Stand: 26.02.2019 11:06 Uhr

Bildband: Wie der Mensch die Natur ausbeutet

Habitat
von Tom Hegen
Vorgestellt von Henning Biedermann

Der Homo sapiens ist eine erfolgreiche Spezies. Seit 300.000 Jahren behauptet er sich in einer oft feindlichen Natur. Er kultiviert und domestiziert. Er baggert, bohrt, baut. Gerade taut er das ewige Eis auf - so ganz nebenbei. Weil der Mensch auch erfolgreich verdrängt, ist der Fotograf Tom Hegen im vergangenen Sommer über die Arktis geflogen und hat dabei Aufnahmen gemacht. "Two Degrees Celsius" heißt die Serie - benannt nach jener magischen Grenze, die die globale Erwärmung nicht überschreiten darf.

Wie der Mensch die Natur zerstört

Über 90 Prozent der Landschaft sind vom Mensch verändert

Unsere allgegenwärtigen Spuren auf dem Planeten sind Hegens Thema geworden. Zum Beispiel einer der ältesten Eingriffe des Menschen in die Natur: Seesalzgewinnung. Eine farbenfrohe Symbiose zwischen Industrie und Bakterien, die in den Salinen leben. Früher hat Tom Hegen eher "schöne" Landschaften abgelichtet. Und war damit bald unzufrieden. Der Blick aus dem Flugzeug hat dazu beigetragen: "Wenn man hier in Deutschland von München aus startet und sich die Landschaft ansieht, die unter einem weggleitet, merkt man schnell, dass über 90 Prozent unserer Landschaft in Deutschland vom Menschen verändert worden sind", sagt er. "Das war mir anfangs nicht so bewusst."

Jedes Bild ein ästhetisches Vergnügen

Wir haben der Wildnis eine Fläche von 0,6 Prozent übrig gelassen. Alles andere gehört uns. Wir nennen es "Kulturlandschaft". In der war Tom Hegen ein paar Monate lang unterwegs und hat erforscht, wie unsere Bedürfnisse unseren Lebensraum prägen. Das Ergebnis ist ein Buch mit dem Titel "Habitat" und Kapitelüberschriften, die erst einmal recht positiv klingen: "Was uns ernährt", "Was uns aufbaut", "Was uns antreibt", "Was uns verbindet". Die Versuche, uns häuslich auf der Erde einzurichten, sind - auf Modelleisenbahngröße geschrumpft - auch sehr nett anzuschauen: die Akkuratesse, mit der wir das natürliche Chaos ordnen und begradigen. Der Einfallsreichtum, mit dem wir immer neue Techniken entwickeln, um unsere Existenz zu sichern. Jedes Bild ist ein ästhetisches Vergnügen.

"Es ist Gift, was der Betrachter sieht"

Und natürlich eine kleine Hinterfotzigkeit: "Die Bilder sind sehr gefällig, auch von den Farbgebungen her sind das Sachen, die man sich gern ansieht. Das heißt, der Betrachter wird erst mal mit Zucker gefüttert, merkt aber irgendwann schnell, dass es Gift ist, was er eigentlich sieht."

Das leuchtende Rapsfeld: eine der vier immer gleichen Monokulturen, die auf 78 Prozent unserer landwirtschaftlichen Fläche angebaut werden. Die romantische Landstraße: Teil eines der dichtesten Verkehrsnetze der Welt, das zum Mond und zurück reichen würde. Der deutsche Wald: ein aufgeräumtes Rohstofflager - dient zu 91 Prozent der Holzgewinnung. Der Tagebau: schön brutal. Aber wir steigen ja aus der Energieerzeugung durch Braunkohle aus - in zwei Jahrzehnten.  

Der Mensch denkt erst nach, wenn es zu spät ist

"Das heißt, wir bluten noch so lange die Erde aus, bis wirklich auch noch die letzten Reserven aufgebraucht sind und noch mal ein paar hundert Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre abgestoßen wurden", sagt Hegen. "Und erst dann, wenn wir irgendwann sehen: 'Okay, es gibt eine Konsequenz in Form von immer mehr Waldbränden, von einem Anstieg des Meeresspiegels, von Flüchtlingskrisen, die ausgelöst werden durch Umweltkatastrophen' - dann fängt der Mensch an nachzudenken."

Weltbevölkerung wächst immer weiter

Von oben betrachtet, wirken die Resultate unseres Nachdenkens oft etwas hilflos. Wir beruhigen uns damit, dass wir jedes Baggerloch der Baustoffindustrie nach erfolgreicher Ausbeutung renaturieren und in einen Badesee verwandeln, an dem sich neben uns noch ein paar andere Arten tummeln dürfen. Währenddessen wächst die Weltbevölkerung derzeit jährlich etwa um die Anzahl der Menschen, die heute in Deutschland leben. Und das vor allem in jenen Ländern, die von unserem Lebensstil noch weit entfernt sind, ihn aber mit aller Macht anstreben.  

Nach uns die Sintflut

Denn der Homo sapiens übt sich ungern im Verzicht. Das hat er die vergangenen 300.000 Jahre bewiesen. Nach uns die Sintflut - wie sie begonnen hat, kann man auf Tom Hegens Bildern bestaunen.

Eine Bildaufnahme aus der Vogelperspektive eines Feldes.

Tom Hegens faszinierender Bildband "Habitat"

Bücherjournal -

Früher hat Tom Hegen eher "schöne" Landschaften abgelichtet. Nun zeigt er mit seinen Fotos, welche Spuren der Mensch auf dem Planeten Erde bereits hinterlassen hat.

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Habitat

von
Seitenzahl:
180 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Kerber
Bestellnummer:
978-3-7356-0502-3
Preis:
45 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 27.02.2019 | 00:00 Uhr

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