Cover des Buches "Der andere Ort" von Rachel Cusk © Suhrkamp Verlag

"Der andere Ort": Komplexer Machtkampf zwischen Frau und Mann

Stand: 22.11.2021 10:35 Uhr

Rachel Cusks bisher erschienene Romane erschienen derart vollständig, dass Fans rätselten, was danach noch kommen könne. Jetzt ist der neue Roman endlich da: "Der andere Ort", übersetzt von Eva Bonné.

Cover des Buches "Der andere Ort" von Rachel Cusk © Suhrkamp Verlag
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von Lisa Kreißler

Kein geringerer als der Teufel macht den Auftakt in Rachel Cusks neuem Roman. M, eine verzweifelte junge Mutter, sitzt ihm plötzlich in der Pariser Métro gegenüber, in genau der Zeit, als sie, scheinbar zufällig, auf eine Ausstellung des Malers L aufmerksam wird und in seinem Blick eine tiefe Verwandtschaft spürt.

Wenn er eine Landschaft malt, erinnert er sich daran, sie zu sehen, treffender kann ich dir seine Bilder und die Gefühle, die sie an dem Tag in mir auslösten, nicht beschreiben. Zweifellos könntest du das viel besser als ich. Aber du sollst verstehen, warum ich an einem anderen Ort und viele Jahre später, als ich mit Tony auf der Marsch lebte und mein Denken sich sehr verändert hatte, wieder an L und seine Landschaften denken musste. Leseprobe

Erzählung ist als Brief angelegt

Cusks Erzählung ist als Brief angelegt. In dem Bestreben, die dramatischen Ereignisse eines Sommers selbst besser zu verstehen, berichtet M, Schriftstellerin, mittlerweile um die 50, ihrem Freund Jeffers davon. M lebt mit ihrem Mann Tony und ihrer erwachsenen Tochter Justine auf der Marsch, einem einsamen Ort am Meer. Tony ist Landwirt, ruhig und beständig geht er seiner Arbeit nach, während M eigentlich nichts tut, außer zu warten und sich nach künstlerischem Austausch zu sehnen.

In diesem ganz bestimmten Sommer beschließt sie, Kontakt zu L aufzunehmen und ihn in das Sommerhaus auf der Marsch einzuladen. L nimmt die Einladung an. Mit großen Erwartungen sieht M seiner Ankunft entgegen.

Nervös sprang ich auf und wollte ihm die Hand schütteln, aber in dem Moment trat er beiseite, zog die Frau neben sich und sagte: "Das ist Brett, eine Freundin." Und so schüttelte ich nicht L die Hand, sondern einem hinreißenden Geschöpf Ende zwanzig, dessen selbstbewusstes und geschmackssicheres Auftreten überhaupt nicht zur Umgebung passte und das mir die Finger mit den lackierten Nägeln so fröhlich anbot, als wären wir hier nicht am Ende der Welt, sondern auf einer Cocktailparty an der Fifth Avenue!" Leseprobe

Erhofftes Wiedersehen, jedoch anders als gewünscht

Ls Anwesenheit gestaltet sich vollkommen anders, als M sich das gewünscht hatte. Er zieht sich ins Sommerhaus zurück und verweigert das Gespräch. Er malt Tony und Justine, nicht aber M. Die schöne Brett freundet sich mit Justine an, kann alles, von Gemüseanbau bis Ballett, und degradiert M zur verbitterten chancenlosen Hexe. Alles Hässliche und Böse an M wird plötzlich sichtbar.

Gerüchte erreichen sie, L wolle sie zerstören. Je weiter das zwischenmenschliche Gefüge in diesem heißen Sommer sich verschiebt, desto deutlicher wird, dass M und L in einen komplexen Machtkampf miteinander verstrickt sind. Wer ist stärker? Das Weibliche oder das Männliche? In wem von beiden steckt der Teufel? Und wie ist es beschaffen: das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit?

Ich möchte ein ungetrübtes Medium sein, oder wenigstens auf dem Weg dahin. Ich glaube, in gewisser Weise habe ich etwas von dem gesehen, was L am Ende gesehen und in den Nachtbildern festgehalten hat. Die Wahrheit liegt nicht im Anspruch auf Wirklichkeit begründet, sondern dort, wo das Wirkliche unsere Interpretationen davon übersteigt. Leseprobe aus "Der andere Ort"

Erkenntnistheorie mit den Mitteln der Erzählung

In "Der andere Ort" betreibt Rachel Cusk Erkenntnistheorie mit den Mitteln der Erzählung. Das Kammerspiel um die kleine Gesellschaft auf der Marsch dient als Triebkraft für eine Reflexion über die Macht des Willens und die Grenzen der Liebe. In einer Art innerem Duell stehen M und L sich am Ende in der Paradieslandschaft gegenüber. Einer von beiden muss gehen.

Als Leserin schwebt man verbündet mit Jeffers, dem unbekannten Adressaten all des Erzählten, über dem Schlachtfeld und wird überwältigt von dem heißen metaphysischen Wind, der durch die Sätze fegt. Und so schafft es Rachel Cusk auch in diesem neuen Roman, durch Sprache einen ganz neuen Ort zu erschaffen.

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Der andere Ort

von Rachel Cusk aus dem Englischen von Eva Bonné
Seitenzahl:
205 Seiten
Genre:
Erzählung
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-43018-7
Preis:
23,00 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.11.2021 | 12:40 Uhr

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