Sendedatum: 12.01.2014 17:40 Uhr  | Archiv

Meilensteine der Fotografie

von Christiane Irrgang

Im Dschungel der Fotobücher, die jedes Jahr von Neuem den Markt überwuchern, ist der Deutsche Fotobuchpreis ein guter Wegweiser. Für das Jahr 2014 wurden insgesamt 23 Bücher ausgezeichnet, darunter in der Kategorie "Coffeetable Books" ein Band, unter dem zierliche Coffeetables leicht zusammenbrechen können. Tatsächlich sind die "Große Fotografen" aus dem Prestel Verlag so groß und so schwer, dass sie bei den meisten Fluglinien gerade noch als zulässiges Handgepäck durchgehen würden. Aber schließlich haben die italienischen Herausgeber ja auch den Anspruch, die 20 wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts vorzustellen, von Robert Capa bis Helmut Newton, von Steve McCurry bis Martin Parr.

Bahnbrechende Momente der Fotografie

Moment mal: Wieso eigentlich nur 20? Und wieso genau diese 20? Alessandra Mauro, eine der Herausgeberinnen, formuliert es in ihrem Vorwort so: "Es sind 20 Meilensteine für die Ewigkeit. Der Katalog ist unvollständig? Mag sein. Aber jeder Fotograf auf dieser Liste repräsentiert mit seinen Bildern einen bahnbrechenden Moment. Ihrer aller visuelle Erfahrungen haben zu unserer heutigen Weise zu sehen, ihren Teil beigetragen."

"Der Kuss vor der Oper" von Robert Doisneau ist eines jener Bilder, die nostalgische Gefühle hervorrufen: Auf den regennassen Stufen vor einem Palais steht selbstvergessen ein gut gekleidetes Paar in inniger Umarmung, während die Passanten rechts und links vorbeiziehen, nur verwischt zu erkennen, denn für die Liebenden steht die Zeit einen Moment lang still. Wie kaum ein Fotograf liebte Doisneau seine Heimatstadt Paris und jedes seiner scheinbar mit leichter Hand dahin gezauberten Bilder erzählt eine kleine Geschichte aus dem Alltag.

Fotos als Fenster zur Welt

"Wenn ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass das Paris der Fotografen - selbst der größten - romantisch, neblig und vor allem ethnisch einheitlich war. Eine graue Stadt, bevölkert von Weißen", notierte der Amerikaner William Klein. Auch er war von den großen Städten der Welt fasziniert und brachte in den 50er- und 60er-Jahren Bildbände über New York, Paris, Rom, Moskau und Tokio heraus. Klein erlebte diese Orte als Schmelztiegel, als Bühnen ohne Kulissen, als Schauplätze für einen Modezirkus, und die Fotografie war für ihn das Fenster zur Welt.

Eine ganzseitige Einführung, Kommentare zu einzelnen Bildern und Zitate bringen den Lesern jeden der 20 "Großen Fotografen" etwas näher. Die grandiosen schwarz-weißen Fotoreportagen des Brasilianers Sebastião Salgado werden viele kennen; auch die farblich und kompositorisch so wunderbar ästhetischen Bilder von Steve McCurry, der natürlich mit seinem unsterblichen afghanischen Mädchen vertreten ist. Schade nur, dass selbst in diesem großen und teuren Buch doppelseitige Bilder wieder in der Mitte durch die Bindung verunstaltet werden.

Schwarz-weiß neben quietschebunt

Eine Entdeckung für viele Europäer könnte der Japaner Nobuyoshi Araki sein, dessen Werk weltweit von Sammlern geschätzt wird. Arakis oft schwarz-weiße Fotos sind provozierend, häufig schockierend oder skurril. Erotik zeigt er oft in Verbindung mit Gewalt, doch "Ich fessele die Frauen, weil ich weiß, dass ihre Seelen nicht gefesselt werden können", behauptet Araki. "Dem Körper einer Frau eine Fessel anzulegen ist, wie ihr den Arm um die Schulter zu legen."

Bunt, geradezu quietschebunt, wird es wieder bei Martin Parr, der in den 80er- und 90er-Jahren seinen britischen Landsleuten einen gnadenlosen Spiegel vorhielt. Urlaub in Brighton oder Benidorm? Ganz egal: Vulgäre goldglitzernde Neureiche mit braun gerösteter Haut kommen auch nicht besser weg als fette Frauen im Bikini, die sich an einer Hot Dog-Theke um die Ketchup-Flaschen drängen. Ob böse oder liebevoll: Bei Parr wird der Mensch entlarvt, während der Kalifornier Herb Ritts für seine Magazin- und Modeporträts makellose Körper in ihrer Göttlichkeit inszeniert.

Und schließlich hat immerhin eine Frau die Aufnahme in diesen fotografischen Olymp geschafft: die Amerikanerin Margaret Bourke-White, Jahrgang 1904. Eine der ersten Industriefotografinnen überhaupt, Kriegsreporterin im Zweiten Weltkrieg und später für das Magazin "Life" auf der ganzen Welt unterwegs. Eines ihrer berühmtesten Fotos zeigt Mahatma Gandhis Begräbnis 1948 in New Delhi: Menschentrauben kleben selbst noch an den Hochspannungsmasten, damit sie nur ja keinen Augenblick verpassen. "Ein Christus ähnlicher Mann, der sein Leben hingab, um sein Volk zur Einigkeit zu führen", schreibt Bourke-White in ihrer Autobiografie. "Nichts in meinem Leben hat mich je so tief bewegt, und nichts davon werde ich jemals vergessen."

Große Fotografen

von Roberto Koch (Hrsg.)
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-37913-48612
Preis:
98,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.01.2014 | 17:40 Uhr

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