Stand: 17.09.2019 18:52 Uhr

Shortlist: "Überaus wohlproportioniert"

In einem knappen Monat wird der Deutsche Buchpreis 2019 verliehen - seit heute kennen wir immerhin schon die Finalistinnen und Finalisten. Auf der Shortlist stehen teils überraschende Titel. Ein Gespräch mit Ulrich Kühn aus der Literaturredaktion von NDR Kultur.

Die sechs Nominierungen für den besten Roman 2019

Herr Kühn, ich habe bereits das Wort "überraschend" fallen lassen. Wie überrascht waren Sie, als Sie die Shortlist gesehen haben?

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Ulrich Kühn wäre nicht überrascht, wenn Jackie Thomae mit ihrem Roman "Brüder" den Deutschen Buchpreis 2019 gewinnen würde.

Ulrich Kühn: Total und überhaupt nicht. Denn es ist das Privileg einer Jury, Pferde an den Start zu bringen, die sie selbst gesattelt hat und auf die man nicht gesetzt hätte. Die Mitglieder einer solchen Jury dürfen Schicksal spielen, vorausgesetzt, sie werden sich untereinander einig. Das ist offensichtlich der Fall gewesen. Allerdings weiß man nie, aus welchen Kämpfen eine solche Liste hervorgegangen ist. Jetzt ist sie jedenfalls da und überaus wohlproportioniert: Sie besteht zur Hälfte aus Frauen, zur Hälfte aus Männern, zur Hälfte aus Menschen unter und zur Hälfte aus Menschen über 30, zur Hälfte aus Debütierenden und zur Hälfte aus Routinierteren - was über die Qualität der Liste per se natürlich gar nichts aussagt.

Was hat es denn zu bedeuten, dass drei der Autorinnen und Autoren jünger als 30 und für Romandebüts nominiert worden sind?

Kühn: Tatsächlich sind diese drei Jüngsten zugleich die drei mit den Erstlingen. Ob die Nominierung tiefere Bedeutung hat, das ist sicher interpretationsbedürftig, aber jedenfalls bemerkenswert und zuletzt natürlich auch Geschmackssache. Der eine lässt sich vielleicht abschrecken durch verrutschte frühe Sätze in einem Buch, wie zum Beispiel diesen: "Die Ruhe schmiegt sich kühl in ihre Ohren." Oder auch: "Die Zeitanzeige am Backofen glüht ihm auf Augenhöhe entgegen." Das stammt aus "Kintsugi" von Miku Sophie Kühmel. Aber vielleicht soll man nicht zu streng sein - manche mögen es sehr, wie Kümmel diesen Roman als so eine Art Kammerspiel unter vier Menschen im Wochenendhaus erzählt, aus verschiedenen Perspektiven, in je ganz eigenen Tonlagen. Natürlich darf man trotzdem fragen: Muss es gleich die Shortlist für den besten Roman des Jahres sein?

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Auch das Buch der Österreicherin Raphaela Edelbauer "Das flüssige Land" ist zwiespältig aufgenommen worden. Die Physikerin Ruth, Mitte 30, verliert ihre Eltern durch einen Unfall. Der ausdrückliche Wunsch der Toten war: Sie wollen in Groß-Einland begraben sein; das ist der Ort ihrer Kindheit gewesen. Und als der endlich gefunden ist in der österreichischen Provinz, tut sich unter diesem mittelalterlichen Heile-Welt-Städtchen ein gigantischer Hohlraum auf, "das Loch" genannt. Und siehe da, dieses Loch steht für eine dunkle, verdrängte Vergangenheit. Eine erboste Rezensentin hat das als Zumutung, selbst für gutgläubige und zugewandte Leserinnen und Leser, bezeichnet. Die Buchpreisjury hat das Buch als "virtuos hingezauberte Super-Metapher" gelesen.

Schließlich das dritte Debüt, "Nicht wie ihr" vom in Neu Delhi geborenen Österreicher Tonio Schachinger. Hier sehen wir die Welt plötzlich mit den Augen eines Fußballprofis, der gleich mal im Bugatti vorfährt, um seine blonde Fußballprofi-Klischeegattin abzuholen. Aber nicht nur wegen seines astronomischen Gehalts ist dieser Ivo "nicht wie ihr", wie der Titel heißt, er denkt gesellschaftskritische Gedanken, auch wenn er das wahrscheinlich selber gar nicht so nennen würde. Und er erlebt mit seinem bosnischen Migrationshintergrund so etwas wie Alltagsrassismus: Gewinnt die Nationalmannschaft mit ihm, dann ist er Österreicher - verliert sie, dann eher nicht. Es soll ja sogar in Deutschland so etwas ähnliches geben. Als er sich auch noch außerehelich verliebt, kommt alles ins Rutschen. Also, wann ist ein Mann ein Mann? Wohin und wozu gehöre ich? Ist mir das Erreichte sicher? Solche Themen hat die Jury in diesem Buch begeistert aufgespürt.

Jurysprecher Jörg Magenau hat gesagt, es gebe bei allen sechs Büchern ein verbindendes Thema: familiäre Zusammenhänge und die Erfahrung, dass dabei vor allem die Identität des Mannes problematisch geworden sei. Können Sie diesen thematischen Bogen in der Shortlist wiedererkennen?

