Stand: 03.09.2018 17:57 Uhr

Die Schöne und die Flüchtlinge

Die Hungrigen und die Satten
von Timur Vermes
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Timur Vermes‘ zweites Buch nimmt ein aktuelles Nachrichtenthema auf: Flüchtlinge.

Mit seinem Erstlingsroman "Er ist wieder da" - einer Satire auf Adolf Hitler - hatte Timur Vermes 2012 einen Riesenerfolg. Und es gab damals irgendwie für einen Moment in der Geschichte die Hoffnung, wenn man über Hitler derart erfolgreich lachen, ihn als Witzfigur präsentieren kann, dann ist er auch besiegt. Der grausame Spuk ist vorbei. Nun ist Timur Vermes' zweites Buch erschienen, das noch deutlich politischer ist und ein drängendes Thema der Zeit aufnimmt: Flüchtlinge.

Der Weg in die Festung Europa

Timur Vermes hat ein riesengroßes, besonderes Talent: Er kann drängende Themen in bitterböse, aber nicht pechschwarze, in witzige und ernsthafte Satire verwandeln. Er hat sich diese Geschichte ausgedacht: Was wäre, wenn ein Fernsehteam eine magisch schöne, nicht intelligente, aber instinktsichere, beim Publikum sehr beliebte Moderatorin losschickte in eines der großen Flüchtlingslager in Afrika und 150.000 Flüchtlinge auf ihrem Fußmarsch nach Europa begleitete? Denn inzwischen hat Europa seine Grenzen geschlossen, auch den Weg in Booten über das Mittelmeer. Flüchtlingscamps südlich der Sahara sind eingerichtet worden. Als die Menschen in Boote stiegen, hat Europa versucht, das Mittelmeer zu schließen, heißt es im Roman. Nachdem das nicht möglich war, wurde die Grenze aufs Festland verlegt, nach Afrika. Dort wurde für Flüchtlingslager in  Ägypten, Tunesien und Marokko viel Geld bezahlt.

"Aber das hat den Europäern nicht gereicht. Auch weil die Nordafrikaner dazugelernt haben: Sie haben öfter mal laut überlegt, wie es wäre, wenn sie auch auf diese Grenzen nicht ganz so sorgfältig aufpassen würden." Leseprobe

Ein Flüchtlingstreck als Live-Show

Die Flüchtlinge haben in den Camps so lange gewartet, dass einige sich überlegen, sie hätten auch zu Fuß den Landweg nehmen können. Nun will also ein TV-Sender eine Show produzieren, die diese Story hat: Ein leibhaftiger Engel aus Europa begleitet Flüchtlinge. Eine Figur aus Vermes' erstem Roman "Er ist wieder da" taucht hier übrigens wieder auf: Der Fernsehproduzent Sensenbrink. Er ist derjenige, der die große Show mit Nadeche Hackenbusch mit einem Casting vorbereitet.

"Der hat ja immerhin auch anständige Hosen an", sagt Sensenbrink zufrieden. "Man müsste ihm noch ein paar Jeans besorgen, aber die dürfen nicht zu neu sein. Und auch nicht zu gut." ... Er dreht sich zu der Assistentin mit dem Telefonkontakt um: "Die sollen ihm sagen, dass uns das ganz gut gefallen hat" ... "Ich find den gut", hört er jetzt hinter sich, weiblich, ganz leicht schwäbisch, die Engerle: "Der erinnert mich total an den Boateng, als der noch gespielt hat. Natürlich deutlich heller. Und ohne den Brillenfimmel".... Der helle Boateng wirkt ganz kurz, als hätte er keine Ahnung, was Sensenbrink meint. Dann lächelt er und sagt: "It's good. It's good you want to understand Africa. Let me help you understanding Africa… Africa is like a woman..." "Okay, das reicht uns, danke", sagt Sensenbrink. "Den nehmen wir. Wenn wir bloß eine von diesen Weisheiten pro Sendung haben, reicht das." Leseprobe

Selbstverständlich steht und fällt die Fernsehshow mit ihrem Star: Nadeche Hackenbusch.

"Hoffnung für Afrika. Das gab es noch nie: Nadeche Hackenbusch und EVANGELINE geben Flüchtlingsfrauen eine Zukunft. Und noch nie war der Engel im Elend schöner als heute." Leseprobe

Christoph Maria Herbst hatte hörbar Spaß beim Einlesen dieses Romans, den er noch böser, noch komischer, noch realistischer findet als den Erstling. Er vertont das grandios!

Ein aktuelles Thema wird zu einem böse-realistischen Roman

Der Autor Timur Vermes benutzt Nachrichten, die wir kennen, und spinnt sie einfach weiter zu einer Geschichte. Was wäre denn, wenn eine so große Gruppe sich einfach auf den Weg nach Europa machen würde? Ein sympathischer, homosexueller CSU-Politiker spielt dabei eine wichtige Rolle, die Medienvertreter werden köstlich durch den Kakao gezogen und die Menschen im Flüchtlingslager gezeichnet als Menschen mit Würde, Verstand und Humor. Der Schluss ist großes Kino und darf nicht ausgeplaudert werden. Tränenreich, düster und auf seltsam angenehme Weise ganz entspannt bleibend angesichts einer aussichtslosen Lage.

Die Hungrigen und die Satten

von
Seitenzahl:
509 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Eichborn
Bestellnummer:
978-3-8479-0660-5
Preis:
22,00 €

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