Stand: 11.02.2019 10:00 Uhr

Die Brüchigkeit von Erinnerungen

Stummes Echo
von Susan Hill, aus dem Englischen von Andrea Stumpf
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Die Schriftstellerin Susan Hill ist in Deutschland noch zu entdecken. Sie erobert in Großbritannien immer wieder Bestsellerlisten und wird mit Preisen ausgezeichnet, vor allem für ihre Geistergeschichten. Sie wurde 1942 in Yorkshire geboren und lebt heute in Norfolk in einem alten Bauernhaus. Wie es heißt, mit Büchern in jedem Winkel, die das Haus gut isolieren. In einem alten Bauernhaus spielt auch ihr Roman, der jetzt im Gatsby Verlag erschienen ist: "Stummes Echo".

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Der Roman thematisiert die unterschiedlichen Erinnerungen innerhalb einer Familie.

Man soll ja nicht denken, dass es das in unserer modernen Gesellschaft nicht mehr gebe: Frauen, die auf eine eigene Familie, einen Beruf verzichten, um sich um ihre Eltern zu kümmern. Die Hauptfigur in Susan Hills Roman "Stummes Echo" heißt May und sie hat dieses Schicksal gewählt. Oder?

"In den 1960er-Jahren war es nicht mehr üblich, dass eine unverheiratete Frau als Versicherung gegen die Unbilden des Alters bei ihren Eltern wohnen blieb, und hätte man sie freiheraus gefragt, hätten John und nach John auch Bertha gesagt, dass sie mehr als froh wären, wenn May auszöge, am besten, um zu heiraten, oder zumindest, um sich eine Arbeitsstelle zu suchen. Sie hatten May nicht darum gebeten, bei ihnen zu bleiben, und es auch nicht von ihr erwartet. Es war einfach so gekommen." Leseprobe

Einfaches Leben auf dem Land

May ist also als einziges der vier Kinder auf den elterlichen Hof, den "Beacon" zurückgekehrt. Das Leben dort ist bestimmt durch die harte tägliche Arbeit, man unterhält sich:

Susan Hill: "Stummes Echo" (Cover) ©  Kampa

Susan Hill: "Stummes Echo"

NDR Kultur - Neue Bücher -

Susan Hills Roman "Stilles Echo" über Wiederkehr des ewig Gleichen in Familien entfaltet beim Leser einen seltsamen Sog und steuert dabei auf ein überraschendes Ende hin.

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"Nur im Winter, wenn das Wetter schlecht war und es früh dunkel wurde ... allerdings immer bloß über den Hof oder den Zustand der Äcker oder die Preise auf dem Markt. Ein-, zweimal hörten sie Radio, danach wendete sich das Gespräch der Welt draußen zu ... Aber diese Unterhaltungen waren kurz und verstummten mit dem verlöschenden Feuer ..." Leseprobe

Die Mutter stirbt in einem unbeobachteten Moment

Der Vater ist inzwischen schon tot, in den letzten Monaten hat sie ihre Mutter gepflegt. Als May kurz aus dem Haus gegangen war, ist sie gestorben.

"Der Kopf lag leicht auf dem Kissen. Seit ein paar Monaten war sie nur noch Haut, Knochen und Haare gewesen, das Fleisch geschrumpft und verwelkt, und sie wog fast nichts; die Matratze gab kaum unter ihr nach. Das Zimmer war von Stille erfüllt. May hatte das Gefühl, dass ihre Lunge mit etwas Trockenem, Stoffartigem verstopft wurde, das sie anstatt Luft einatmete. Wie Qualm in einem Herd breitete sich die Stille im ganzen Haus aus." Leseprobe

Der Bruder schreibt ein befremdliches Buch

May wartet noch eine Weile, ehe sie den Arzt und ihren Bruder Colin benachrichtigt und später ihre Schwester Berenice. Ihren Bruder Frank wird sie nicht benachrichtigen. Frank hat vor einiger Zeit ein Buch über seine Kindheit auf dem Beacon geschrieben.

"Nachdem sie die ersten Sätze gelesen hatte, war sie beschämt und wütend, aber nicht sonderlich überrascht. Frank war immer ein Beobachter gewesen, einer, der hinter der Tür stand und lauschte, einer, der anderen kleine, gemeine Streiche spielte und dann grinste, der stille, lauernde Frank." Leseprobe

Ein Buch, das andere Erinnerungen als die eigenen erzählt, bei gleichen Voraussetzungen, setzt einiges in Bewegung im Kopf. Mehr sei nicht verraten. Dieser Roman ist deutlich auf eine Pointe hin geschrieben. Man muss das am Anfang nicht wissen, die Schilderungen entfalten einen Erzählsog, dem man nicht widerstehen kann, und am Ende wird man sich in Gedanken den Anfang noch einmal vergegenwärtigen - oder das Buch gleich noch einmal lesen.

Es ist eines dieser Bücher, die irgendwie von der Wiederkehr des ewig Gleichen in Familien erzählen. Konkurrenz unter Geschwistern, Lebensentwürfe, Missverständnisse, Ignoranz. Innerhalb der Familie muss man ja auch nicht besonders freundlich sein. Man mag ja meinen, die Liebe sei sowieso da. Von diesem Irrtum erzählt Susan Hill in "Stummes Echo", einem Roman, der ein Echo auch während der Lektüre im Kopf auslöst.

Stummes Echo

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Gatsby
Bestellnummer:
978-3-311-21007-8
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.02.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Susan-Hill-Stummes-Echo,stummesecho102.html
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