Kühn: Ja, kann ich schon. Der nicht besonders heldische Held des Romans "Winterbienen" von Norbert Scheuer zum Beispiel. Scheuer ist Jahrgang 1951, damit der Senior im Feld. Ein Bienenzüchter und Frauenheld rettet Juden im nationalsozialistischen Deutschland. Das klingt in der Kombination ziemlich gewöhnungsbedürftig. Aber wie der Autor das nach Art seiner auch in der Eifel spielenden bisherigen Romane zueinander in Beziehung setzt, wie er die Liebe zu Frauen, den Eigensinn, einen - allerdings mit Eigeninteresse - auch verquickten Mut des Mannes im Kriegswinter 1944/45 inszeniert, das hat viele Kritiker überzeugt.

Ulrike Sárkány © NDR Foto: Christian Spielmann

Ulrike Sárkány zur Shortlist

NDR Kultur - Matinee -

Ulrike Sárkány, Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion, äußert sich zur bekannt gegebenen Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

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Und der in Hamburg lebende Saša Stanišić, der 1978 im alten Jugoslawien zur Welt kam, spricht in seinem autobiografischen Buch genau davon, was der Titel sagt, nämlich "Herkunft". Und das meint dann: Verwandtschafts- und tradierte Geschlechterverhältnisse ebenso wie zum Beispiel die Not, in eine fremde Sprachumgebung reinzufinden, sich sozusagen in eine neue Identität hineinzuhäuten. "Anfangs in Deutschland wollte ich zweierlei nicht sein", steht irgendwo im Buch, "Jugo und Geflüchteter". Ist das ein Roman? Die Meinungen gehen auseinander. Angesichts der Fabulierlust des Autos würde ich aber eindeutig sagen: ja.

Kann denn dieses übergeordnete Thema, das da Jörg Magenau herausgelesen hat, ein Ausschlusskriterium bei der Auswahl gewesen sein? Nach dem Motto: Bücher, die dazu nichts zu sagen haben, haben in diesem Jahr auch gar keine Chance?

Kühn: Schwer zu beurteilen. Ich glaube das eigentlich nicht. Wenn es nach diesem Kriterium gegangen wäre, hätte auch ein Buch wie "Miroloi" und Karen Köhler, das auf der Longlist noch gewesen ist, hier hineingehört. Das kreist auf ziemlich heiß diskutierte Weise um Herkunfts- und Geschlechterfragen in einer Sprache, die einige extrem abgestoßen hat, anderen als Rollenprosa aber gut gefällt.

Und die Eleganz, mit der zum Beispiel Jan Peter Bremer in seinem Buch "Der junge Doktorand" die Ehe, das Künstlertum, das Hausfrauendasein und das Provinzleben als so eine Art Vierfach-Hölle hintupft, hätte auch schön zum Thema gepasst. Das ist ein besonders dezentes, böses und kluges Buch zugleich.

Höre ich da, dass Sie auch Bücher auf dieser Shortlist vermissen?

Kühn: Ja, dieses durchaus. Sehr witzig, kurzweilig, boshaft ist auch "Mobbing Dick" von Tom Zürcher. Da hat mich das Ausscheiden allerdings weniger überrascht, weil die literarische Ambition ein bisschen gedämpft ist. Aber Nora Bossongs "Schutzzone" rund um eine UN-Mitarbeiterin hätte ich, wie viele, für so gut wie gesetzt gehalten, auch wenn mich selbst da sprachlich einiges irritiert.

Aber wir müssen unbedingt noch über Jackie Thomaes "Brüder" sprechen, das sechste Buch auf der Shortlist. Vielleicht hat es sogar die besten Chancen. Es erzählt von zwei gleichalten Männern, die beide in der DDR geboren sind, beide denselben afrikanischen Vater haben, den sie aber gar nicht kennen, ohne den sie aufgewachsen sind, unabhängig voneinander, und die nun völlig verschiedene Leben leben. Haben sie mit ihrer dunklen Hautfarbe nicht - allein schon, weil sie diese Hautfarbe haben - ganz ähnliche Erfahrungen gemacht? Müssen sie sich vielleicht als Brüder fühlen, auch deshalb, weil sie als Männer ohne Vater aufgewachsen sind? Der eine ist aber ein charmanter Chaot und der andere hat eine Karriere gemacht im "postrassistischen" London, wie es da heißt. Was also in anderen Büchern eher leicht aufdringlich oder auch fantastisch verschwiemelt wirken mag, das läuft hier und schwingt im Erzählfluss mit. Vielleicht hat das Buch deshalb gute Chancen.

Das heißt, Jackie Thomae wird es am 14. Oktober mit "Brüder" - oder was ist Ihre Prognose?

Kühn: Wohl dem, der prophezeien kann - mir ist es nicht gegeben. Ich wäre nicht sehr überrascht, wenn Jackie Thomae gewinnen würde. Es wäre andererseits furchtbar überraschend, wenn die Entscheidung nicht ganz überraschend ausfiele.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Journal Gespräch Ulrich Kühn Shortlist Deutscher Buchpreis

NDR Kultur - Journal Gespräch -

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.09.2019 | 19:00 Uhr

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