Waubgeshig Rice: "Mond des verharschten Schnees" (Cover) © Wagenbach Verlag

Roman des Kanadiers Waubgeshig Rice auf der Frankfurter Buchmesse

Stand: 15.10.2021 11:24 Uhr

Ein Stromausfall in einem Reservat der Anishinaabe zu Beginn des langen Winters im Norden von Kanada stellt alles auf den Kopf. Autor Rice wuchs selbst in einem Reservat der Wasauksing First Nation auf.

Waubgeshig Rice: "Mond des verharschten Schnees" (Cover) © Wagenbach Verlag
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von Katja Lückert

Waubgeshig Rice kennt vermutlich die Probleme, die er in seinem Roman so dezidiert beschreibt, sehr genau. Ihrer Kultur entwurzelt, von staatlichen Geldern subventioniert, verfallen viele Bewohner des Reservats dem Alkohol und dem Glückspiel. Depressionen und sogar Suizide kommen nicht selten vor.

Für den harten Winter werden Vorräte angelegt

Evan wohnt hier mit seiner Familie, seiner Frau Nicole und den Kindern in einem kleinen Haus. Er gehört trotz seines wenig traditionellen Namens zu denjenigen hier, die noch ab und zu auf die Jagd gehen.

In Gedanken überschlug Evan schnell die Fleischmenge, die sie bislang für den Winter zur Verfügung hatten: drei Elche, zehn Gänse, über dreißig Fische (Forellen und Hechte), dazu vier Kaninchen - im Verlauf des Winters sollten aber noch weitere Kaninchen in die Falle gehen. Das war mehr als genug für seine vierköpfige Familie, und er plante, viel Fleisch zu verschenken. So hielt man das in ihrer Gemeinschaft.  Leseprobe

Geschickt baut Waubgeshig Rice die Spannung auf

Zunächst fallen die Handynetze und das Festnetztelefon aus und schließlich berichten zwei junge Männer, die es durch den tiefen Schnee mühsam zurück ins Reservat geschafft haben, dass der Black-out in der Stadt noch viel schlimmere Auswirkungen hat als hier draußen auf dem Land. Liegt am Ende die ganze Erde im Dunkeln, fragt man sich?

Überraschend und amüsant zu lesen, wie die eben noch abgehalfterten Reservatbewohner plötzlich zu den Gewinnern der Krise zu gehören scheinen, weil sie wenigstens noch zum Teil für sich selbst sorgen können.

Der Stromausfall bereitet Sorge

Eine der Stammesältesten erklärt Evan, wie die Lage in Wahrheit einzuschätzen ist:

"Weißt du, wenn die jungen Leute herkommen, reden manche von ihnen über das Ende der Welt", sagte Aileen in das Schweigen und riss Evan aus seinen Gedanken. Er sah vom Schottenmuster des Plastiktischtuchs hoch und der alten Frau ins Gesicht. "Sie meinen, dass das jetzt das Ende der Welt ist. Der Strom ist weg, und uns geht langsam der Treibstoff aus, und aus dem Süden ist auch keiner gekommen. Sie sagen, dass die Lebensmittel knapp werden und dass wir in Gefahr sind. Sie benennen das mit einem bestimmten Wort - ah … pock … ah …"
"Apokalypse?"
"Genau, Apokalypse. Was für ein komisches Wort. Ich kann dir sagen, dass es im Ojibwe kein so komisches Wort gibt. Na ja, zumindest hab ich von meinen Ältesten nie so ein Wort gehört." Leseprobe

Ein Fremder bringt Unfrieden in die Gemeinschaft

Eine zentrale Nahrungsmittelversorgung wird eingerichtet, die einen jagen, die anderen profitieren von den Konserven, die sich noch in den Lagern der Geschäfte befinden. Eines Tages kommt Justin Scott, ein weißer Ranger ins Reservat. Er bringt einen Koffer voller Waffen mit und erklärt, er könne bei der Elchjagd helfen und die Leute das Fallenstellen lehren. Eine weitere interessante Volte dieser parabelhaften Geschichte: Der Weiße bringt den Angehörigen der First Nations das Überleben bei.

Zunächst sind diese misstrauisch, aber Scott gewinnt zunehmend an Einfluss und versammelt schließlich eine Gruppe hinter sich, was zu einer bedrohlichen Spaltung der kleinen Gemeinschaft führt. Als die Nahrungsmittel knapp werden und eines Tages eine Leiche verschwindet, beginnt man sich bei der Lektüre zu gruseln.

Eine spannungsgeladene Dystopie, die dennoch ein hoffnungsvolles Ende findet, denn zumindest Evan und seine Familie lernen aus der Krise. Sie verlassen das Reservat und ziehen in die Wälder, um wieder das Leben ihrer Vorfahren zu leben. Ganz ohne Strom. Ein faszinierendes, nachdenkliches Buch, das die Frage nach den Schwächen unserer Zivilisation neu stellt.

Mond des verharschten Schnees

von Waubgeshig Rice, übersetzt von Thomas Brückner
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wagenbach
Bestellnummer:
978-3-8031-2842-3
Preis:
14,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.10.2021 | 12:40 Uhr

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