Stand: 20.04.2016 17:28 Uhr

Europa soll ein politisches Europa werden

Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie
von Ulrike Guérot
Vorgestellt von Verena Gonsch, NDR Info

Die Griechenland-Krise, Uneinigkeit in der Flüchtlingspolitik, das Erstarken der Rechtspopulisten, dazu der mögliche Brexit: Keine Frage, in der Europäischen Union war die Stimmung schon mal besser. Doch neben Stimmen, die für mehr Eigenständigkeit der Länder plädieren, gibt es weiterhin auch Stimmen für mehr Europa. Eine von ihnen ist die der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot.

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Das Buch "Warum Europa eine Republik werden muss - Eine politische Utopie" ist im Dietz Verlag erschienen.

Der Titel ihres Buches sagt es eigentlich schon: "Warum Europa eine Republik werden muss! - Eine politische Utopie". Eine Gebrauchsanleitung, wie die EU kurzfristig aus der Krise geführt werden kann, ist Ulrike Guérots Buch nicht. Eher das Plädoyer einer frankophonen Deutschen, das Projekt Europa nicht sang- und klanglos zu beerdigen. Und dafür erinnert die Politikwissenschaftlerin an die Wurzeln der europäischen Idee. Und an das Bild der Göttin Europa: "Ich glaube tatsächlich, dass wir uns erst mal wieder an die Schönheit des Projektes erinnern müssen. Deswegen arbeite ich in dem Buch ja auch ganz viel mit Begriffen der Ästhetik. Dass wir einfach das Politische schlechthin, also das Reden über das Politische in Europa verloren haben. Dass wir uns daran erinnern sollten, dass Europa eine Frau ist, die auf dem Stier zu uns kam. Der Mythos also, dass Europa etwas sein soll, was uns nährt, was uns auf diesem Kontinent zusammenhält. Und dass wir uns daran erinnern, dass Europa ein nach-nationales Projekt war. Die Idee Europas ist die Überwindung der Nationalstaaten. Und ich finde, wir sollten uns heute daran erinnern."

Eine große Reform anstatt Strukturveränderungen

Vor einigen Jahren hatte Ulrike Guérot zusammen mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse ein "Europäisches Manifest" geschrieben. Damals glaubte sie noch an eine langsame Reform der europäischen Strukturen. Diese Hoffnung hat sie angesichts der vielen Krisen verloren.

Statt in Pessimismus zu verfallen, geht sie die Reform jetzt ganz groß an: Sie plädiert für eine europäische Republik! "Wir haben ja noch das Ziel, dass Europa ein politisches Europa werden soll. Und da biete ich jetzt einfach mal als Diskussionsvorlage an: Können wir uns Europa nicht als Republik verstehen, nämlich als eine politische Einheit, die dem Gemeinwohl dient, anstatt da immer nur einen Binnenmarkt darunter zu verstehen, der uns da mit Ölkännchen oder was auch immer hereinregiert?", fragt Guérot.

Der Charme der Utopie

Moment mal: Auflösung der Nationalstaaten! Europäische Volksabstimmung! Europäische Regierung! Jedes Land eine Stimme, Griechenland genauso wie Deutschland! Ein machtvolles europäisches Parlament! Ein europäischer Präsident! Das ist alles so weit von der Schließung der Balkangrenze, der Aufhebung des Schengen-Abkommens, dem Nein der Niederländer zum Ukraine-Abkommen und vom Brexit entfernt, dass es wirklich utopisch wirkt, aber auch schon wieder seinen Charme hat.

"Wie lässt sich das europäische Parlament der Zukunft leicht und mobil machen, so dass es sich auf Wanderschaft begeben, die Bürger besuchen und sich nach ihren Interessen erkundigen kann? Das war schon einmal so im mittelalterlichen Deutschland bei den sogenannten Wanderkönigen. Vielleicht liegt in der Vergangenheit ein künftiges Modell für mehr Bürgernähe?" Zitat aus dem Buch "Warum Europa eine Republik werden muss!"

Die meisten Europäer wollen Europa - aber anders

Assoziativ ist das Buch geschrieben. Eher wie ein Thinktank für ein neues, frisch entworfenes Europa. Ulrike Guérot glaubt jedenfalls, dass die Europäer an sich an ihrer EU festhalten wollen: "Ich bin jetzt zwei Jahre lang durch Europa gereist. Die meisten Leute, 70 Prozent der europäischen Bürger wollen Europa. Niemand möchte Populismus, Nationalismus, Rückfall in Nationalstaatlichkeit. Aber die meisten wollen nicht mehr diese EU: dieses Regieren, Binnenmarkt, dieses Trockene, Technokratische!"

Wie es sein könnte ...

Guérots Buch soll Denkanstöße liefern, wie es anders sein könnte. Mit viel leidenschaftlichem Feuer einer überzeugten Europäerin, die ihr Projekt nicht sang- und klanglos aufgeben will. Es ist auch eine Erinnerung an die europäische Errungenschaft der Emanzipation und der Freiheit. Ohne das ewige "Ja, aber". Eine Utopie eben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

"Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa"

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Brendan Simms und Benjamin Zeeb beschreiben in ihrem Buch auch die Probleme, die die EU aus ihrer Sicht momentan hat.

Ein weiteres Buch, das sich mit der Situation in Europa beschäftigt, ist "Europa am Abgrund. Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa" (Verlag C.H.Beck, 140 Seiten). Die beiden Autoren Brendan Simms und Benjamin Zeeb schreiben aus britischer Perspektive und mit Verweis auf Winston Churchill leidenschaftlich über eine aus ihrer Sicht mögliche und nötige engere Zusammenarbeit der europäischen Staaten.

Sie beschreiben, was sie als die Probleme der Staatengemeinschaft erkannt haben und wohin sie führen können. Außerdem deklinieren sie die Chancen und Risiken verschiedener Reform-Vorschläge durch und plädieren für eine föderale Demokratische Union Europas.

Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie

von
Seitenzahl:
308 Seiten
Verlag:
Verlag J.H.W. Dietz Nachf.
Veröffentlichungsdatum:
18. April 2016
Bestellnummer:
978-3-8012-0479-2
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 21.04.2016 | 10:20 Uhr

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