Sendedatum: 27.02.2011 17:20 Uhr  | Archiv

Gesamtkunstwerk Expressionismus

Gesamtkunstwerk Expressionismus
von Beil, Ralf (Hrsg.)
Vorgestellt von Melanie Bismarck

Die monumentale Ausstellung "Gesamtkunstwerk Expressionismus" ist vor wenigen Tagen in Darmstadt zu Ende gegangen, einhellig gefeiert von der Kritik. Erstmals wurden die verschiedenen Kunstgattungen im Expressionismus so umfangreich dargestellt. Der Katalog zur Ausstellung, ein voluminöser Kunstband, ist ein wahres Geschenk, ein außergewöhnliches Buch. Melanie von Bismarck verrät warum.

Aufgerissene Augen, gezackte Formen, Häuser aus spitzen Splittern, Kriegstote, Revolution, düstere Schatten, exstatischer Tanz. Die Welt im Umbruch - sie liegt vor einem. Durchblättert man das gut 512 Seiten starke Buch, werden sie gegenwärtig: die Unruhe und der Tatendrang der Jahre zwischen 1905 und 1914, das Kriegstrauma, die Politisierung der Künstler in den Nachkriegsjahren, die Verfestigung der expressionistischen Formen zum modischen Einrichtungsstil in großbürgerlichen Wohnungen der 20er-Jahre.

Ausbruch aus Konventionen

In der Frühphase der Bewegung trägt das Schroffe, Explosive noch Bedeutung, ist es Zeichen des Ausbruchs aus erstarrten Konventionen und der Suche nach Wahrheit. So beschreibt es der Maler Ludwig Meidner.

Leseprobe:
Die impressionistische Verschwommenheit und Verundeutlichung nützt uns nichts.(...) Eine Straße besteht nicht aus Tonwerten, sondern ist ein Bombardement von zischenden Fensterreihen, sausenden Lichtkegeln zwischen fuhrwerken aller Art und tausend hüpfenden Kugeln, Menschenfetzen, Reklameschildern und dröhnenden gestaltlosen Farbmassen.

Die Aufbruchsstimmung, die die Künstler erfasst, paart sich mit Todessehnsucht und düsteren Vorahnungen einer nahenden Apokalypse.

Leseprobe:
Die Nächte explodieren in den Städten,
Wir sind zerfetzt vom wilden heißen Licht,
Und unsre Nerven flattern, irre Fäden,
Im Pflasterwind, der aus den Rädern bricht.

Zeitgeist in Bild und Text

Ernst Wilhelm Lotz - er wird wie so viele Künstler Opfer des Krieges. Zeitdokumente wie dieses Gedicht bringt der Katalog abgesetzt auf hellgrün grundierten Seiten. Ein wahrer Schatz tut sich da auf, Gedichte von Georg Heym oder Erich Mendelsohn, Zeitungsartikel von Kurt Tucholsky und Herwarth Walden, Schriften von Künstlervereinigungen, Proklamationen, Aufrufe. Und natürlich das Gedicht "Weltende" von Jacob van Hoddis, für viele seiner Zeitgenossen nicht weniger als expressionistisches Programm.

Leseprobe:
Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut
In alle Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei,
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hüpfen
An Land, um dicke Dämme zu erdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Netzwerk der Künste

Denken und Fühlen der Künstler - historische Fotografien, Plakate, Gemälde, Architekturskizzen, Flugblätter, Gemälde und Bühnenbildentwürfe lassen es erahnen. In seiner Zusammenschau lässt der Katalog den Leser teilhaben an den engen Netzwerken der Künstler, an ihrem Ansinnen, Kunst, Film, Literatur, Theater, Tanz und Architektur zu einem Gesamtkunstwerk zu verschmelzen.

Leseprobe:
Vielleicht ist der Lebende Künstler dazu berufen, vielmehr ein Kunstwerk zu leben als es zu erschaffen.

So überlegt es Walter Gropius 1919. Das Leben als Gesamtkunstwerk fand statt im Atelier Ernst Ludwig Kirchners, die Wände bedeckt mit Fresken, selbstgebatikten Vorhängen, geschnitzten Möbeln - eine Gesamtgestaltung und ein Rückzugsort, in dem Kirchner seine Vorstellung von befreiter Sexualität lebte. Das Zusammenspiel der Kunstgattungen - nirgends wird es so deutlich wie im Film. So stellt der Katalog das expressionistische Filmereignis in den Mittelpunkt: Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" von 1919 mit seinen schwindelerregenden gemalten Bühnenbildern.

Sehnsüchte als Weltanschauung

Neben dem Film sind es Mehrfachbegabungen, die die Gattungen zusammenschweißen. Der Maler Oskar Kokoschka schrieb den Einakter "Mörder, Hoffnung der Frauen", führte selbst Regie. Paul Hindemith setzte das Drama zwei Jahre nach seiner Uraufführung in eine Oper um.

Leseprobe:
Der Expressionismus ist keine Mode. Er ist eine Weltanschauung. Und zwar eine Anschauung der Sinne, nicht der Begriffe.

So sah es "Sturm"-Herausgeber Herwarth Walden. Zur expressionistischen Bewegung, so vermittelt es der Band schon durch eine ausgeklügelte Bildregie, gehören nicht nur Künstlergruppen wie "Die Brücke" und "Der Blaue Reiter". Dazu gehören der Massenkonsum von Morphium und Kokain, die fortwährende Thematisierung von Lust, Tod und rauschhafter Ekstase, die Auftritte der Skandaltänzerin Anita Berger, die Ganzkörpermasken von Lavinia Schulz, die utopischen Architekturentwürfe.

Ein Gesamtkunstwerk

500 Abbildungen - was das heißt, erfährt man, will man den Band durchblättern - es will schlicht nicht gelingen, immer wieder bleibt das Auge hängen. Zusammen mit den gut lesbaren Beiträgen der 16 Autoren macht das viele, viele Stunden genussvoller Lektüre.

Gesamtkunstwerk Expressionismus

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hatje Cantz, 512 Seiten, 467 Abbildungen
Bestellnummer:
978-3-7757-2712-9
Preis:
58,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.02.2011 | 17:20 Uhr

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