Stand: 14.01.2019 12:49 Uhr

Reaktion auf "Stella"-Kritiken

von Guido Pauling

In den Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen ist eine Debatte um den Roman entbrannt, den die Kulturredaktionen des NDR zum "Buch des Monats" ernannt haben: "Stella" heißt es, geschrieben hat es der 33-jährige Takis Würger. Seit dem 14. Januar läuft es zudem in Auszügen auf NDR Kultur in "Am Morgen vorgelesen". NDR Kultur hat bereits ausführlich berichtet über die Kritik an dem Roman, er sei "Kitsch", ein "Ärgernis", ja sogar ein "Tiefpunkt" für den Hanser Verlag. NDR Kultur Redakteur Alexander Solloch hat dargelegt, dass dieser Roman seine Leserinnen und Leser bestimmt nicht kalt lässt und deshalb von uns so ausgiebig vorgestellt wird. Nun zielte die Feuilleton-Kritik aber neben dem Buch und seinem Autor auch auf den renommierten Hanser-Verlag und seinen Chef Jo Lendle. Der hat nun exklusiv auf NDR Kultur Stellung genommen zu den Vorwürfen.

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NDR Kultur Redakteur Guido Pauling

Gelassen, ruhig, ein wenig verwundert - so klingt Jo Lendle im Gespräch, der Hanser Verleger, der sich inmitten einer heftig erregten, erzürnten Schar von Feuilletonisten widerfindet: "Dass das Buch diskutiert würde, das haben wir erwartet. Es ist weniger der Furor, der uns überrascht, als die Art der Vorwürfe, die zum großen Teil außerliterarische sind: 'Darf man so eine Geschichte schreiben? Darf man sie so schreiben?'"

Bücher über den Nationalsozialismus polarisieren mehr als andere

Lendle muss es gar nicht aussprechen; man merkt zwischen den Zeilen seiner Sätze, dass ein Verlagschef keine Stilvorschriften aus dem Feuilleton für Romanautoren akzeptiert. Die Kunst ist frei, das ist klar. Und so bemüht sich Lendle sogar, den Ärger der Kritiker von Frankfurter Allgemeiner und Süddeutscher Zeitung über diesen Roman aus der NS-Zeit zu verstehen:

Gespräch

"Stella"-Verleger: "Das darf und muss Literatur"

Im Exklusiv-Interview mit NDR Kultur wehrt sich Jo Lendle vom Hanser Verlag gegen die Vorwürfe, Takis Würgers Roman "Stella" sei "Schund", "Kitsch", gar eine "Beleidigung". mehr

"Ich lese Bücher über diese Zeit anders als andere Bücher. Ich lese sie erregter. Das heißt, ich glaube, dass man beim Lesen von Büchern zu diesem Thema schnell auf die eine oder andere Seite kippt, und das ist hier in einer großen Vehemenz geschehen."

Das kann man wohl sagen: "Wer braucht so ein Buch?", hatte die FAZ am Freitag gefragt und den Roman über eine Jüdin, die in der NS-Zeit andere Juden an die Gestapo verrät, als "Kitsch" bezeichnet. Die Basis der Geschichte ist wahr, es hat eine Jüdin Stella Goldschlag gegeben, die andere Juden verraten hat. Die Liebesgeschichte, die Takis Würger in "Stella" erfindet, ist seiner Phantasie entsprungen.

Kein Problembewusstsein für Literarisierung und Geschichte?

In einem NDR-Interview vor Erscheinen der bösen Kritiken hatte Würger angedeutet, dass er nicht nur mit Lob und Zuspruch rechnet: "Das Schreiben macht mir Freude, da fühle ich mich wohl, weil das Buch dann nur mir gehört. Jetzt kommt es raus und das ist schwierig, obwohl es auch sehr schön ist. Aber gleichzeitig gibt man dieses Buch raus in die Welt und dann gehört es allen Lesern. Und ich habe eine große Chance, ich bin in einem tollen Verlag gelandet und habe große Möglichkeiten zu scheitern. Das macht mir Angst, ehrlich gesagt, wesentlich mehr als das Schreiben mir Angst gemacht hat."

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"Stella" ist der zweite Roman von Autor Takis Würger.

Nun muss Würger in der Süddeutschen über sich lesen, er schreibe "ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte". Die FAZ erklärt, der Autor lasse "wirklich kein Klischee aus" und nennt seinen Roman "Stella" einen "Tiefpunkt für den Verlag" - ein direkter Angriff auf Hanser und dessen Chefverleger Jo Lendle.

Doch der sagt auf NDR Kultur, das könne er leicht aushalten: "... weil ich weiß, dass es ganz viele Leser gibt, die das extrem anders sehen. Wir haben das Buch vorab an viele Buchhändler verschickt, und da haben uns ungeheuer viele Stimmen erreicht, die sagen: Das ist ein wichtiges Buch, ein Buch, das auch 77 Jahre nach den Ereignissen in einer Weise Geschichten aus dieser Zeit erzählt, die auch Leuten die Augen öffnet, die damals nicht dabei waren."

Der Roman darf erfinden

Buch des Monats

NDR Buch des Monats: "Stella" von Takis Würger

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Es ist also wie so oft: Mancher Kritiker ist empört, mancher Leser ist begeistert - alle die wissen wollen, ob der Roman "Stella" gelungen, gut, gar wichtig ist oder nicht, müssen sich ein eigenes Bild machen. Zum Beispiel gerade in diesen Tagen in "Am Morgen vorgelesen" auf NDR Kultur.

Die Literatur hat ein ewig relevantes Streitthema: darf man das? Darf man so über Jüdinnen, Juden, Nazis schreiben? Gar Dinge hinzuerfinden? Klar, sagt Hanser-Verleger Jo Lendle: "Selbstverständlich muss der Roman als Gattung in Verantwortung zu den Fakten auch erfinden!"

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Derzeit entwickelt sich eine Literaturdebatte um den Roman "Stella" von Takis Würger. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns. mehr

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Im Zweiten Weltkrieg hat sie Hunderte Juden an die Nazis verraten. Aus der wahren Geschichte einer jüdischen Frau hat der Autor Takis Würger einen fiktiven Liebesroman gemacht: "Stella". Video (05:21 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 14.01.2019 | 17:40 Uhr

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