Stand: 30.04.2020 15:45 Uhr

NDR Buch des Monats: Grotesk und blutig bis zum Ende

SoKo Heidefieber
von Gerhard Henschel
Vorgestellt von Jürgen Deppe

"Regionalkrimis" gibt es fast überall in Deutschland. Wenn nun aber ein vermeintlicher Regionalkrimi aus der Lüneburger Heide mit dem Aufdruck "Überregionalkrimi" daherkommt und aus der Feder des renommierten Spötters Gerhard Henschel stammt, dann verdient das erhöhte Aufmerksamkeit - und auch das Prädikat NDR Buch des Monats.

Gerhard Henschel: Angriff auf den Regionalkrimi

Bücherjournal -

Schriftsteller Gerhard Henschel macht sich in seinem Roman "SoKo Heidefieber" über Klischees des Genres Regionalkrimi lustig. Und er ehrt den Schriftsteller Frank Schulz.

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Dieses Buch sollte beim Lesen am besten flach auf dem Tisch liegen oder gerade gehalten werden, sonst könnte es passieren, dass Blut heraustropft: Immerhin pflastern 15 fürchterlich zugerichtete Mordopfer und ein fürchterlich zugerichteter Schriftsteller mit Namen Frank Schulz den Weg zum blutigen Ende dieses Romans.

Ein Serienmörder auf Autoren-Jagd

Den Schriftsteller Frank Schulz gibt es auch im wahren Leben. Allerdings wird der Schöpfer Schulz in "SoKo Heidefieber" selbst zum Geschöpf und zwar nicht in einem Schulz-Roman, sondern in einem von Gerhard Henschel, dem unermüdlichen Spötter und Satiriker. Henschel nimmt sich nun seinen Kollegen Frank Schulz als einen von etlichen Helden in der Krimigroteske "SoKo Heidefieber". Dort geht es um einen Serienmörder, der es auf die Autoren von Regionalkrimis abgesehen hat, und sie haargenau so meuchelt, wie die Opfer in ihren Büchern. Wie etwa bei Nils-Ole Feddersen aus Niebüll und seinem Buch "Wattenmeermord"

"Darin machten die Russenmafia und eine Motorradrockergang aus Plön einander einen Piratenschatz aus der Epoche der Wikinger streitig, und im vorletzten Kapitel wurde Fiete, der Boss der Rockergang, von den Russen auf der 640 Meter langen, 210 Meter breiten und allein von einem Vogelwart bewohnten Hallig Norderoog in der Nordsee ausgesetzt, gemeinsam mit drei Wölfen, die schon bald begriffen, dass Fiete eine leichtere Beute war als die Graugänse, Stockenten und Haubentaucher." Leseprobe

Eine Blutspur durch den Norden

Der mysteriöse Serienmord, der sich im Norden immer weiter ausbreitet und bald das ganze Land erfasst, ruft beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden eine Sonderkommission auf den Plan, die "SoKo Heidefieber". Bei deren Auftakttreffen spricht als krimikundiger Fachmann eben jener Frank Schulz, Erfinder des Hamburger Privatdetektivs Onno Viets, also quasi Regionalkrimikollege. Dass Schulz auf der BKA-Tagung ironisch über "angewandte Literaturkritik" als mögliches Motiv der Mordserie spekuliert, wird ihm nicht nur komplett falsch ausgelegt, sondern auch sehr übel genommen. So übel, dass er sich ob all der Anfeindungen eine Auszeit in seinem griechischen Feriendomizil gönnt, wodurch aber nichts besser wird, sondern nur alles noch schlimmer.

Ermittler im Heidefieber

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Der Schriftsteller und Übersetzer Gerhard Henschel wuchs in Hannover, Koblenz, Vallendar und Meppen auf.

Wenn es denn in diesem Kosmos der Kuriositäten einen Fixstern gibt, dann ist es neben Schulz das zuständige Ermittlerduo aus der Lüneburger Heide: Hauptkommissar Gerold Gerold und seine Kollegin, Oberkommissarin Ute Fischer, genannt die "Fischerin". Eine waschechte Friesin, die auch oft so spricht: "Dat kannst du een vertellen, de noch keen Knopen an de Büx hett." Trotz der blutigen Handlung ist "SoKo Heidefieber" eine Regionalkrimisatire, in der es an fleißigen Arbeitern im Weinberg des Nonsens nur so wimmelt.

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SoKo Heidefieber

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00833-3
Preis:
18,00 €
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