Stand: 13.06.2018 17:18 Uhr

Auf der Suche nach der Wahrheit

Missing - Niemand sagt die ganze Wahrheit
von Claire Douglas, aus dem Englischen von Ivana Marinovic
Vorgestellt von Andrea Heußinger
Bild vergrößern
Claire Douglas hat sich als Autorin auf Thriller spezialisiert. Mit "Missing" erscheint erstmals einer ihrer Romane auch in deutscher Sprache.

Frankie und Sophie sind in einer englischen Kleinstadt am Meer aufgewachsen. Die beiden waren beste Freundinnen und unzertrennlich - bis Sophie eines Nachts verschwand. 18 Jahre lang fehlte von Sophie jede Spur, bis Frankie plötzlich einen Anruf von Sophies Bruder Daniel bekommt. In der Nähe seien menschliche Überreste angespült worden, zusammen mit einem dunkelblauen Turnschuh. Dasselbe Modell, das Sophie trug, als sie verschwand.

Daniel glaubt, dass seine Schwester ermordet wurde, und bittet Frankie, mit ihm gemeinsam endlich die Wahrheit herauszufinden.

"'Wirst du mir helfen, Frankie?', fragt Daniel und klingt plötzlich drängend. 'Ich muss herausfinden, was ihr zugestoßen ist. Jemand weiß mehr als er vorgibt (...).' Kann ich nach über achtzehn Jahren wirklich noch einmal zurückkehren? Ich hatte mir geschworen, nie wieder einen Fuß in diese Stadt zu setzen. Aber welche Wahl habe ich? Ich unterdrücke ein resigniertes Seufzen. 'Wann soll ich kommen?'" Leseprobe

Niemand sagt die ganze Wahrheit

Die mittlerweile erfolgreiche Hotelmanagerin macht sich auf den Weg nach Oldcliffe und dabei zurück in die eigene Vergangenheit. Dabei stößt sie auf viel Ablehnung, denn in der Tat scheinen viele Bewohner deutlich mehr zu wissen, als sie vorgeben.

Vermutlich lautet der Untertitel des Romans deshalb auch "Niemand sagt die ganze Wahrheit". Das gilt ausnahmslos für jeden, auch für Frankie.

"Ich erwartete, Frankie in den Semesterferien zu treffen, aber sie kam nur selten nach Hause. Manchmal fragte ich mich auch, ob sie wegblieb, weil die Rückkehr nach Oldcliffe zu schmerzhaft war. Der Ort erinnerte sie - ich erinnerte sie - daran, was mit Jason passiert war, als wir sechzehn waren. Nach jenem Sommer war unsere Freundschaft nie wieder dieselbe. Wir hatten immer über alles reden können, doch auf einmal waren wir nicht mehr in der Lage, über ihn zu sprechen, denn allein die Erwähnung seines Namens ließ die schreckliche Sache aufleben, die wir getan hatten." Leseprobe

Auszüge aus dem Tagebuch der Verschwundenen: Darin schildert Sophie, was vor 18 Jahren, in den Wochen vor ihrem Verschwinden in Oldcliffe passiert ist. Claire Douglas erzählt die Geschichte geschickt aus vielen verschiedenen Perspektiven, wodurch der Leser nie genau weiß, wem er trauen soll.

Häufig wechseln sich Sophies Erzählungen mit denen von Frankie ab. Nach und nach kommt immer mehr ans Licht: auch über die "schreckliche Sache", die Frankie und Sophie nie jemandem erzählen wollten.

Viele Fragen bleiben offen

Eigentlich herrschen hier beste Voraussetzungen für einen guten Thriller: eine spannende Ausgangsposition, einige gute Twists, die den Leser schließlich an allem und jedem zweifeln lassen. Dazu schafft Douglas eine beklemmend-bedrohliche Atmosphäre - die zusehends ins Unheimliche kippt:

"Ich schnalle mich an, erleichtert, dass ich ein paar Stunden totschlagen kann, bevor ich wieder alleine in dieses Haus zurückmuss. Als Daniel wendet, springt mir etwas im Erkerfenster meines Apartments ins Auge. (...) Ein Gesicht ist gegen das Glas gepresst und starrt zu uns herunter. Das Blut gefriert mir in den Adern. Bist du das?" Leseprobe

Am Ende ist "Missing" trotz der guten Voraussetzungen eher Drama als Thriller. Und leider auch nicht gut geschrieben: Die Dialoge sind hölzern und die Sprache wirkt an einigen Stellen ungelenk und unpräzise, an anderen dann wieder kitschig und voller Pathos. Viele Beschreibungen sind zudem meist platt und gespickt mit Banalitäten.

Ab der Mitte des Buchs beginnt die Autorin zudem, sich zu wiederholen. Dazu kommen einige Ungereimtheiten: Warum entschließen sich Frankie und Daniel erst nach 18 Jahren, das Verschwinden aufzuklären? Warum stellen sie bei ihren Befragungen immer nur eine oder zwei Fragen?

Der Grund dafür liegt in der finalen Wendung, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Zwar ist sie raffiniert konstruiert, beim genaueren Nachdenken wirft aber auch sie mehr als eine Frage auf.

Missing - Niemand sagt die ganze Wahrheit

von
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Penguin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8649-3057-7
Preis:
13,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.06.2018 | 12:40 Uhr

04:10
NDR Kultur

Tom Shone: "Tarantino"

17.06.2018 17:40 Uhr
NDR Kultur
05:00
NDR Kultur

Per Mertesacker: "Weltmeister ohne Talent"

14.06.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:56
NDR Kultur

Joyce Carol Oates: "Der Mann ohne Schatten"

13.06.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:44
NDR Kultur

Margery Sharp: "Die Abenteuer der Cluny Brown"

12.06.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:48
NDR Kultur

Ildefonso Falcones: "Die Erben der Erde"

11.06.2018 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

48:17
NDR Info

Der Passagier vom 1. November (3/3)

06.10.2018 21:05 Uhr
NDR Info
48:16
NDR Info

Der Passagier vom 1. November (2/3)

29.09.2018 21:05 Uhr
NDR Info
03:40
DAS!