Stand: 13.05.2019 16:40 Uhr

Rowohlt ist jetzt in "Hamburg bei Reinbek"

von Peter Helling

Das Bieberhaus ist ein wuchtiges sandsteinfarbenes und mit Skulpturen geschmücktes Gebäude. Frisch saniert steht es neben dem Hamburger Hauptbahnhof. Es wurde 1909 gebaut. Damit ist es nur ein Jahr jünger als sein neuer Mieter, der Rowohlt Verlag. Der ist jetzt aus den traditionsreichen Gebäuden in Reinbek bei Hamburg hierhergezogen und neuer Obermieter des Ohnsorg-Theaters und Nachbar des Deutschen Schauspielhauses, mitten im vielleicht diversesten Stadtteil Hamburgs, St. Georg.

"Jedes Haus steht für einen anderen Sound: Wenn wir eine Jazzband wären, wäre es auch sicher was anderes, wenn wir aus der Vorstadt in die Stadt ziehen. Es wird wahrscheinlich pulsierender, nervöser, ein wenig schneller", sagt Rowohlt-Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff. Er sitzt auf einem nagelneuen kippeligen Designerhocker: "Die Stühle muten japanisch an, das liegt daran, dass ich japanophil bin, ich mache japanische Kampfkunst." Das Kippeln ist Programm: "Wir unterstützen eben Gesundheitsthemen, und wir möchten, dass da Bewegung entsteht."

Ein Rundgang im neuen Rowohlt Verlagshaus

Das Ziel: Nachhaltiges, teamgerechtes Arbeiten

Nervöser Jazz eben - das Bild passt. Und Purismus; nichts soll vom Buch, von der Literatur ablenken. Vom Cleff hat das Eck-Büro im dritten Stock des Bieberhauses, mit Blick auf die Lange Reihe und die Dreieinigkeitskirche. Die Büro-Situation konnte der Verlag frei bestimmen: "Sie müssen sich das so vorstellen: Das war komplett entkernt, und diese beiden Flächen, zwei Etagen à 2.100 Quadratmeter, die waren kahl."

Im vierten Stock sitzen jetzt 85 und unten 65 Leute, sagt er. Vom Cleff greift zu einer Wasserflasche, die das Logo des Verlags trägt, das Wasser kommt gefiltert aus dem Hahn. Zum Arbeitsbeginn im neuen Haus hat jeder Mitarbeiter so eine Flasche geschenkt bekommen. Das Ziel ist Müllvermeidung, bloß kein Plastik. Und allen Mitarbeitern wurde ein Dienstfahrrad angeboten - weg vom Auto.

Das alte Verlagshaus in Reinbek bleibt präsent

"Ich glaube auch, dass gerade Jüngere lieber so arbeiten wollen", sagt vom Cleff. Beim Rundgang fällt sofort auf: Es gibt Platz und luftige Räume. Man geht über nachhaltige Bambusböden. Die Flure sind in sich leicht versetzt, damit sie nicht wie trostlose Schläuche wirken - in unterschiedlichen Farbtönen. "Und auch als Reminiszenz an Fritz Trautwein, den Bauhaus-Architekten, der Reinbek gebaut hat, ist das Farbschema, was sie hier an den Wänden sehen, das Bauhausfarbschema von 1931", ergänzt vom Cleff.

Bild vergrößern
Der kaufmännische Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff im Konferenzraum "Herrndorf".

Curry, Grau, Petrol. Wenn dieses neue Haus nervöser Jazz ist, dann war der alte Ort in Reinbek an der Bille bei Hamburg ein gemächlicher Blues? Vieles ist mit umgezogen: Möbel etwa, wie die alten Ledersessel von Verlagsgründer Ernst Rowohlt. Und jedes Buch, das in den ersten zwei Monaten nach dem Umzug bei Rowohlt erscheint, trägt den Vermerk "Hamburg bei Reinbek". Der Verlag verbeugt sich vor der Kleinstadt an der Bille, "denn Vaclav Havel war als Autor und Staatspräsident dort, Heinrich Maria Ledig Rowohlt hat mit Miller im Treppenhaus Pingpong gespielt, das ist auch ein Teil von unserer Geschichte", schwärmt vom Cleff.

Hier heißen die Konferenzzimmer nach verstorbenen Rowohlt-Autoren: Herrndorf, Faulkner, Tucholsky. Die Räume wirken funktional und klar, überall sind lose Sitzgelegenheiten oder Stehtische, kleine Kaffeebars. Und acht Küchen. Alles wirkt wie gemacht für den zwanglosen Austausch.

Rowohlt setzt auf gute Nachbarschaft

Vorbei geht es an einem Regal mit wertvollen Erstausgaben. "Das sind die ersten Werke von 1908 an, die ersten Kafkas usw. Von manchen gibt es weltweit nur drei, vier Stück", sagt vom Cleff. Im Innenhof sieht man auf die Klimaanlage des Ohnsorg-Theaters im unteren Bereich des Hauses. Die Traditionsbühne hat die Adresse Heidi-Kabel-Platz. Die neue Anschrift des Rowohlt Verlages ist aber Kirchenallee. Ist das Kalkül? Oder Zufall?

"Wir wollten, dass das Ohnsorg-Theater mit dem Heidi-Kabel-Platz identifiziert wird", erklärt vom Cleff, "es wirkt dann oft so als snobistische Haltung, aber das ist es nicht. Ohnsorg ist Heidi Kabel, und Rowohlt ist nicht Heidi Kabel." Überhaupt gebe es einen guten Austausch mit dem Ohnsorg-Theater: Gerade erst wurde in der Hemingway-Lounge mit der Werbeagentur im Obergeschoss auf gute Nachbarschaft angestoßen. Hier stehen ein Kickertisch, ein paar leere Bierkästen. Peter Kraus vom Cleff tritt auf den Raucher-Balkon mit grandioser Aussicht: "Hier sehen Sie die Kunsthalle, das ist hier wirklich ein Axialpunkt von Kultur in Hamburg."

An Jazz muss man sich gewöhnen

Die Begeisterung über die neue Heimat sei einhellig. Jutta Pachnicke am Empfang aber fühlt sich noch nicht ganz zu Hause. Sie vermisst den Charme des alten Hauses in Reinbek an der Bille: "Ich bin 36 Jahre in Reinbek gewesen, ich brauche Zeit, um das zu verknuspeln. Das hat noch nicht meinen Verlags-Charme, den ich so kennengelernt habe."

An nervösen, pulsierenden Jazz muss man sich gewöhnen. Veränderung, Bewegung gehörten fest zum Verlag dazu, ist Geschäftsführer Vom Cleff überzeugt: "Dass wir jetzt wieder in Hamburg sind, in der schönsten Stadt Deutschlands, ist eigentlich nur eine nächste Wegstrecke. Wir leben von Veränderung, und die findet eben hier statt. An der Elbe fließt es schneller als an der Bille."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 13.05.2019 | 16:20 Uhr

"Wir wollen Bücher machen, die Menschen bewegen"

Der Rowohlt Verlag hat in Hamburg seine neue Heimat gefunden. Der verlegerische Leiter Florian Illies erzählt, welche Rolle der Verlag in der Hansestadt spielen will. mehr

Mehr Kultur

54:22
NDR Info
47:08
NDR Info