NDR Buch des Monats September: "Auf See" von Theresia Enzensberger

Stand: 29.08.2022 00:00 Uhr

"Auf See" ist ein komplexer Roman, der viele Fragen stellt und die eine große: Wie kann die Zukunft aussehen? Haben wir eine? Theresia Enzensberger findet einen direkten, manchmal fast sachlichen Ton.

Buchcover: Theresia Enzensberger - Auf See © Hanser Verlag
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von Katja Weise

Der erste Roman war gleich ein Bestseller, den zweiten, "Auf See", hat die Jury des Deutschen Buchpreises gerade auf die Longlist gesetzt. Theresia Enzensberger kann nicht klagen über schlechte Kritiken oder mangelnde Aufmerksamkeit. Geboren 1986 in München, lebt sie inzwischen in Berlin. Dort spielt in Teilen auch das neue Buch, zweiter Schauplatz ist die Ostsee.

Theresia Enzensberger entwirft Zukunftsvisionen

"Die See war ruhig und schwarz. Mein Vater mochte es nicht, wenn ich an Deck ging, aber die erste Morgenstunde gehörte mir." Leseprobe

Yada ist 17 und lebt in der "Seestatt" auf der Ostsee. Der nächste Ort an Land scheint Travemünde zu sein, doch auch der ist mindestens 60 Seemeilen weit entfernt. Yadas Blick schweift über das Meer, fällt auf die Algen, die sich allmählich in den Fugen der "Statt" ausbreiten, als wollten sie sich erobern, was die Menschen hier gebaut haben, dahinter - Windräder. Die "Seestatt" ist ein autarker, abgeschiedener Ort; es gibt nicht einmal Internet.

Inspiriert haben Theresia Enzensberger Zukunftsvisionen, wie sie vor allem im Silicon Valley kursieren: "Viel hat damit zu tun, dass die Angst vor dem Weltuntergang haben, vielleicht auch eine Fantasie, wie der Weltuntergang und wie die Welt nach dem Weltuntergang aussehen wird. Es gibt tatsächlich etwas, das heißt 'The Seasteading Institute', und die haben die Idee, dass sie auf künstlichen Inseln auf hoher See autark leben wollen. Das hat mich irgendwie fasziniert, weil das so eine Science-Fiction-Idee ist, die aber von diesen Leuten propagiert wird."

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Theresia Enzensberger im Porträt © Rosanna Graf
55 Min

Theresia Enzensberger über ihren neuen Roman "Auf See"

Theresia Enzensberger erzählt von den utopischen Versprechen und dem Glück im Angesicht des Untergangs. 55 Min

Ein Leben in der Betonwüste

Theresia Enzensberger liest gern Science-Fiction- und Schauerromane. Anleihen aus beiden Genres lassen sich in "Auf See" finden. Ein Leben in der ziemlich heruntergekommenen "Seestatt" oder in Berlin, in dieser Zukunftsvision öde und menschenfeindlich gezeichnet, scheint nicht erstrebenswert. Helena, die zweite Hauptfigur, lebt hier, in der Betonwüste. Einen festen Wohnsitz hat sie nicht, sie ist eine Nomadin, und außerdem: Künstlerin, Influencerin und als solche von vielen verehrt, obwohl sie selbst jeden Halt verloren hat. Eher zufällig wird sie auch noch zur Führerin einer Art Sekte, die einen radikalen Individualismus propagiert.

Das NDR Buch des Monats im Programm

Die NDR Kultur Redaktionen von Radio, Fernsehen und Online wählen jeden Monat ein belletristisches Buch aus, das besonders gut zu Norddeutschland passt. NDR Kultur sendet die Rezension am 26.09.2022, um 6.40 und 12.40 Uhr, NDR Info um 8.55 Uhr. Im Kulturjournal des NDR Fernsehens ist der Beitrag ebenfalls am 26.09.2022, 22.45 Uhr zu sehen,

"Der Anfang der Indoktrination ist oft, dass man trainiert wird zu denken, dass alles, was man sagt, denkt oder fühlt, seine Schuld ist und man etwas daran ändern kann", sagt Enzensberger. "Das ist die berühmte Eigenverantwortung, und es dient dazu, dass jede Kritik an dem Sektenguru abgewehrt wird. Ich finde durchaus, dass man das auf politische Strukturen übertragen kann, denn die Eigenverantwortung nimmt auch die Politik aus der Verantwortung und die Strukturen, die es gibt."

"Auf See": Schaurige Dystopie und Coming-of-age-Geschichte

Theresia Enzensbergers Roman ist beides: schaurige Dystopie und, wie schon ihr Debüt "Blaupause", eine Art Coming-of-age-Geschichte. Denn Yada wird die "Seestatt" heimlich verlassen, nach Berlin flüchten, um hier ihre Mutter zu finden, und nach und nach begreifen, wie sehr sie indoktriniert wurde.

Die Ohnmacht, die ich seit meiner Ankunft auf dem Festland spürte, war wie ein Schwindel. Es war, als hätte ich unter Wasser die Orientierung verloren, als wüsste ich nicht mehr, wie ich an die Oberfläche kommen sollte. Mein Kontrollverlust war überwältigend. Leseprobe

Abwechselnd erzählt Enzensberger aus der Perspektive von Yada und Helena, in dazwischen geschobenen "Archiv"-Kapiteln gewährt die Autorin außerdem tiefe Einblicke in ihre Recherchen: Helena, einst mit einem der Gründer der "Seestatt" verheiratet, sammelt Geschichten über Kolonialisierung und die Gründung von Staaten und Gemeinschaften.

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Ein Mann sitzt auf einem Bücherstapel und liest ein rotes Buch. © Imago Images Shotshop

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Wie kann die Zukunft aussehen?

"Auf See" ist ein komplexer Roman, der viele Fragen stellt und die eine große: Wie kann die Zukunft aussehen? Haben wir eine? Das bewegt und liest sich trotzdem leicht, denn Enzensberger findet einen direkten, manchmal fast sachlichen, einfachen Ton. Trotzdem ist sie ohne Umschweife ganz bei ihren Figuren. Ein Kunst-Stück. Doch die Welt, die sie entwirft, lässt schaudern.

Auf See

von Theresia Enzensberger
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-27397-9
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 29.08.2022 | 06:40 Uhr

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