Stand: 31.05.2018 07:39 Uhr

Swetlana Alexijewitsch wird 70

von Joachim Dicks
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Swetlana Alexijewitsch gibt denen einen Stimme, die nicht alleine für sich sprechen können.

9. Dezember 2015: Swetlana Alexijewitsch hält in Stockholm ihre Nobelpreisrede. Sie bringt auf den Punkt, was ihr gesamtes, literarisches Schaffen antreibt: "Ich liebe es, wie Menschen sprechen. Ich liebe die einzelne menschliche Stimme. Das ist meine größte Liebe und Leidenschaft." Durch den Literaturnobelpreis erlangte Alexijewitsch Weltruhm.

Lebensgeschichten sowjetischer Soldatinnen

Gleich in ihrem ersten Buch stellt sie 1983 klar, was mit dieser Liebe zur menschlichen Stimme gemeint ist. In "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" collagiert sie viele Interviews über die Lebensgeschichten sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg. Ihr wurde zunächst eine "antikommunistische Haltung" vorgeworfen, woraufhin sie ihren Arbeitsplatz als Zeitungsjournalistin verlor, aber sie ließ sich nicht beirren. Sie schrieb weiter. Mit Beginn der Perestroika durfte sie das Buch 1985 veröffentlichen.

Für "Zinkjungen" sprach sie mit Veteranen des sowjetischen Afghanistankriegs und mit den Müttern von gefallenen Soldaten. In "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft" kommen die Opfer der Nuklearkatastrophe zu Wort. Die Genregrenze zwischen Sachbuch und Literatur hat es für diese Schriftstellerin nie gegeben: "Oft genug habe ich gehört und höre noch heute, das sei keine Literatur, sondern Dokumentation. Doch was ist heute Literatur? Wer hat eine Antwort auf diese Frage. Unser Leben ist heute schneller als früher. Der Inhalt sprengt die Form, bricht und verändert sie."

Platz für Entehrte und Entrechtete

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In ihrem 2015 erschienenen Buch "Secondhand-Zeit" schrieb Alexijewitsch über Menschen, die den Zusammenbruch des Sozialismus erlebten.

Swetlana Alexijewitsch steht ein für ein Konzept der literature engagée. Mit Empathie und literarischer Phantasie schafft sie für die Entehrten und Entrechteten einen Platz auf der Bühne des Lebens. Den Mächtigen bietet sie die Stirn - zum Beispiel Wladimir Putin und dessen Remilitarisierung der russischen Gesellschaft.

Sie schreibt über Krieg und Unrecht, weil sie davon überzeugt ist: die Welt muss nicht bleiben, wie sie ist - ohne sentimentales Pathos, ohne Blauäugigkeit, mit viel Herz und Präzision: "Von Buch zu Buch untersuche ich, was für Menschen wir sind. In welcher Gesellschaft wir leben. Das ist nicht etwa mein Blick. Das ist unser Leben. Wir leben immer inmitten des Todes, den Millionen Toten des Gulag, den Millionen Toten des Weltkrieges, den tausenden Toten von Afghanistan, den tausenden Toten von Tschetschenien. Wissen Sie, das ist unser wirkliches Leben. Ich beschreibe es nur."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 31.05.2018 | 06:40 Uhr

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