Stand: 09.03.2020 17:01 Uhr

"Unterleuten": Wie Windkraft ein Dorf spaltet

von Natascha Geier

Im ZDF startet heute der Fernseh-Mehrteiler "Unterleuten - Das zerissene Dorf". Die Geschichte, die in einem fiktiven Dorf in Brandenburg spielt, basiert auf dem Roman "Unterleuten" von Juli Zeh. Als der Roman im März 2016 erschien hat NDR Kultur mit der Autorin über das Buch gesprochen.

Juli Zeh fotografiert das Ortsschild "Unterleuten".
Energiewende ja - aber doch nicht im eigenen Garten! Juli Zeh zeigt uns am Beispiel des fiktiven Ortes "Unterleuten", wie unsere Gesellschaft tickt.

"Unterleuten" ist ein fiktives Dorf in Brandenburg. Juli Zeh hat es erfunden - und ihr neues Buch so genannt. Die Autorin selbst wohnt auch im Brandenburgischen und beschreibt, was sie kennt: Landflucht, enthusiastische Zugezogene aus Berlin, frustrierte Wendeverlierer und schrullige Ossis. Die Story: Hier soll ein Windpark hin - Streit und Zank sind vorprogrammiert.

"Das ist bei Windkraft eines der Probleme. Das muss man ernstnehmen. Ich finde, Leute müssen das Recht haben zu sagen: Wir wollen das bei uns nicht", sagt Zeh. "Man kann die nicht mit einem moralischen Argument, was man sich in Berlin-Mitte ausgedacht hat, plattbügeln und sagen: 'Wir in Berlin-Mitte wollen das, und zwar bei euch.' Da ist eine Diskrepanz zwischen dem, der es will und dem, der es ertragen muss."

Juli Zeh entlarvt Scheinheiligkeit

Wegen der Familie ist Georg, eine der Figuren im Roman, nach "Unterleuten" gezogen: Ruhe, Natur, unverbaute Blicke. Ironie des Schicksals: Als Vogelschützer ist er natürlich für die Energiewende, aber nicht hinter seinem Haus. Juli Zeh entlarvt diese Scheinheiligkeit. Das liest sich ziemlich lustig, aber auch erschreckend. "Was die Zugezogenen oder Stadtflüchtigen sehr stark prägt, ist, dass sie in eine Illusion hineinziehen", sagt die Autorin. Sie gingen nicht aufs Land, weil sie da einen Job hätten oder weil es einen konkreten Grund gebe. "Sie sind auf der Flucht vor etwas, wollen weg vor etwas und idealisieren das Landleben dermaßen, dass sie durch die rosa Brille gucken und alles toll, urig und authentisch finden", erklärt die Autorin.

Egoismus stärker als Überzeugungen

"Unterleuten" soll unverändert bleiben. Dafür kämpfen die Aussteiger - zum Beispiel Linda, die Pferdeflüsterin: Sie will Koppeln statt Windräder. Mit taffen Managermethoden versucht sie, ihre Gegenspieler zu manipulieren. Sie glaubt: Wer Pferde dominiert, kann das auch mit Menschen.

Weitere Informationen
Juli Zeh fotografiert das Ortsschild "Unterleuten".

"Unterleuten": Romanverfilmung startet im ZDF

Vor vier Jahren erschien Juli Zehs Roman "Unterleuten", den das ZDF als dreiteilige Literaturverfilmung mit prominenter Besetzung zeigt. Juli Zeh hat mit NDR Kultur über ihren Roman gesprochen. mehr

Juli Zeh erzählt von Menschen, die aus Egoismus ihre Überzeugungen verraten. Wie der Konflikt immer schärfer wird, erlebt der Leser aus unterschiedlichen Perspektiven. Schließlich misstraut jeder jedem, die Dorfgemeinschaft zerbricht: "Der eine denkt sich was bei dem, was er tut, ein anderer unterstellt ihm ein völlig anderes Motiv und der Dritte denkt noch mal was darüber. So entsteht ein wahnsinniges Knäuel von Auffassungen und Meinungen und Geschichten und nicht eine davon ist richtig, sondern das Knäuel ist die Wirklichkeit, eine riesige Menge von Widersprüchen. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, das zu häkeln."

"Unterleuten" stellt große gesellschaftliche Fragen

"Unterleuten" ist ein toller Dorfroman, in dem die Idylle zur Hölle wird. Ans Gute glaubt hier bald keiner mehr - obwohl sie es alle wollten. Einer sagt: "Ich verstehe jetzt, warum es so viel Gewalt gibt - weil Gewalt so verdammt einfach ist." Eine uralte Fehde zwischen den beiden Dorf-Chefs eskaliert: Kron, der Ex-Kommunist, glaubt fest an die Pflicht zur Solidarität. Sein Rivale, der Unternehmer Gombrowski kämpft für den Windpark, um Arbeitsplätze zu erhalten.

"Kron als Ex-Kommunist und Gombrowski als Neu-Kapitalist sind gar nicht so weit auseinander", sagt Zeh. "Sie würden beide sagen, Gesellschaft sei nicht dazu da, die einzelnen Bedürfnisse zu befriedigen." Juli Zeh thematisiert in ihrem fiktiven Roman reale gesellschaftliche Probleme. "Wir leben jetzt in einer Epoche, in der wir glauben, dass der Individualismus alles andere ersetzen muss", sagt Zeh. "Er muss die Religion ersetzen, die Ideologie ersetzen, jede Idee von Gemeinschaft ersetzen."

Die Provinz ist die Petrischale, in der Juli Zeh beispielhaft den Zustand unserer Gesellschaft untersucht. Gewinner gibt es in dieser Geschichte keine. Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend - ein großer Roman.

Unterleuten

von
Seitenzahl:
640 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87487-6
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 04.04.2016 | 22:45 Uhr

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