Buchcover Judith Hermann: "Daheim" © S. Fischer

NDR Buch des Monats Mai: "Daheim" von Judith Hermann

Stand: 07.05.2021 22:07 Uhr

Nach mehreren erfolgreichen Erzählbänden wurde Judith Hermanns erster Roman "Aller Liebe Anfang" 2015 weniger euphorisch aufgenommen. Jetzt legt die Autorin mit "Daheim" einen weiteren Roman vor.

von Lisa Kreißler

Am Anfang steht eine Erinnerung - eine Erinnerung als Rätsel. Die Ich-Erzählerin denkt zurück an eine Begegnung vor 30 Jahren: In einer Tankstelle hatte sie ein Zauberer angesprochen und gefragt, ob sie seine Assistentin werden wolle.

Es ist sehr einfach. Sie müssen sich in eine Kiste legen, ich zersäge Sie - zum Schein - , und dann setze ich Sie wieder zusammen. Wir können es ausprobieren. Sie kommen mich besuchen, wir probieren es aus. Leseprobe

Die Probe findet statt. Die junge Frau besucht den Zauberer, steigt in die Kiste, wird scheinbar zersägt und kommt scheinbar unversehrt wieder heraus. Der Zauberer bietet ihr an, mit ihm auf Tournee zu gehen, doch die junge Frau reist nicht mit.

Familienleben statt Zauberer-Tournee

Sie begibt sich auf den Weg, den sie 30 Jahre später, dem jungen Ich entwachsen, anschauen kann wie einen Film, mit ikonischen Figuren und gewöhnlichem Plot: Sie heiratet Otis, sie bekommen Ann. Sie meinen es wirklich ernst miteinander. Aber als Ann alt genug ist und zu einer Weltreise aufbricht, wissen beide, dass ihre Zeit miteinander zu Ende ist.

Die Erzählerin zieht in ein Haus am Meer. Dort arbeitet sie im Imbiss ihres Bruders und sieht sich mit einem Mal unbekannten Ängsten ausgesetzt. In der Nacht steht plötzlich die Haustür offen. Ein Tier wohnt zwischen den Wänden, aufdringlich laut und unsichtbar. Aber sie freundet sich auch mit ihrer Nachbarin Mimi an, die jeden Morgen nackt im Hafenbecken schwimmt.

Sie sieht mich von der Seite an, ich drehe mich weg.
Sie sagt, warst du überhaupt schon mal wehrhaft.
Eher nicht. Kann sein. Ich hatte möglicherweise keinen Grund dafür.
Mimi sagt, na wenn du hier schwimmen gehst, holst du dir das jedenfalls. Es ist im Wasser. Es überträgt sich auf dich, ob du willst oder nicht. Leseprobe

Judith Hermann zeichnet starke Figuren

Judith Hermann liest beim Göttinger Literaturherbst. © Picture Alliance Foto: Jan Vetter
Judith Hermann lebt und schreibt in Berlin.

Wer Judith Hermanns frühere Texte kennt, wird sofort eingehüllt von der vertrauten Sphäre ihrer sehnsuchtsvollen Sprache. In "Daheim" treten die Figuren und Begegnungen auf wie Symbole. Es hat fast etwas Märchenhaftes, wie sehr Judith Hermann auf die Strahlkraft ihrer Charaktere vertraut. Und sie hat allen Grund dazu.

Anders als in ihrem ersten Roman "Aller Liebe Anfang" schafft sie es in "Daheim", das Magisch-Parabelhafte ihrer Erzählungen auf die lange Erzählstrecke zu übertragen. Mit großer Sicherheit erzählt Judith Hermann das Märchen von einer Frau, die einen Teil von sich in der Kiste des Zauberers verloren hat und ihn möglicherweise erst 30 Jahre später in einer Marderfalle wieder zurückbekommt.

Die Falle steht in der Ecke, ihre beiden Klappen sind geschlossen, darin rührt sich nichts, absolut nichts, es ist still. Leseprobe

"Daheim" endet mit einem weiteren Rätsel

Dass Judith Hermann all den Spuren, die sie legt, bis ins Letzte folgt, ist das Einzige, was man dem Roman vorwerfen kann. Am Ende geht alles ein bisschen zu schnell, die Handlung überstimmt die Innerlichkeit der Figuren. Aber Judith Hermann ist schlau genug, das Rätsel am Anfang durch ein neues am Ende zu ersetzen.

Denn da ist ja auch noch Arild, der wortkarge Schweinebauer, mit dem die Erzählerin eine neue Verbindung eingeht. Auch Arild erinnert sich an eine Geschichte in seinem Leben, die er nicht versteht und die dennoch eine große Wahrheit in sich trägt. In seinem Fall ist es keine Begegnung mit einem Zauberer, sondern die mit einem Tierarzt. Aber wer weiß, wenn man Judith Hermann liest, ist man sich hinterher nicht mehr so sicher, in welcher Erscheinungsform der Zauberer, der unser Schicksal bestimmt, uns zuweilen begegnet.

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Daheim

von Judith Hermann
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021
Verlag:
S. Fischer
Veröffentlichungsdatum:
28.04.2021
Bestellnummer:
978-3-10-397035-7
Preis:
21,00 €

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