T.C. Boyle im Gespräch: "Was bedeutet es, menschlich zu sein?"

Stand: 13.03.2021 06:00 Uhr

Im NDR Literaturpodcast eat.READ.sleep redet Autor T. C. Boyle über seinen neuen Roman "Sprich mit mir" und von seinen Begegnungen mit Schimpansen.

Können Tiere sprechen? Vielleicht sogar mit uns Menschen kommunizieren? Um diese Frage geht es im neuen Roman des US-amerikanischen Bestsellerautors T.C. Boyle. Erzählt wird darin die Geschichte von Sam, einem Schimpansen, der lernt, in Gebärdensprache Gespräche zu führen. Im NDR Literaturpodcast eat.READ.sleep erzählt Boyle von seinen Begegnungen mit den Primaten und über die Rolle, die sein 18 Monate alter Enkel bei der Recherche spielte.

Wann hattest Du zum letzten Mal einen "Sam"-Moment, einen Moment des tiefen Verstehens mit einem Tier?

T.C. Boyle: In meinem Haus gibt es drei sprachunfähige 'Tiere': Einen Hund, eine Katze und meinen 18 Monate alten Enkel Wolfgang. Und mit allen dreien hatte ich sehr intensive Momente und ja, wir kommunizieren miteinander. Ich glaube, einer der Gründe, warum mein Buch 'Sprich mit mir' so viele Leserinnen und Leser anspricht ist, dass sehr viele selbst ein Haustier haben und natürlich mit ihm kommunizieren. Hauptsächlich geschieht das über Körpersprache. Aber Wolfgang beginnt nun mit seinen anderthalb Jahren langsam zu sprechen. Und da es schon lange her ist, dass meine Kinder so klein waren, hatte ich vergessen, wie erstaunlich es ist, dass Kinder bereits verstehen, was wir sagen, lange bevor sie selbst sprechen können. Und ich frage mich, wenn ich an die Sprachexperimente mit Affen denke, ob es nicht bei Sam das gleiche war: Wie viel hat er wirklich verstanden von dem, was wir sagen?

Vorlage für Dein Buch waren ja reale Experimente mit Schimpansen. Wie nah bist Du selbst bei den Recherchen diesen Tieren gekommen?

Boyle: Eine Freundin von mir ist Primatenforscherin. Sie hat mich einer ihrer ehemaligen Studentinnen vorgestellt, die Forschungen mit Schimpansen im Zoo von Los Angeles macht. Ich habe sie dabei beobachtet. Es war aber kein wirklich intimer Moment, ich habe auch nicht versucht, mit den Schimpansen zu sprechen.  Aber ich bin Romanschriftsteller und kein Journalist. Und auch, wenn ich viel recherchiere, weiß ich doch, dass ich am Ende eine fiktive Geschichte erzählen werde. Irgendwo in meinem Schriftsteller-Unbewusstsein frage ich mich permanent: Wie werde ich dieses Thema darstellen? Was bedeutet es? Warum möchte ich diese Geschichte erzählen, und wie werde ich anfangen? Und bei "Sprich mit mir" began es mit Sams Stimme. Ursprünglich sollte daher das Kapitel, was jetzt als zweites folgt, ganz am Anfang stehen. Jenes Kapitel, in dem Sam direkt zu den Leserinnen und Lesern spricht. Ich habe mich aber schließlich entschieden, die beiden Kapitel zu tauschen, um den Lesern erst einmal eine kleine Orientierung zu verschaffen, bevor ich sie mit dieser starken Stimme konfrontiere.

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T. C. Boyle: "Sprich mit mir" © Hanser Verlag

T. C. Boyle: "Sprich mit mir"

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War das das erste Mal, dass Du einem Tier Deine Stimme gegeben hast?

Boyle: Ja, und das war eine große Herausforderung. Und es sind die Kapitel, die mir am besten gefallen. Als die Stimme sich langsam in meinem Kopf formte, bin ich ihr einfach gefolgt. Und das hat das Buch für mich klarer gemacht. Ich habe in der Vergangenheit bereits mit besonderen Stimmen experimentiert, etwa in "Das wilde Kind", über ein Kind, das in Frankreich zur Zeit Napoleons ohne Kontakt zur Zivilisation aufgewachsen ist. Es konnte nicht sprechen, weil es den Punkt verpasst hatte, an dem wir Menschen sprechen lernen. Diese Geschichte hatte ich im Kopf, als ich "Sprich mit mir" schrieb. Ich glaube, es spricht die Leser an, weil es Sam menschlicher macht. Und darum geht es in diesem Roman. Was bedeutet es, menschlich zu sein? Ist es die Sprache, sind es die Emotionen? Wie können wir Tiere, die die Intelligenz eines dreieinhalbjährigen Kindes haben, so behandeln, wie wir es tun? Mit ihnen experimentieren, sie menschlicher machen und sie dann wieder in einen Käfig stecken? All diese Fragen habe ich mir gestellt, während ich für "Sprich mit mir" recherchiert habe und ich habe versucht, mich in dem Buch mit ihnen auseinanderzusetzen.“

Wissenschaft und Forschung tauchen ja immer wieder in Deinen Büchern auf, etwa in "Die Terranauten". Ist Wissenschaft spannender oder relevanter als Politik?

Boyle: Meine politischen Ansichten sind bekannt, ich mache aus ihnen kein Geheimnis. Aber als Schriftsteller habe ich nicht den Drang, Bücher zu schreiben, die ganz offensichtlich politisch sind oder die dich in eine bestimmte Richtung drängen sollen. Ein Roman soll seine Leser verführen, soll sie einladen zum nachdenken und dazu, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Mit anderen Worten: Ja, ich schreibe über politische und ökologische Themen, vielleicht sogar mehr als die meisten Schriftsteller. Diese Themen beschäftigen und interessieren mich. Aber ich möchte niemandem eine Meinung aufzwingen. Damit würde ich die Kunst töten. Mein Buch sollte wie eine Blume sein, die langsam aufblüht und bei der die Leser entscheiden, welche Blütenblätter sie wählen.

Das Gespräch führten Jan Ehlert und Daniel Kaiser. Das vollständige Interview mit T.C. Boyle hören Sie im Podcast "eat.READ.sleep".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.03.2021 | 18:30 Uhr

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