Aufgeschlagenes Buch vor einer Bücherwand © Imago Images

Mehr Diversität in Romanen mit "Sensitivity Reading"

Stand: 29.03.2021 16:52 Uhr

Mit Hilfe des "Sensitivity Reading" versuchen Autorinnen und Autoren, ihre Darstellung in Romanen noch authentischer zu gestalten und mehr Diversität hineinzubringen.

von Patric Seibel

Die Auseinandersetzung um korrekte, nicht-diskriminierende Sprache in Literatur für Erwachsene und Kinder wird mit viel Emotion geführt. Tiefe Gräben spalten die verschiedenen Lager. Ein relativ neuer Trend, der wie so vieles in dieser Debatte aus den USA kommt, ist "Sensitivity Reading". Dabei lassen Autorinnen und Autoren ihre Texte von Experten und Expertinnen für ganz bestimmte Themen wie zum Beispiel Behinderungen gegenlesen, um so Klisches und Falschdarstellungen zu vermeiden.

Durch "Sensitivity Reading" Stereotype und Klischees vermeiden

"Sensitivity Reading" wird vor allem von jungen Autorinnen und Autoren genutzt, wie Lena Hach. Jacub, der Held ihrer aktuellen Kinderbuchreihe "Mission Hollercamp" ist schwerhörig, eine Idee, auf die Lena Hach bei Lesungen in Schulen kam, wo immer wieder auch schwerhörige Kinder im Publikum saßen. Um sich ganz in ihren Protagonisten hineinversetzen zu können, nahm Lena Hach die Hilfe einer "Sensitivity Reading"-Expertin in Anspruch: "Ich habe das gebraucht, weil ich nicht hörbehindert bin. Ich weiß gar nicht, wie es ist, mit was für Stereotypen man zu tun hat, was für Schwierigkeiten einem begegnen, was für schöne Dinge einem begegnen. Damit nicht schädliche Dinge in meinen Text rutschen, damit ich nicht Stereotypen weiterverbreite - Sachen die man behauptet, die gar nicht wahr sind -, habe ich jemanden gebraucht, der zu der Gruppe der Hörbehinderten gehört und der einen ganz anderen Blickt auf den Text hat."

Verantwortung gegenüber der Leserschaft und den Figuren

Die Zusammenarbeit mit der selbst schwerhörigen Cindy Kink, bekannt im Netz durch ihre Performance von Popsongs in Gebärdensprache, habe dem Text nur gut getan, sagt die Autorin Lena Hach. Als Einschränkung ihres Schreibens habe sie das nie empfunden, im Gegenteil: "Ich glaube, es geht dabei immer auch um Verantwortung, die ich gegenüber meinen Leser*innen und meinen Figuren habe. Und da ist 'Sensitivity Reading' einfach auch eine super Bereicherung. Ich habe auch ganz viel gelernt, ganz eigennützig - ich empfinde es nicht als Eingriff oder Übergriff, im Gegenteil."

Mit "Sensitivity Reading" vertiefteres Wissen erlangen

Auch Verlagschefin Ulrike von Stenglin von Hanserblau steht "Sensivity Reading" aufgeschlossen gegenüber - auch wenn sie bisher nicht viel Erfahrung damit hat. Demnächst plant sie, es in Anspruch zu nehmen für ein Buch, in dem autistische Kinder eine Rolle spielen, so Stenglin: "Es gibt natürlich Momente, wo wir mit unserer Expertise im Lektorat an Grenzen stoßen und dann ist es total toll, dass wir uns an Menschen wenden können, die in bestimmten Bereichen viel vertiefteres Wissen und auch aktuelleres Wissen mitbringen als wir. Und das wird sicher so ein Fall sein, wo wir bestimmte Passagen darauf prüfen werden, wie die Sprache und auch die Darstellung dieser Personen noch den aktuellen Gepflogenheiten entspricht."

Alles nur Ausdruck eines "semantischen Putzfimmels"?

"Sensitivity Reading" hat sich noch nicht mit festen Strukturen in der deutschen Verlagslandschaft etabliert. Die größte Plattform im Netz wird ehrenamtlich betreut - kommt es dann zur Zusammenarbeit, werden Honorare ausgehandelt. Noch betrachten viele die junge Disziplin "Sensitivity Reading" mit Skepsis, halten sie für überflüssig, oder gleich für den Ausdruck einer Art semantischen Putzfimmels, verkörpert in dem Wunsch nach klinisch reinen Texten. Rainer Moritz, der Chef des Hamburger Literaturhauses, warnt vor seiner Ansicht nach übertriebenem Eifer: "Ich bin durchaus der Meinung dass, wenn es um Sachthemen geht, die in Romanen verhandelt werden, versucht wird, Korrektheit herzustellen. Dass keine unnötigerweise falschen Dinge behauptet werden. In Romanen gilt natürlich die Grundregel, wir müssen genau hinschauen: Wer sagt etwas in einem Roman? Es werden oft Figuren charakterisiert, die beispielsweise das Thema Autismus falsch darstellen - das ist ja wiederum ein Charakteristikum von Romanfiguren. Das gehört zur Interpretation eines Romans dazu, dass hier jemand falsch denkt, falsch spricht. Das muss man leider aushalten können, wenn man Romane liest."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 30.03.2021 | 06:55 Uhr

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