Stand: 18.08.2020 10:52 Uhr

Sally Rooneys Bestseller über das Erwachsenwerden

von Stephanie Pieper

Sally Rooney gilt als der Shooting-Star der irischen Literatur: Die heute 29-Jährige hat eine Kurzgeschichte im Magazin "New Yorker" veröffentlicht und wurde eben dort auch mit einem großen Porträt gewürdigt. Denn bereits ihr Debüt-Roman "Gespräche mit Freunden" war international ein Erfolg. In dieser Woche ist nun ihr zweites Buch auf Deutsch erschienen: "Normale Menschen", das im englischen Original zum "New York Times"-Bestseller wurde und auf der Longlist für den renommierten Booker Prize stand. Der Roman wird viele Leserinnen und Leser zurückversetzen in die Zeit des Erwachsenwerdens.

Cover des Buchs "Normale Menschen" von Sally Rooney © Luchterhand
Die irische Autorin Sally Ronney erzählt die turbulente Beziehungsgeschichte von Marianne und Connell.

Die erste Liebe. Der erste Kuss. Das erste Mal. Der erste Streit. Die erste Versöhnung. Die erste Trennung. Die erste Trauer. Die Beziehungsgeschichte von Marianne und Connell beginnt im Jahr 2011, in einer High School in einer Kleinstadt in der irischen Grafschaft Sligo. Sie ist klug, überheblich, unbeliebt. Eine Außenseiterin. Er ist schlau, schüchtern, beliebt. Ein Sport-Ass. Seine Mutter ist als Putzfrau im durchgestylten Uppermiddleclass-Haus ihrer Familie tätig - und dort beginnen Marianne und Connell ihre heimliche Affäre.

Manchmal benimmt sie sich so weltgewandt, dass er sich dumm vorkommt, aber sie kann auch sehr naiv sein. Er will verstehen, wie ihr Verstand arbeitet. Wenn er, während sie sich unterhalten, insgeheim beschließt, etwas nicht zu sagen, fragt Marianne innerhalb von ein oder zwei Sekunden: "Was?" Dieses "Was?" scheint so viel zu beinhalten: nicht nur die forensische Aufmerksamkeit, die es ihr erlaubt, sein Schweigen zu erkennen und ihn überhaupt danach zu fragen, sondern der Wunsch nach totaler Kommunikation, die Wahrnehmung, dass alles Unausgesprochene zwischen ihnen eine unwillkommene Störung ist. Leseprobe

Jugendliche Aufregung und Unsicherheit

Sally Rooney versteht es, die jugendliche Aufregung und Erregung, das unsichere Tasten bei der Suche nach der eigenen Persönlichkeit in treffende Dialoge zu fassen - manchmal beiläufig und dahinplätschernd, manchmal intensiv und tiefsinnig. Nach dem Schulabschluss landen beide, inzwischen getrennt, am Trinity College in Dublin, wo Marianne aufblüht: Plötzlich ist sie diejenige, die cool ist, hip gekleidet, die raucht, einen feschen Freund hat. Und Connell ist derjenige, der sich fehl am Platz fühlt, als Provinzler, der nicht in das großstädtische Uni-Milieu passt, dem das Selbstbewusstsein seiner Studiengenossen fehlt.

Weil er selbst nicht in der Lage war, solche eindeutigen Ansichten zu formulieren oder sie mit Nachdruck vorzubringen, fühlte sich Connell seinen Kommilitonen gegenüber zunächst auf niederschmetternde Weise unterlegen. (…) Schließlich wurde ihm klar, dass die meisten gar nichts gelesen hatten. Sie kamen jeden Tag ans College, um erhitzte Debatten über Bücher zu führen, die sie nicht gelesen hatten. Er weiß jetzt, dass seine Kommilitonen nicht so sind wie er. Leseprobe

Marianne dagegen versteht ihn - und es ist beinahe zwangsläufig, dass die beiden wieder zusammenfinden, zu groß ist die gegenseitige Anziehungskraft; erwachsener ist ihre On-Off-Beziehung diesmal - und offen, nicht mehr verborgen.

Porträt einer irischen Generation

Wie schon in "Gespräche mit Freunden" zeichnet Rooney ihre Figuren auch in "Normale Menschen" so genau, weil sie selbst jener Generation angehört, über die sie schreibt. Die in Irland den Boom und den Crash erlebt hat. Die sich die ewige Frage auf der grünen Insel stellt: bleiben oder weggehen? Die mal an der eigenen Familie, mal am Kapitalismus verzweifelt. Über all das sprechen Marianne und Connell miteinander - im Bett, in der Küche, am Strand.

Sie reden über die Romane, die er gerade liest, die Forschungen, mit denen sie sich gerade befasst, den präzisen historischen Moment, in dem sie gerade leben, die Schwierigkeit, einen solchen Moment zu betrachten, während er gerade abläuft. Manchmal hat er das Gefühl, dass er und Marianne wie Eiskunstläufer sind. Sie improvisieren ihre Gespräche so versiert und so perfekt synchron, dass es sie beide erstaunt. Sie wirft sich anmutig in die Luft, und jedes Mal, ohne zu wissen, wie er es tun wird, fängt er sie auf. Leseprobe

Zusammen oder getrennt?

Und dennoch: zusammenbleiben oder sich trennen? Das ist immer wieder, weil sie jung sind, die Frage für Marianne und Connell - sie scheinen nicht ohne einander, aber auch nicht miteinander existieren zu können. Zoë Beck hat die lakonische Prosa von Sally Rooney glänzend übersetzt; und die BBC hat "Normale Menschen" inzwischen großartig als Serie verfilmt und das Publikum damit beglückt. Am Ende des Buchs sehnt man sich danach, Marianne und Connell in 20 oder 30 Jahren wieder zu begegnen - um zu erfahren, was aus ihnen geworden ist: Sind sie ein Paar geblieben - oder nicht?

 

Normale Menschen

von Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87542-2
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

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