Stand: 25.05.2018 13:39 Uhr

Die Entblößung des Heilands

Den Himmel finden
von Erri De Luca, aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Ein nackter Jesus - ist das Blasphemie? Der Ich-Erzähler in Erri de Lucas Roman sucht nach Antworten und findet dabei seinen eigenen Weg zu Gott.

Der 1950 in Neapel geborene Schriftsteller Erri de Luca gehört zu den meistgelesenen Autoren Italiens. Und dass obwohl er erst mit vierzig Jahren begonnen hat zu schreiben. Vorher arbeitete er als Maurer, Lkw-Fahrer und Lagerist. Seine Fähigkeiten als Schriftsteller brachte er sich überwiegend im Selbststudium bei. De Lucas neuer Roman trägt den Titel "Den Himmel finden". Der Ich-Erzähler ist ein knurriger, eigenbrötlerischer Mann in einem kleinen italienischen Bergdorf. Er arbeitet in mehreren Berufen, die er sich offenbar mehr oder weniger selbst beigebracht hat: als Bildhauer, Restaurator und Touristenführer. Nebenbei führt er Menschen, die auf dem Weg nach Norden sind, illegal über die Berge.

"Auf steilen Wegstrecken binde ich ihnen ein Seil um die Taille und ziehe sie hoch. Deshalb verlange ich, dass sie einen Rucksack tragen und die Hände frei haben. Mit Kindern und Frauen nimmt man die langsamere Strecke, ich achte auf ihre Kleider, die Schuhe. Ohne ein festes Paar Schuhe und warme Sachen gehe ich nicht los, auch im Sommer nicht." Leseprobe

Die Menschen bezahlen den Mann, der sie durch schwieriges, steiles Gelände führt. Aber der Ich-Erzähler gibt ihnen das Geld heimlich am Ende der Tour zurück. Sie werden es schließlich noch brauchen.

Eine merkwürdige Aufgabe

Eines Tages bekommt er einen seltsamen Bildhauer-Auftrag. Ein Geistlicher bittet ihn, eine Marmorstatue, Jesus am Kreuz in Lebensgröße, wieder in ihren Originalzustand zu versetzen. Der Bildhauer hatte Jesus nackt dargestellt und erst später wurde im Auftrag von kirchlichen Tugendwächtern ein Lendenschurz angebracht.  Der Ich-Erzähler beginnt sich bedächtig und sorgfältig in das Thema einzulesen und vorzubereiten. Er bewundert die Arbeit des Bildhauers:

"Bei einer Statue muss man das Blut ahnen können. Hier ist der Tod eines alle Kraft aufbietenden Athleten dargestellt. Seine Schönheit ist so groß, dass ein Gericht aus Frauen ihn niemals verurteilt hätte." Leseprobe

Das Gemächt von Jesus

Wunderbar an Erri de Lucas Roman ist, wie dezent er mit den pikanten Details der Geschichte umgeht und mit welcher Anmut und zarter Erotik er schildert, wie der Lendenschurz entfernt und ein entscheidendes Ersatzteil hergestellt wird. Er steigt ein in die Leidensgeschichte Jesu:

Das muss die Wirkung der Kunst sein: Sie übersteigt die persönliche Erfahrung, lässt den Körper, die Nerven, das Blut unbekannte Ziele erreichen. Vor diesem nackten Sterbenden wurden meine Eingeweide erschüttert. Ich fühle eine Leere in der Brust, ein Zärtlichkeitswirrwarr, einen Mitleidskrampf. Ich habe eine Hand auf seine Füße gelegt, um sie zu wärmen. Leseprobe

Großartige Übersetzung

Der Restaurator beschafft ein passendes Stück Marmor, um das fehlende Körperteil der Statue zu rekonstruieren und macht sich ans Werk. Für die Zeit der Lektüre fühlt man sich behütet und beschützt von geheimnisvollen Mächten.

Kurz vor dem Ende des Romans kommt noch eine Passage, die von einer Frau handelt, die der Ich-Erzähler kennengelernt hat und die unbedingt von ihm durch die Berge geführt werden will. Innerhalb der Geschichte ist diese Passage seltsam unverständlich und wirkt wie ein hässlicher Mitesser in einem schönen Teenagergesicht. Gleichwohl ist es ein bewegender Roman, der ein wenig an J.L. Carrs "Ein Monat auf dem Land" erinnert. Die Eleganz und die in unerklärlicher Weise die Seele berührende Sprache haben wir deutschen Leser der Übersetzerin Annette Kopetzki zu verdanken.

Den Himmel finden

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
List Verlag
Bestellnummer:
978-3-471-35171-0
Preis:
17,00 €

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