Das Cover von Caroline Bernhards Roman "Die Frau von Montparnasse" © Aufbau Verlag

"Die Frau von Montparnasse": Auf den Spuren von Simone de Beauvoir

Stand: 11.05.2021 10:56 Uhr

Hinter dem Pseudonym Caroline Bernard verbirgt sich die Schriftstellerin Tania Schlie. Mit ihrem neuen Roman geht sie in ihre eigenen Jugend zurück, als Simone de Beauvoir ihr großes Vorbild war.

Das Cover von Caroline Bernhards Roman "Die Frau von Montparnasse" © Aufbau Verlag
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von Annemarie Stoltenberg

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es." Simone de Beauvoir

Mit diesem Satz hat Simone de Beauvoir eine damals neue Sichtweise in die Emanzipationsbewegung der Frau gebracht. Sie hat sich getraut, Konventionen über Bord zu werfen und Lebensmuster neu zu denken. Sie war eine ungeheuer spannende, souveräne, starke Frau und einflussreiche Philosophin.

Gleichwohl wird sie meist einfach nur als Lebensgefährtin von Jean Paul Sartre genannt, nicht als eigenständige Person. Dieser Widerspruch ist ein treibendes Motiv in Caroline Bernards Roman, mit dem sie sich in das Leben von Simone de Beauvoir einfühlt.

Caroline Bernard erzählt von Simone de Beauvoirs Leben

Die Atmosphäre ihrer Zeitumstände hat sie flirrend und dicht eingefangen. Sie erzählt von einer ersten Beziehung ihrer Heldin mit einem Mann namens Jacques. Der entscheidet sich für eine andere Frau. Simone verplempert aber kaum Zeit für Liebeskummer. Sie spürt bald, dass es ihr Zeit und Raum gibt für ganz andere Pläne:

Ich werde niemals eine brave Hausfrau sein, die ihr Leben einem Mann und Kindern widmet. Leseprobe

Eine Ausbildung für den Lehrerinnenberuf hat sie absolviert, aber dann möchte Simone de Beauvoir lieber schreiben als unterrichten. Inzwischen hat sie Sartre kennengelernt und ganz langsam beginnt diese besondere Liebesbeziehung der beiden. 

Das Leben, wie sie es für sich plante, würde ihr Zeit für Sartre lassen. In den letzten Wochen waren sie Seite an Seite durch Paris gewandert. (…) Vor allem aber redeten sie, in einem unaufhörlichen Strom flossen die Worte zwischen ihnen. Der Tag hatte nicht genug Stunden, damit sie sich alles sagen konnten, was ihnen durch den Kopf ging. Und noch nie hatten sie sich eine Sekunde miteinander gelangweilt. Leseprobe

Beauvoirs Beziehung zu Jean Paul Sartre

Caroline Bernard erzählt vom Leben der Simone de Beauvoir gespeist aus den Tagebüchern der beiden und fühlt sich hinein in diese Beziehung, in der jeder den anderen achtet und von Grund auf respektiert. Aber es gibt Affären und andere Liebesbeziehungen. Sartre hat einen ganzen Harem und de Beauvoir lebt ebenfalls leidenschaftliche Affären aus.

Es war ein heilloses emotionales Durcheinander, und manchmal dachte Simone, dass sie eine unmögliche Ansammlung egozentrischer Menschen waren, die viel zu dicht aufeinanderhockten und immer neue Zwistigkeiten produzierten, die aber auch nicht ohne einander konnten. Leseprobe

"Die Frau von Montparnasse": Große Liebe und Streben nach Freiheit

Man fragt sich immer wieder, ob es wirklich Simone de Beauvoirs Wunsch war, so unkonventionell zu leben und Sartres Nebenfrauen, die untereinander auch glühend eifersüchtig reagierten, zu erdulden oder ob sie ganz einfach gern mit ihm verheiratet gewesen wäre in gegenseitiger Treue. Wir werden es nicht herausfinden, aber in diesem fragil erzählten, luftigen Text entwickelt man seine eigene Meinung.

Empörung gehört auch dazu: Immer wieder lässt Simone de Beauvoir ihre eigene Schreibarbeit ruhen, um Sartres Texte zu lektorieren. Als ein Buch von ihm erscheint, nimmt sie es zur Hand und sieht, dass es "Dolores" gewidmet ist. Es überrascht uns nicht wirklich.

Und könnte sich heute noch genauso wiederholen: Dass ein Mann die Lorbeeren seiner Arbeit einer Frau verdankt, es aber sofort vergisst. Wir haben noch viel zu tun. Aber wir stehen auf den Schultern solcher Frauen wie Simone de Beauvoir. Daran erinnert dieser unterhaltsame und kluge Roman.

Die Frau von Montparnasse. Simone de Beauvoir und die Suche nach Liebe und Wahrheit.

von Caroline Bernhard
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-7466-3814-0
Preis:
12,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.05.2021 | 12:40 Uhr

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