Buchcover: Christopher Ecker - Herr Oluf in Hunsum © Mitteldeutscher Verlag

"Herr Oluf in Hunsum": Ein origineller Trip mit Tiefgang

Stand: 06.07.2021 11:08 Uhr

Ein Kunst-Professor aus Süddeutschland, dessen Vorname auf die Hauptfigur in Herders Gedicht "Erlkönigs Tochter" anspielt, reist an die Nordseeküste. Nicht gerade das Feenreich, doch etwas fantastisch geht es in den Büchern von Christopher Ecker immer zu.

Buchcover: Christopher Ecker - Herr Oluf in Hunsum © Mitteldeutscher Verlag
Beitrag anhören 5 Min

von Andrea Ring

Es ist ein Dilemma. Frau und Kind sind krank. Oluf Sattler muss zum Kongress nach Hunsum, Husum nur leicht verfremdet. Einen Vortrag über Kunst halten. Auf dem Weg: umwerfend gut beschriebene Begegnungen mit LKW-Fahrern auf Raststätten, imaginäre Gespräche mit seinem Psychiater, die Rückblende auf den klassischen Trip nach Frankreich als Student. Dazu: ätzende Reflexionen über die Menschheit vom Feinsten.

Ein eingebildeter Professor mit krassem Jargon

"Herr Oluf ist kein Mensch, der mir sonderlich sympathisch ist, dem ich aber versuche im Rahmen dessen, was möglich ist, Verständnis entgegenzubringen", sagt Christopher Ecker. Das funktioniert, wenn Oluf Plastik-Figuren von McDonalds mit Barbapapa vergleicht. Der alte Kinderreim "Denkt euch nur der Frosch ist krank" durchzieht als nostalgisches Leitmotiv die ganze Geschichte. Ebenso allerdings werden Heidegger oder Bourdieu unentwegt im Vorbeigehen zerpflückt. Der Leser muss dafür nicht studiert haben, meint Ecker: "Ganz und gar nicht: Der Held bildet sich unglaublich viel darauf ein, philosophisch bewandert zu sein, und sich in der Kunstgeschichte, der Populärkultur und so weiter auszukennen. Das braucht der Leser alles nicht zu wissen. Der Leser wird merken, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der sich gerne mit Wissen brüstet."

Weitere Informationen
Christopher Ecker: "Andere Häfen" (Cover) © Mitteldeutscher Verlag

Alpträume in skurrilen Bildern

Auch wenn Christopher Ecker die fantastische Logik oft stark strapaziert: Seine Sprache ist dabei prägnant und sachlich. mehr

Der Kongress hinterm Deich, wo Schafe weiden und ihn die Nordsee ins Watt lockt, bietet ein schönes Szenario, um solche Typen vorzuführen. Ein skurriles Panoptikum von Geisteswissenschaftlern schildert Ecker hier. Treffend auch, wie Oluf an der Authentifizierung seines Mail-Programms verzweifelt. "Kretins" - befindet Oluf, die vermutlich nicht wissen, dass Alice im Wunderland keine Märchenfigur ist, und ein Pilz kein Tier. Einen krassen Jargon legt Ecker dem Herrn Professor da in den Mund. Er grinst: "Es sind sehr viele Wendungen aus meiner saarländischen Jugend. Das Interessante ist, dass das Saarländische eine sehr plastische Vulgarität hat."

Gnadenlos gut geschrieben

Olufs Tiraden über die "bildungsfernen Schichten" und Vollidioten sind absolut unkorrekt, saukomisch und gnadenlos gut geschrieben. Erzählt wird in der ungewöhnlichen Du-Perspektive. "Oluf Sattler wird im Prinzip hier der Prozess gemacht. Es wird immer gesagt, du machst das, du sagst das, du denkst das", so Ecker. In diesem Prozess kommt jedoch Existenzielles auf den Tisch. Nachtgedanken, Einsamkeit, die Sinnlosigkeit des Daseins. Klarer Befund des Autors. Midlife-Crisis. Sie führt auf der Rückreise direkt in eine Psychose oder literarisch inszeniert: den Einbruch des Fantastischen.

Überraschendes Happy End

"Er gerät am Schluss des Buches auf ein Dorffest und dort in etwas, was wie eine dumme Hölle anmutet, in ein Geschehen von Menschen, die er verachtet, und die intellektuell natürlich ihm nicht gewachsen sind, die er aber gar nicht versteht", erzählt Ecker. Erbsensuppe mit Würstchen, zwei billige Blondinen, viel Bier und ein Mord. Eine Art Rache des Schicksals für die intellektuelle Arroganz des Helden. Einer kurzen abgedrehten Todesvision im Schlachthaus, typisch für Ecker, folgt überraschend das Happy End. Oluf wird mit einem sinnfreien Buch über Kunst berühmt, das die Phrasen der französischen Modephilosophen persifliert.

"Das Schlimme an diesem Buch ist der gute Schluss. Ein Happy End belohnt normalerweise gutes Verhalten. Und hier wird mit einem Happy End schlechtes Verhalten belohnt. Und das verstört und ärgert einen. Aber gleichzeitig entspricht es auch der Realität", findet Ecker. Doch damit verpufft die über ganzen Roman so perfide gehaltene Spannung. Warum kann er Frau und Kind nicht erreichen? Sind beide tot, ist sie wütend, oder liegt es nur am Handy? Trotzdem, auch wenn die eine oder andere Metapher übers Ziel hinausschießt, und nicht alle Anspielungen offensichtlich sind: Herr Olufs Reise nach Husum ist ein origineller Trip mit Tiefgang.

Herr Oluf in Hunsum

von Christopher Ecker
Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Mitteldeutscher
Bestellnummer:
978-3-96311-523-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 07.07.2021 | 12:40 Uhr

Christopher Ecker: "Der Bahnhof von Plön" (Cover) © Mitteldeutscher Verlag

Das Tor zu einer anderen Welt

Hinter dem harmlosen Titel "Der Bahnhof von Plön" von Christopher Ecker verbirgt sich ein skurriler Krimi. Der Roman ist witzig erzählt, vermischt mit Mythen und Mystery-Elementen. mehr

Segelurlaub auf dem Mittelmeer. Bei Windstille und Sonnenschein entspannt sich eine junge Frau in der Hängematte am Bug und liest ein Buch. © Marcus Gloger Foto: Marcus Gloger

Sommer, Sonne, Schmöker: Bücher für den Sommer

Sie suchen eine Leseempfehlung für den Sommer? Lassen Sie sich hier inspirieren für die schönste Zeit des Jahres. mehr

Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Stephen King und Leïla Slimani, der 30. Brunetti-Fall von Donna Leon und Sachbücher über koloniale Raubkunst. mehr

Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Das Gemischte Doppel empfiehlt Bücher für den Sommer(urlaub)

Viele neue Buchtipps. Mit dabei: Neues von Sebastian Barry, Maarten t’Hart, und Leïla Slimani und ein Buch über Paare am Pool. mehr

Mehr Kultur

Pierre Bertrand © picture alliance / Photoshot

Classical Beat Festival in Travemünde gestartet

In Travemünde startet das Classical Beat Festival. Musikalisches Highlight ist eine Reise durch den Orient. mehr