Stand: 10.03.2020 16:04 Uhr  - NDR Kultur

Die verbissene Suche nach dem verschwundenen Hündchen

Power
von Verena Güntner
Vorgestellt von Marie Schoeß

In den 90er-Jahren fing es an: Da spürte man, dass sich das Ironische, Spielerische, das Desillusionierende in Film und Literatur bald verbraucht haben und eine Epoche zu Ende gehen könnte. Nur war völlig unklar, was danach kommen würde.

Cover des Buchs "Power" von Verena Güntner © Dumont Buchverlag
In Verena Güntners Roman suchen engagierte Jugendliche einen verschwundenen Hund.

Eindeutig beantworten lässt sich die Frage bis heute nicht, zum Glück, aber eine Tendenz zeigt sich immer wieder: Filme und Romane arbeiten mit formaler Strenge, sie zwingen uns den Glauben an eine Annahme, eine Welt einfach auf, statt spielerische Vieldeutigkeit zuzulassen.

Ein Roman dieser Art ist nun nominiert für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse: "Power" von Verena Güntner führt in die befremdliche Welt eines Dorfes und weiterlesen wird nur, wer die Spielregeln der erzählten Welt akzeptiert.

Ein Buch mit eigenen Regeln

Kerze heißt die Protagonistin des Romans, sie selbst hat sich diesen Namen gegeben. So eine Entscheidung darf Eltern nicht überlassen werden, das weiß sie, genauso wie sie ganz sicher ist: Kerze zu sein.

Ein Licht in dieser rabenschwarzen Welt. Leseprobe

Dieser Satz steht auf Seite 12, man hält es gerade noch für möglich, dass Ironie im Spiel sein könnte, überhaupt irgendeine Form der Brechung, der Freiheit, man hofft es sogar im Stillen. Aber bald wird klar, dass Ironie nicht die Sache dieses Buches und sicher nicht die seiner Protagonistin ist. Kerze ist elf Jahre alt. Wer gut, wer böse ist, erkennt sie an den Augen der Menschen, vor dem Wald hat sie keine Angst - und am Wichtigsten: Kerze bricht keine Versprechen.

Jeder im Dorf weiß das, und deshalb kommen die Leute zu ihr, trauen ihr zu, dass sie das schafft, dass sie alles schafft, was sie einmal zugesagt hat. Leseprobe

Auf der Suche nach dem Hund

Sieben Wochen begleitet der Leser Kerze dabei, wie sie ein Versprechen hält: Power finden, das Hündchen, das der alten Hitschke weggelaufen ist und eine kaum zu verstehende Leere hinterlassen hat. Die Suche geht Kerze wie eine Detektivin an, sie beobachtet, stellt Hypothesen auf, verwirft sie wieder, notiert alles mit größter Akribie.

Dann wechselt sie die Strategie und wird zum Hund. Schnüffelt sich durch das Dorf, schnappt, als die Mutter sie bändigen will und verzieht sich schließlich in den Wald. Dorthin - und das muss der Leser einfach akzeptieren, denn erklären wird es der Roman nicht, wie er sowieso nichts erklärt - dorthin also folgen alle Kinder des Dorfes: Stille, Zerbrechliche sind darunter, aber auch Henne, der gern Nazi wäre, ohne so genau zu wissen, wie und warum. Sie alle beugen sich Kerzes Willen, suchen wie Spürhunde:

Auf dem Feld unternehmen sie erste Versuche auf allen vieren, und Pauli treibt das Rudel voran. Das Echo vervielfacht Kerzes Bellen, und die Kinder schließen sich ihr an. Die Stimmen und ihr Widerhall füllen die Luft mit Spannung, und Kerze, berauscht von allem, stellt sich an den äußersten Rand der Schlucht und ruft Powers Namen. Leseprobe

Verbissene Hingabe an die Suche

Natürlich geht es in diesem Buch um Selbstermächtigung und die Ermächtigung anderer: Kerze ist die einzige im Dorf, die überhaupt auf die Einsamkeit der Hitschke eingeht und nicht hinnimmt, dass schon wieder jemand verschwindet.

Aber das Kinderrudel bildet keine freundliche Gegenwelt. Die Hingabe, die Kerze auszeichnet, lässt niemanden befreit tanzen. Ihre Art der Hingabe lässt einen die Zähne aufeinanderbeißen und durchhalten. Mit angespanntem Unterkiefer hüpft es nicht gut durchs Leben. Das weiß auch die Hitschke, die nur auf den ersten Blick so ganz anders ist als Kerze.

Seit Wochen hat es nicht geregnet, der Rasen im Garten ist braun verbrannt. Nur der Efeu, dieser Überlebenskünstler, hält sich wacker, und sie fragt sich, ob sie mehr ihm oder dem kaputten Gras ähnelt. Dass sie zäh sei, hat der Karl immer wieder zu ihr gesagt. Sie hat das anfangs als Kompliment missverstanden und in dem seltenen Gefühl seiner Zuneigung gebadet. Leseprobe

Kerze gibt den Kindern zwei Möglichkeiten: Wem die Regeln zu hart sind, soll nach Hause gehen. Wer bleibt, muss glauben: an ihr Ziel und ihre Kraft. Das Buch kennt auch nur diese Optionen. Leg mich ruhig weg, ruft es einem zu, oder aber bleib und nimm alles hin, was ich vorgebe.

Das Unrealistische in einer realistisch anmutenden Erzählung, die Macht eines Mädchens, das sich zum Gott einer gottlosen Welt aufschwingt. Nimm hin, dass ich dich irgendwann einfach kriege mit meinem despotischen Sog, und frag bloß nie warum.

Power

von
Seitenzahl:
254 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
DuMont
Bestellnummer:
978-3-8321-8369-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 11.03.2020 | 12:40 Uhr

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