegende Pfade einschlagen. Wobei der Begriff Magier so diffus und missbraucht ist, dass ich ihn nur als Notlösung benutze, in Ermangelung eines besseren.

Zu Beginn lustig, später wächst der Lektürefrust

Das ist am Anfang alles ziemlich lustig. Man fühlt sich an "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" erinnert. Nur schießen Trudi und Jacek damit leider dermaßen übers Ziel hinaus, dass man sehr bald die Lust an der x-ten Schlachtenschilderung verliert.

Zum Ende hin wächst der Lektürefrust von Seite zu Seite: Warum nur legt Krausser der alten Trudi immer wieder so ein zeitgeistiges Neudeutsch oder einen ordinären Vulgärsprech in den Mund? Warum stilisiert er Jacek und Trudi zu geriatrischen Bonnie-and-Clyde, und warum lässt er den weiß-schwarzen Hexentanz-Firlefanz so eskalieren? Am neuen Roman von Helmut Krausser ist leider nur der Titel wirklich gut: "Wann das mit Jeanne begann". Der Rest ist weitschweifend und weitgehend ungenügend.

 

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Wann das mit Jeanne begann

von Helmut Krausser
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Veröffentlichungsdatum:
28.07.2022
Bestellnummer:
978-3827014627
Preis:
25 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.08.2022 | 12:40 Uhr

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