"Echo Mountain“ von Lauren Wolk (Cover) © Hanser Verlag

"Echo Mountain" von Lauren Wolk: Abtauchen in eine andere Welt

Stand: 29.03.2021 08:43 Uhr

Das Kinderbuch der US-Autorin Lauren Wolk "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" wurde von Kritikern gefeiert und von Lesern geliebt. Ihr neuer Roman "Echo Mountain" spielt in den Bergen von Maine Anfang der 1930er-Jahre.

von Katharina Mahrenholtz

Dieses Buch hat, genau wie Lauren Wolks Debüt, zwei Protagonistinnen: Ein unabhängiges, willensstarkes Mädchen und … die Natur. Ellie ist zwölf, als ihre Eltern wegen der Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit in der Stadt verlieren, ihr Hab und Gut verkaufen müssen und in die Berge ziehen.

In unserem ersten Frühjahr auf dem Echo Mountain waren wir nass, schmutzig und müde und so ausgehungert wie die Tiere, die nach monatelangem Fasten aus ihren Winterquartieren kamen. Der Bau unseres Blockhauses war unsere Arbeit, unser Spiel, unser Kirchgang und unser Schulbesuch. Die anderen Familien halfen, so wie auch wir ihnen geholfen hatten, doch das meiste machten wir selbst. "Echo Mountain"

Hartes Leben in der Natur von Maine

Es ist ein völlig neues Leben, mit dem sich Ellies Familie arrangieren muss. Sie müssen Bäume fällen, Tiere jagen und Gemüse anbauen.

Es war schwer. Vor allem für meine Mutter und meine Schwester, die in einer ständigen Mischung aus Furcht und Erschöpfung lebten und sich zurücksehnten nach dem Leben, das sie zurückgelassen hatten. "Echo Mountain"

Ellie hingegen liebt die Natur - und als das Blockhaus rechtzeitig zum Winter fertig wird, genug Vorräte angelegt sind, hat sie sich längst mit den neuen Umständen arrangiert. Aber dann verunglückt der Vater beim Fällen eines Baumes und fällt ins Koma. Diese Situation stellt Ellies Familie auf eine harte Probe. Zur Sorge um den Vater kommt der Kampf gegen Hunger. Alle müssen anpacken, Glücksmomente sind selten. Aber Ellie ist eine Optimistin. Sie will den Vater heilen.

Ich dachte an die Balsamtanne, die uns bei Erkältungen, Wunden, Schnittverletzungen und vielem anderen half. An Springkraut gegen Vergiftungen. Berberitze im Winter, damit wir keinen Skorbut bekamen. Senfpflaster für freie Lungen. Lehm bei Bienenstichen und Spinnenbissen. (…) All das würde ich probieren und noch mehr. "Echo Mountain"

Begegnung mit einer verletzten Hexe

Von ihrem Vater weiß Ellie, dass oben auf dem Berg eine alte Frau lebt, genannt die Hexe, die sich mit besonderen Heilmethoden auskennt. Ihre Mutter weigert sich, die Alte um Rat zu fragen, aber bei ihren Streifzügen durch die Natur stößt Ellie schließlich auf eine kleine Hütte mitten im Wald. Das Haus der "Hexe" - die allerdings, wie sich herausstellt, selbst Hilfe braucht: Sie liegt mit einem böse entzündeten Bein im Bett.

Lauren Wolks "Echo Mountain": zwischen scharfem Witz und Lyrik

Bis hierhin liest sich das Buch wie ein ruhiger Fluss. Lauren Wolks Sprache hat auch in der gelungenen Übersetzung von Birgitt Kollmann einen ganz eigenen Rhythmus, fast wie ein Gedicht und ja, manchmal an der Grenze zum Naturkitsch. Mit der Begegnung zwischen Ellie und Cate kommt - zumindest in einigen Passagen - ein scharfer Witz hinzu und die Geschichte nimmt an Fahrt auf.

Ellie beschließt, Cate zu helfen und ihr Bein zu behandeln. Zunächst allein, dann mit Hilfe eines geheimnisvollen Jungen von der anderen Seite des Berges. Die Beinwunde ist nichts für zarte Gemüter, mitunter muss man mit Ellie die Luft anhalten, um nicht vom Ekel übermannt zu werden. Trotzdem fasziniert gerade die Vorstellung, fernab der modernen Zivilisation auf sich allein gestellt zu sein. Ein bisschen wie "Unsere kleine Farm", ohne Charles Ingalls als Retter in der Not.

Man kann Lauren Wolk vorwerfen, eine fast übernatürliche Protagonistin geschaffen zu haben. Ellies komplexe Erkenntnisse spiegeln nicht die Gedankenwelt einer Durchschnittszwölfjährigen wider - aber müssen sie das? "Echo Mountain" ist ein Buch zum Abtauchen in eine völlig andere Welt. Für 370 Seiten begibt man sich gern in Ellies Kopf, auch wenn es da manchmal etwas esoterisch zugeht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Mikado | 27.03.2021 | 06:55 Uhr

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