Stand: 12.03.2018 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Parker"

Parker
von Matthias Göritz
Vorgestellt von Korinna Hennig

Dieses Buch passt in die politische Gegenwart wie kaum ein anderes: "Parker" heißt der Roman von Matthias Göritz, den die NDR Kulturredaktionen zum Buch des Monats März erkoren haben. Er ist so norddeutsch, dass wir daran nicht vorbeikamen. Der Held des Romans ist ein Politikberater, der nach Kiel kommt, um der Karriere eines aufstrebenden Jungpolitikers Auftrieb zu geben - und dabei auch vor einer Intrige nicht zurückschreckt.

Matthias Göritz im Interview.

"Parker": Faszinierendes Zirkeltraining der Macht

Bücherjournal -

Matthias Göritz entwirft in seinem Roman ein faszinierendes Zirkeltraining der Macht. Er schreibt über den Politberater und Redenschreiber Parker, der ganz nach oben will und scheitert.

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Neuanfang als SPD-Berater

Die Grundkonstellation ist rasch erzählt. Matthew Parker ist gefeierter Rhetoriktrainer, Berater und zwischenzeitlich auch erfolgreicher Sachbuchautor. Ein rastloser Mann, der beruflich ständig um die Welt jettet. In New York hätte er fast sein Glück gemacht, doch dann ist ihm alles wieder entglitten. Mit Mietschulden und ohne gültige Kreditkarte landet er in Kiel und ist voller Hoffnung auf einen neuen Karrieresprung: Als Spin-Doctor soll er die Kampagne für den ehrgeizigen SPD-Jungpolitiker Mahler leiten. 

"Langfristig brauchen wir aber auch als Gesamtpartei ein neues Profil, wir müssen weg von der Kumpelromantik aus Duisburg und mehr anzubieten haben als Solidarität mit den Werftlern aus Kiel … ich brauche jemanden, der mich durch die Institutionen lotst. Twittern, Reden, Formen - alles ihr Gebiet." Leseprobe

Der Traum von der großen Karriere

"Mahler träumt davon, der deutsche Macron zu werden, also von außen einzusteigen und die bundesrepublikanische Politik neu zu gestalten. Da ist Schleswig-Holstein ein sehr gutes Pflaster, um anzufangen", sagt der Autor. "Das hat eine ganz lange Tradition, wenn Sie sich erinnern: Die Engholms, die Barschels, die Stoltenbergs früher, das sind immer sehr wichtige Politiker gewesen, die es fast geschafft haben, und Mahler, dieser fiktive Politiker, das ist nun der, der es schaffen soll - aber wahrscheinlich wird es Robert Habeck schaffen."

Interview mit dem Autor

"Und plötzlich fängt im Norden eine Revolte an"

Der neue Roman "Parker" von Matthias Göritz spielt in der Politik in Kiel. Warum sich der Autor Schleswig-Holstein als Schauplatz ausgesucht hat, verrät er im Interview. mehr

Tatsächlich taucht der Grünenpolitiker Robert Habeck leibhaftig auf, als potenzieller Bündnispartner, als Vorbild und Gegenspieler - ebenso wie der frühere Ministerpräsident Torsten Albig, den Parker, der Berater, auf erschreckend realitätsnahe Art zum Ziel einer kaltblütig durchgezogenen Mini-Intrige macht. Diese Verstrickung von Fakten und Fiktion ist ein bewusster Kunstgriff.

"Reale Charaktere auftreten zu lassen, sie sich landespolitisch sozusagen auch bespiegeln zu lassen, um dann einfach zu erkunden und auszuloten, wie kann Politik denn funktionieren, wenn man solche Charaktere dann hat", meint Göritz.

Kiel ist der perfekte Handlungsort

Das entwickelt einen reizvollen Sog, je länger man in dem Roman liest. Kiel ist das perfekte Biotop für diesen Hybrid aus Zeitgeschichte und Fiktion: der Ort, an dem Engholm und Barschel strauchelten und stürzten, an dem der "Heidemörder" die Karriere von Heide Simonis beendete.

Matthias Göritz kennt Kiel, er ist gebürtiger Schleswig-Holsteiner und hat in der Landeshauptstadt selbst als Rhetoriktrainer gearbeitet. Er kennt auch den Politbetrieb, sein Vater war Lokalpolitiker. Das Partei-Milieu schildert er atmosphärisch dicht und überzeugend, Mahlers Reden, die kühle Kalkulation, wann der seine Überzeugungen für PR-Zwecke einsetzen kann:

"Ich hatte gerade eine unangenehme Debatte im Landtag. Es geht darum, wie viele Flüchtlinge wir aufnehmen - und was wir mit ihnen anfangen." …"Was ist deine Position?" "Meine? Helfen, wo man kann. Das zeigt Menschlichkeit, das ist Christenpflicht, das kommt bei den liberalen Protestanten gut an." Leseprobe

Der Autor mag Brüche in Charakteren

Parker und Mahler sind getriebene, im Grunde beide auch einsame Charaktere, mal sympathisch, dann wieder auf schockierende Art berechnend.

"Ich glaube, dass ich meine Charaktere immer dann mag, wenn sie diese Brüche zeigen und wenn sie eben nicht weich werden, sondern wenn sie in Momenten, wo sie eigentlich weich werden müssten und zusammenbrechen müssten, dann plötzlich wieder die Rüstung anziehen und dann ganz anders wieder anfangen zu kämpfen, auch mit ganz harten Bandagen, auch im Prinzip über Leichen gehen", erklärt der Autor.

Buch erinnert an spannende Fernsehserie

Doch als die angehende Staatsanwältin Anneli Schneider auftaucht und sich eine riskante Dreieckskonstellation andeutet, wird Parker genau diese Kühnheit zum Verhängnis. Der Roman erinnert über weite Strecken an die dänische Fernsehserie "Borgen", die voller Hochspannung hinter die Kulissen aktueller europäischer Parteipolitik führt.

Matthias Göritz entwirft ein faszinierendes Zirkeltraining der Macht, dessen Hauptproblem in der eigenen Natur der Sache liegt - der Tatsache, dass Politik eben die öffentliche Bühne braucht und sich deshalb immer wieder in Eitelkeiten verstolpert. Oder wie Parker es irgendwann in seinen Notizen hellsichtig diagnostiziert: "Charakter ist das, was man ist, wenn niemand zuschaut."

Parker

von
Seitenzahl:
299 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-70063-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 12.03.2018 | 22:45 Uhr

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