Das Cover von John Wrays "Madrigal" © rowohlt

"Madrigal": Acht Erzählungen von John Wray

Stand: 11.05.2021 12:40 Uhr

Die beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnete Erzählung "Madrigal" ist jetzt zusammen mit sieben anderen Geschichten des amerikanisch-österreichischen Schriftstellers John Wray erschienen.

Das Cover von John Wrays "Madrigal" © rowohlt
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von Andrea Gerk

In einem der Porträtfilme, der beim Bachmann-Wettbewerb lief, erzählte John Wray, der eigentlich John Henderson heißt, er habe sich als Kind immer wieder die erste King Kong Verfilmung angesehen und sich später von der "weißen Frau" - Fay Wray - sogar seinen Künstlernamen geliehen.

Fokus auf dem Innenleben der Figuren

Tatsächlich merkt man seinen Erzählungen eine gewisse Faszination für das Unvorstellbare an, wobei in diesen acht Geschichten sich das Seltsame oder auch Monströse vor allem im Inneren der Figuren ereignet. So leidet die Schriftstellerin Maddy in der titelgebenden ersten Erzählung an einer Schreibkrise. Bis sie die Psychopharmaka absetzt, die sie seit Jahren nimmt, und sich in ihrer Fantasie auf einmal wieder eine Geschichte entwickelt:

Der Roman, den sie schreiben würde, wenn sie noch schreiben könnte, würde in einem Universum spielen, das dem unseren so ähnlich wäre, dass dem Leser erst in der Mitte des Buches langsam dämmern würde, dass etwas nicht stimmt. Der Unterschied macht sich bemerkbar auf subtilste Art und Weise, zunächst im Dialog, durch kleine Fehler, als ob die Personen Englisch nur als Zweitsprache sprechen würden: Das Moor vor dem Haus der Protagonistin wird "die Feuchtigkeit" genannt, ihr Auto scheint ohne Benzin oder Strom zu laufen, sie sagt ihrem Mann, er solle sich beeilen, weil sie "nicht aus Zeit bestehe". Leseprobe

Extreme Charaktere

So leicht verrutscht wie die Welt in Maddys sich überschlagender Fantasie aussieht, so subtil verrückt scheinen all die einsamen, verstörten Seelen, die John Wray in seinen beeindruckenden Erzählungen porträtiert. In "Sieh das Licht" skizziert er das Leben eines Amokläufers auf gerade mal fünfzehn Seiten, beginnend mit den ersten Eindrücken eines Babys, das zum drangsalierten Schuljungen, zum Dealer und schließlich zum Mörder wird, der seine Tat wie einen Befehl ausführt:

Fühle dich allmächtig, allsehend, unfehlbar, erhaben. Empfinde weder Scham noch Zweifel, noch Furcht jeglicher Art. Dein ganzes Leben hat dich zu diesem Moment hingeführt. Nur zu diesem Moment. Nur zu diesem. Nimm das schwere Gewicht des Metalls in deinem Beutel wahr. Öffne die Augen und sieh die Schule. Sieh die Zukunft. Endlich ist es so weit. Sieh das Licht. Du bist weg. Leseprobe

Psychologische Tiefe

John Wray leuchtet die Abgründe extremer Charaktere aus und schreckt auch nicht vor abstoßenden Persönlichkeitsstrukturen zurück. In der Erzählung "Im Bereich des Möglichen", beschreibt er einen Mann, der mit der achtjährigen Tochter seiner Partnerin im Auto unterwegs ist und gegen seine pädophilen Neigungen ankämpft. "Madrigal" ist, von der Titelerzählung abgesehen, eine Art Panoptikum toxischer Männlichkeit - eigenwillig im Ton, psychologisch genau und atmosphärisch dicht.

So wunderbar verrückt die Lebensausschnitte sind, die John Wrays Erzählungen skizzieren, so präzise gelingt es diesem Autor, die minimalen Verschiebungen, die kleinen Irritationen im Innenleben seiner Figuren zu erfassen. Anders als bei den autofiktionalen Texte, die einen derzeit so intensiv am Alltag ihrer Erzähler teilhaben lassen, wagt sich John Wray weit hinaus über das, was wir Normalität nennen und schafft eine große psychologische Tiefe und literarische Weite.

Madrigal

von John Wray
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Erzählungen
Verlag:
rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00168-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.05.2021 | 12:40 Uhr

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