Stand: 20.06.2014 17:40 Uhr  | Archiv

Eine Maler-Exkursion: "Die Tunisreise 1914"

Die Tunisreise 1914: Paul Klee, August Macke, Louis Moilliet
Vorgestellt von Silke Lahmann-Lammert

Vor 100 Jahren lag der Orient für die meisten Europäer in unerreichbarer Ferne - ein Ort der Mythen und Geheimnisse. Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet machten sich 1914 nach Tunis auf, um diese unbekannte Welt zu erkunden.

Bild vergrößern
Die Aquarelle erzählen von der Entdeckerlust der drei Maler.

Mit Koffern voller Skizzenbücher und Aquarelle kehrten die Maler zwei Wochen später in ihre Heimat zurück. Heute sind diese Bilder berühmt und bekannt: Arabische Stadtansichten, blühende Gärten, bunte Straßenszenen - die "Tunisreise" gilt als Sternstunde der Kunstgeschichte.

Beim Verlag Hatje Cantz ist, passend zum Jubiläumsjahr, ein Bildband über die legendäre Maler-Exkursion erschienen.

Drei Künstler auf Reisen

Paul Klee und Louis Moilliet treffen gemeinsam in Marseille ein. Am nächsten Morgen wollen sie sich nach Tunesien einschiffen. In seinem Tagebuch schildert Klee, wie die beiden Maler im Hafen Ausschau nach August Macke halten: "Endlich ihn gefunden. Dort das Kindergesicht, isst und trinkt, wie ein junger Fürst. Sieht uns nicht. Es ist ein Trottoir-Restaurant, durch Barriere von der Straße abgegrenzt. Wir kauern hinter der Barriere, damit er nur unsere beiden Köpfe sehn soll. Da, er sieht - sah uns, errötete leicht, guckte schnell weg, als ob er nichts gesehen habe. Dann lustige Begrüssung. "

Bild vergrößern
Der Künstler Paul Klee (1879 - 1940) in einer Aufnahme aus dem Jahr 1921. Seine Reisenotizen bildeten die Grundlage für spätere Texte über diese Expedition.

Von Anfang an ist klar: Nicht nur künstlerische Ambitionen treiben die drei Männer an. Sie wollen ihre Reise auskosten, sich amüsieren, die neuen Eindrücke in vollen Zügen genießen. "Donnerstag, den 16. April: Früh vor der Stadt gemalt, leicht zerstreutes Licht, mild und klar zugleich. Kein Nebel", schreibt Klee am selben Abend. Und dann folgen seine legendären Zeilen:

Ich lasse jetzt die Arbeit. Es dringt so tief und mild in mich hinein, ich fühle das und werde so sicher, ohne Fleiss. Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn. Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.

Reisenotizen, Briefe und Postkarten

Sätze, die später immer wieder zitiert wurden. Aber wie viel davon ist authentische Erinnerung, wie viel künstlerische Selbstinszenierung? Michael Baumgartner stellt in dem neuen Bildband klar, dass Paul Klees Tagebücher kein "Journal intime" sind, sondern nachträglich bearbeitete Texte. Der Maler schrieb sie Jahre nach der Tunis-Exkursion - den inzwischen erworbenen eigenen Ruhm fest im Blick. Die ursprünglichen Reisenotizen, die ihm als Grundlage dienten, gingen verloren. Dennoch ist es ein Vergnügen, Klees Bericht zu lesen. Im Buch ist er ebenso dokumentiert wie die Briefe und Postkarten der Künstler. Eine davon hat August Macke aus dem tunesischen St. Germain an seine Frau geschickt.

"Die afrikanische Landschaft ist noch viel schöner wie die Provence. Ich hätte mir das nie vorgestellt. Ich glaube, ich bringe kolossal viel Material heim, was ich dann in Bonn verarbeiten kann" ist dort zu lesen.

Orientalischer Farbenrausch

In dem neuen Bildband können wir - 100 Jahre später - die künstlerische Ausbeute der Reise bewundern: Mehr als 70 Aquarelle erzählen vom Rausch der Farben, von der Entdeckerlust der Maler und ihrer Begeisterung für alles Neue, Exotische und Fremde. Wie sehr Klee, Macke und Moilliet sich auch für die Menschen interessiert haben, zeigen ihre Zeichnungen und Fotografien: Bleistiftskizzen von Einheimischen, Schwarzweiß-Aufnahmen von Frauen und Kindern, Beduinen, Kamelhändlern und Hirtenjungen.

Ein spannendes, bislang wenig beachtetes, Kapitel der Orient-Exkursion, das in dem Buch ausführlich behandelt wird. Der neue Prachtband lässt keine Frage offen. Er liefert jüngste Forschungsergebnisse und Bewertungen der Tunisreise. Vor allem aber präsentiert er so viele Bilder wie keine Publikation zuvor. Ein sinnlicher Hochgenuss!

Die Tunisreise 1914: Paul Klee, August Macke, Louis Moilliet

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3775737623
Preis:
29,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.06.2014 | 17:40 Uhr

Mehr Kultur

03:10
NDR 1 Welle Nord

Theater Werftpark: Huck und Jim in Weltall

14.11.2018 20:05 Uhr
NDR 1 Welle Nord
02:38
Hamburg Journal

Staatsoper: Werkstätten und Fundi neu eröffnet

14.11.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:43
Hallo Niedersachsen

Lichtkunstfestival erleuchtet Hannover

14.11.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen