Anne Weber während der Verleihung des Deutschen Buchpreis 2020 in Frankfurt © picture alliance/Arne Dedert/dpa/POOL/dpa Foto: Arne Dedert

Weber gewinnt Buchpreis 2020: "Ein sehr gewichtiger Roman"

Stand: 13.10.2020 08:01 Uhr

Ein ganz schön ungewöhnlicher Roman ist am Montagabend im Frankfurter Römer mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. "Annette, ein Heldinnenepos" von Anne Weber ist ein Roman über eine ungewöhnliche Frau.

Ein Gespräch mit Alexander Solloch aus der Literaturredaktion über den Roman und über die Autorin, die von sich selber sagt: "Ich muss halt immer alles anders machen als die anderen."

NDR Kultur: Anne Weber war eine von zuletzt sechs Nominierten. Dass Sie jetzt den Buchpreis bekommt – haben Sie damit gerechnet, sind Sie damit einverstanden?

Alexander Solloch: Ja, sehr! Anne Weber gehörte in den letzten Tagen, je mehr die Lektüre voranschritt, unbedingt zu meinen Favoritinnen - neben der Schweizerin Dorothee Elmiger, die allerdings, das will ich wenigstens kurz dazu sagen, den Preis meiner Meinung nach mindestens ebenso sehr verdient gehabt hätte für ihren protokollartigen Roman oder ihr romanartiges Rechercheprotokoll "Aus der Zuckerfabrik“, eine literarisch sehr gewagte, sehr originelle, sehr gewitzte Forschungsreise auf den Spuren der menschlichen Gier und des Begehrens, auf den Spuren des Zuckers. Sie auszuzeichnen - damit hätte die Jury wirklich auch keinen Fehler gemacht. Dorothee Elmiger, bitte merken Sie sich diesen Namen!

 

VIDEO: Buchpreis für Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos" (2 Min)

Nun aber haben sich die 7 Jurorinnen und Juroren dafür entschieden, keinen Fehler zu begehen, indem sie Anne Weber auszeichnen. Das ist auch sehr gut, sehr nachvollziehbar. Zum einen bereichert die heute 55-Jährige schon seit bald 20 Jahren die Bücherwelt mit originellen eigenen Texten und mit ihren Fähigkeiten als Übersetzerin, die seit drei Jahrzehnten in Paris lebt und phänomenalerweise nicht nur aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, sondern auch umgekehrt - sie ist z.B. die französische Übersetzerin von Wilhelm Genazino, und das als deutsche Muttersprachlerin!

Das ist das eine, aber ganz konkret ist diese Buchpreisentscheidung gut, weil Anne Weber mit scheinbar sehr leichter Hand einen sehr gewichtigen Roman geschrieben hat, in dem am Beispiel eines Lebens Fragen aufscheinen, von denen man hoffen kann, dass man sie sich selbst nie wird stellen müssen, aber sicher kann man sich überhaupt nicht sein, auch nicht in diesen noch vergleichsweise ruhigen Zeiten: Wie wirst du dich dazu stellen, wenn um dich herum Unrecht geschieht? Wirst du mitmachen, wirst du schweigen, wirst Du sagen: Ich nicht? Und bist du dann bereit, Dein Leben zu riskieren, um das Leben anderer zu retten?

Wovon genau erzählt denn dieser Roman? Und wer ist Annette, die Titelfigur, in diesem "Heldinnenepos"?

Alexander Solloch © NDR Foto: Christian Spielmann
Alexander Solloch ist Literaturredakteur bei NDR Kultur

Solloch: "Heldin", das ist natürlich - jedenfalls in der Literatur - ein sehr brüchiger Begriff, über den kann man dann ja auch nachdenken beim Lesen. Anne Weber erzählt die Geschichte einer heute sehr alten, bald einhundertjährigen Dame aus der Bretagne, die sie selbst vor einiger Zeit kennengelernt hat, Anne Beaumanoir, genannt Annette. Sie war Widerstandskämpferin. Von Beruf Ärztin, aber dem Selbstgefühl nach, der Identität nach vor allem Widerstandskämpferin, zunächst für das freie Frankreich gegen die deutschen Besatzer, also in der Résistance, dann, seit den fünfziger Jahren, gegen das eigene Land, gegen den französischen Staat und für die algerische Befreiungsbewegung.

Das ist sehr spannend zu lesen, sehr aufwühlend, momentweise hält man den Atem an, denn natürlich denkt man nach Seite 85 von insgesamt 200, als der Zweite Weltkrieg vorbei ist, die Deutschen geschlagen sind: Was soll denn jetzt noch kommen? Sie hat doch wirklich schon genug für die Menschheit geleistet, mehr kann man von einer einzelnen nun wirklich nicht erwarten? Anne Weber aber gelingt es, sehr einfühlsam, sehr nachvollziehbar zu beschreiben, wie Annette in den Nachkriegsjahren mehr und mehr in den algerischen Widerstand hineinrutscht. Nicht, weil sie von anderen dazu gedrängt würde, sondern weil sie sich selbst hineinstößt in den nächsten Kampf. Vielleicht schwingt da auch ein bisschen Abenteuerlust mit, aber der Kampf gibt ihr auch Halt in einer ansonsten haltlosen Welt.

Aber natürlich stellen sich auch hier wieder Fragen, und sie stehen im Raum - z.B.: kann man sich für eine gute Sache gemein machen mit Menschen, die Schlechtes im Schilde führen? Annette ist natürlich keine Heilige, bloß eine Heldin.

Anne Weber hat in ihrer improvisierten Dankesrede gesagt, dieser Erfolg nun sei vor allem Anne Beaumanoir und nicht in erster Linie der Erfindungs- und Gestaltungsgabe der Autorin zu verdanken. Und doch: auch die beeindruckendste Geschichte muss ja erst eine Gestalt gewinnen, ehe sie erzählt werden kann. Wie macht Anne Weber das?

Ja, die ungewöhnliche Form ist natürlich das, was als allererstes auffällt in diesem Buch. Schon beim Durchblättern bemerkt man gleich den unruhigen Flattersatz: Dies ist ein Roman in Versen. Wer keine Übung darin hat, Verse zu lesen, braucht nun aber überhaupt nicht beunruhigt zu sein. Nach drei, vier Seiten wird man vom Erzählsog so sehr davongetragen, dass man sich über die äußere Form kaum noch einen Gedanken macht. Ich würde beinahe sagen, dass diese Gestaltungsentscheidung für Anne Weber viel wichtiger war, als sie es für den Leser ist.

Sie selbst sagt, es sei ihr unmöglich vorgekommen, sich nun irgendwelche Dialoge auszudenken, wie es eine routinierte Romanverfasserin nun mal tut, und irgendwann sei ihr eingefallen: Es gibt ja noch das uralte Heldenepos, mit dessen Mitteln, Rhythmus und Versmaß, ist es ihr, nehme ich an, leichter gefallen, Distanz zu schaffen zwischen Erzählerin und Protagonistin. Der Leser aber bleibt ganz nah dran an Annette, mit allen Fragen an sie, vor allem der entscheidenden am Ende ihres Lebens: Bist du jetzt glücklich?

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 13.10.2020 | 06:40 Uhr

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