Urs Stäheli © Urs Stäheli

"Soziologie der Entnetzung": Urs Stäheli über sein Sachbuch

Stand: 25.06.2021 12:00 Uhr

Der Schweizer Soziologe Urs Stäheli hat ein Sachbuch geschrieben, das einer "Soziologie der Entnetzung" auf die Spur geht.

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Stäheli rät zur Vorsicht bei der Prämisse vieler Coaches und Berufsberater, die predigen, das Geheimnis jeder Karriereplanung sei das Networking. Im Gespräch erklärt er seine Theorie des Entnetzens.

Herr Stäheli, warum sehen Sie die Vernetzungsarbeit kritisch?

Urs Stäheli: Das ist ein wichtiges Beispiel, das Sie genannt haben. Mein Ausgangspunkt war in ganz unterschiedlichen sozialen Feldern zu schauen, wo von den Praktiker*innen selbst Kritiken an den Anforderungen, an den Überforderungen des Netzwerkens formuliert werden. Ich versuche, recht heterogene Felder von Organisationen über Social Media bis hin zu Sicherheitsinfrastrukturen abzudecken.

Ich habe den Eindruck, dass ein gemeinsames Problem der Moment ist, in dem Netzwerken selbstbezüglich, selbstreferenziell wird, dass vernetzt wird, um weitere Vernetzungen herzustellen: Wir sind an einem Vernetzungs-Meeting und planen gleich das nächste Vernetzungs-Meeting. Lange bevor es die Soziologie oder andere Wissenschaften adressiert haben, ist in den sozialen Feldern, so zumindest mein Eindruck, eine Unruhe, ein Unbehagen an dieser Selbstbezüglichkeit des Netzwerkens entstanden.

Wie macht sich diese Unruhe bemerkbar?

Buchcover: Urs Stäheli - Soziologie der Entnetzung © Suhrkamp Verlag
"Soziologie der Entnetzung" ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 28 Euro.

Stäheli: Man sieht es daran, dass Angebote erzeugt werden, die genau auf dieses Bedürfnis antworten sollen. Also diese ganzen Digital-Detox-Angebote, also Angebote, sich für ein paar Tage in die einsame Natur zurückzuziehen und abzuschalten, sich von den Netzen zu entfernen. Mein Argument ist nicht, dass ich die Logik dieser Angebote als eigenes theoretisches Argument nehme, sondern ich lese das als dieses Unbehagen und versuche dann, eigene Begrifflichkeiten dafür zu finden.

Was man an diesem Digital-Detox-Tourismus gut sehen kann, ist, wie nostalgisch aufgeladen die Tatsache des Entnetzens wird: Man erträumt sich eine verloren gegangene, bessere Welt zurück, die es noch vor den überbordenden Vernetzungsaktivitäten gegeben hat. Das, was für mich die unterschiedlichen Praktiken und Strategien des Entnetzens so spannend macht, ist, dass sie in den Netzwerken selbst stattfinden. Das ist nicht einfach ein Verlassen, sondern Netzwerke werden selbst benutzt, strapaziert, um temporäre Formen der Entnetzung zu schaffen.

Sie sehen die Gefahr, dass Netzwerke sich mit sich selbst zu verstricken drohen. Wie wirkt sich das aus und was wäre dagegen zu tun? Was leistet Ihre Theorie der Entnetzung?

Stäheli: Ich probiere verschiedene Begrifflichkeiten aus, um Entnetzung überhaupt als etwas denken zu können, das nicht nur als ein Störfall gedacht wird. Ich begebe mich also auf die Suche nach Begriffen, mithilfe derer man diese unterschiedlichen Phänomene der Entnetzung denken kann. Und gleichzeitig versuche ich, einen kritischen Blick auf Grundlage der bestehenden Kritiken auf diesen Imperativ des Vernetzens und den Ethos der Vernetzung zu werfen. Mir scheint, dass in die Netzwerk-Logiken selbst immer schon so ein Verdacht des Nichtfunktionierens eingeschrieben ist. Mich interessiert nicht dieser paranoide Versuch, diese Momente des Nichtfunktionierens wieder zu kontrollieren, sondern dort Möglichkeitsräume zu beschreiten, wie innerhalb von Vernetzung so etwas wie Entnetzung möglich ist.

Wie sähe ein solcher Möglichkeitsraum aus? Denn wir haben gerade in der Pandemie gemerkt, wie sehr sich diese Vernetzung im Büroalltag auch beschleunigt hat.

Stäheli: Bei der Pandemie wurde einerseits durch Homeoffice und durch Videokonferenzen die Vernetzung gesteigert und gleichzeitig wurde der Verlust dessen betrauert, was als die realen Verbindung oder reale Kontakte gesehen wird. Da schleicht sich dann aber schon die etwas problematische Unterscheidung ein, dass es einerseits künstliche artifizielle Verbindungen gibt, die durch digitale Medien vermittelt werden und das eigentliche Zusammensein.

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Ein anderes Beispiel ist die Krise des Open-Office-Modells in der Büroarchitektur, ein Modell, das zunächst angetreten war, um flexible Teamarbeit zu erlauben, vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten zu schaffen, eine Lounge aufzubauen, einen Kickertisch oder eine Kaffeebar zu integrieren, um das gemeinsame Arbeiten, um Vernetzungsmöglichkeiten zu steigern. Da fand ich es interessant zu sehen, dass seit ein paar Jahren hier auch ein Wechsel stattfindet: dass in der Büroarchitektur auf einmal wieder so etwas wie Verstecke, abgekapselte Räume eingerichtet werden, als eine Art Gegenreaktion gegen die Anforderungen, die in das klassische Open-Office-Modell eingeschrieben sind. Wir finden in ganz vielen gesellschaftlichen Bereichen solche Experimente mit Entnetzungsformen, die nie perfekt sind. Durch dieses Ineinandergreifen sind diese Versuche auch leicht kritisierbar und unperfekt, weil sie mit dieser Spannung zwischen Vernetzung und Entnetzung operieren müssen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.06.2021 | 18:00 Uhr

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