Stand: 08.05.2018 11:38 Uhr

Linksradikal statt neoliberal

Hochdeutschland
von Alexander Schimmelbusch
Vorgestellt von Hendrik Lullies

Im Roman "Die Murau-Identität“ beschrieb Alexander Schimmelbusch ein Szenario, in dem der Schriftsteller Thomas Bernhard seinen Tod inszenierte. Eine irrwitzige Alternative der Realität. Geschehenes neu zu erfinden, scheint ihm im Blut zu liegen: Im kürzlich erschienenen Roman "Hochdeutschland“ erfindet er gleich einen ganz anderen Ausgang der Bundestagswahlen.

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Autor Alexander Schimmelbusch beschreibt in seinem Buch "Hochdeutschland" einen alternativen intelligenten Populismus.

Victor ist Investmentbanker in Frankfurt. Seine Frau hat ihn verlassen, seine über alles geliebte Tochter sieht er nur an Wochenenden. In seinem Heimatort Falkenstein im Taunus besitzt er eine luxuriöse Villa, in der er meist allein ist. Eines Tages im Jahr 2017 verfasst er in einem Augenblick der Muße ein politisches Manifest, das wohl selbst Karl Marx die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Schnell strebt Grünen-Politiker Ali Osman, ein alter Freund Victors, die Gründung einer neuen populistischen Partei an, und er nimmt Victors Thesen als Leitidee für sein Parteiprogramm. Der Autor entwirft in seinem Roman "Hochdeutschland" einen alternativen Verlauf des Jahres 2017.

Politik für den kleinen Mann

"Victor stört die neoliberale Gegenwart ein bisschen, das Angebertum der wohlhabenden Schicht und der Unterschied im Habitus zu der Zeit, als er aufgewachsen ist in Deutschland", sagt Alexander Schimmelbusch über seine Hauptfigur. "Er kommt aus keiner reichen Familie, er hat nichts geerbt, obwohl er aus einer gebildeten und alten Familie kommt. Aber er hat nicht diesen spürbaren, aufstiegsgeilen Habitus, den man oft beobachten kann."

Dennoch frönt Victor dem Hedonismus. Er fährt schnelle Autos und bestellt Wein jenseits der Tausend-Euro-Grenze, als wäre es Leitungswasser. Nichts davon erfüllt ihn. Aus dem Roman wird nach dem Manifest dann ein gedankliches Planspiel. Eine Obergrenze fürs Kapital soll her, in Deutschland soll wieder nach Leistung bezahlt und die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter gespreizt werden. Victor hofft, seiner Karriere einen dienlichen Zweck zu geben. Politik für den kleinen Mann, nicht gegen ihn.

Intelligenter Populismus

"Wenn man sieht, wie ungeheuer dümmlich das Personal und die Rhetorik der AfD ist, und mit dieser wirklich dümmlichen Nummer 13 oder 14 Prozent erzielt, dann sagt das einem, dass eine andere populistische Partei, die das wesentlich intelligenter, weniger anstößig, weniger ekelhaft und viel professioneller gemacht hätte, in diesem Jahr die Chance gehabt hätte, eine Regierungspartei zu werden", behauptet Schimmelbuch.

Der Autor will seine Leser in die Finanzwelt eintauchen lassen, mit all ihren Begrifflichkeiten und ihrer exaltierten Selbstanschauung. Doch dem Text fehlt die Lockerheit und die Erzählfreude, um den Funken überspringen zu lassen. Das ist schade, denn das Hintergrundwissen zu seinem Plot kann der Autor ohne Zweifel bieten.

Viel Hintergrundwissen - wenig Spannung

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Alexander Schimmelbusch arbeitete einst fünf Jahre lang als Investmentbanker. In seinem Buch gibt er Einblicke in die Finanzwelt.

"Ich bin im Westend in Frankfurt aufgewachsen und direkt nach dem Studium war ich fünf Jahre lang Investmentbanker. Nicht wirklich aus Leidenschaft, sondern weil ich in den USA studiert habe, an einer Uni, wo Investmentbanken damals sehr stark rekrutiert haben", gibt der Autor einen Einblick über seinen Einstieg in die Finanzwelt. Nach dem Studium war er dann ebenfalls viel auf Informations-Veranstaltungen unterwegs, um Studenten für die Banken anzuwerben. "Ich wollte das zwei Jahre lang machen und mir dann überlegen, was ich wirklich machen will, aber bin dort erst mal hängen geblieben", schildert Schimmelbusch. Diese Erfahrungen hätten ihm beim Schreiben des Buches enorm geholfen: "Ich weiß, wie die soziale Dynamik eines solchen Büros funktioniert. Die ist recht schwierig zu beschreiben, wenn man sie nicht selbst erlebt hat."

Allem Hintergrundwissen zum Trotz fehlt Victors Geschichte das Spannungsmoment. Zu blass bleiben die Nebenfiguren, als dass der Roman eine Milieustudie sein könnte. Zu selten bietet der auktoriale Erzähler Einblicke in Victors persönliches Leben, um eine Charakterstudie zu sein. Was der Roman bietet, ist Material für lesenswerte Essays und Glossen, die vielleicht eine geeignetere Textform gewesen wären für Schimmelbuschs durchaus interessante Theorien und Einblicke. So bleibt dem Leser die Welt der Banken und Manager so lebensfern, wie sie es immer war.

Hochdeutschland

von
Seitenzahl:
214 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Tropenverlag
Bestellnummer:
978-3-608-50380-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.05.2018 | 12:40 Uhr

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