Peter Stamm: "Das Archiv der Gefühle"  (Cover) © S. Fischer

Die Ordnung der Welt: "Das Archiv der Gefühle"

Stand: 20.09.2021 11:11 Uhr

Es sind die Beziehungen der Menschen untereinander, die den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm interessieren. Besonders natürlich die Liebe. Davon zeugen viele seiner Romane. Jetzt ist ein weiterer herausgekommen, der sich nahtlos in das Werk dieses Autors einfügt: "Das Archiv der Gefühle".

Peter Stamm: "Das Archiv der Gefühle"  (Cover) © S. Fischer
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von Katja Weise

Einen Namen hat er nicht, der Mensch, den Peter Stamm seine Geschichte erzählen lässt. Dafür teilt er, wie so oft, viele biografische Daten mit seinem Erfinder: Er ist männlich, Mitte fünfzig, Schweizer, allerdings nicht Schriftsteller, sondern Archivar in einem großen Zeitungsarchiv.

"Das hat mich immer fasziniert irgendwie, dieser eigentlich ja hoffnungslose Versuch, das Wissen der Welt zu sammeln, was dann aber letztlich auch ein Haufen Müll war", berichtet der Autor. "Darum habe ich ein Zeitungsarchiv genommen und nicht ein wissenschaftliches Archiv."

"Das Archiv der Gefühle": Ein Sonderling ordnet die Welt

"Müll" ist das Archiv irgendwann auch für den Verlag. Der Archivar wird entlassen, erreicht aber, dass man ihm den Bestand überlässt. zu Hause im Keller führt er ihn weiter:

Die meiste Zeit verbringe ich damit, die Zeitungen und Zeitschriften durchzuarbeiten, die ich abonniert habe, die relevanten Artikel auszuschneiden und aufzukleben, zu codieren und in die entsprechenden Akten einzuordnen, die Arbeit, für die ich früher bezahlt wurde und die ich seit meiner Entlassung für mich allein weiterführe, weil ich nicht weiß, wie ich sonst meine Zeit verbringen soll. Leseprobe

Außerdem bringt er auf diese Weise Ordnung in die Welt. Er, ein Sonderling, der Menschen meidet. Der einkaufen geht, wenn der Laden leer ist und zum Friseur nur, wenn die Haare sich gar nicht mehr bändigen lassen. Der in Papier Zuflucht sucht und in Tagträumen und Erinnerungen schwelgt - an Franziska, seine erste große Liebe. Auch für sie hat er im Archiv einen Ordner angelegt, doch Gefühle lassen sich so nicht fassen.

In gewissem Sinne seien die Gefühle natürlich in unserer Erinnerung archiviert, sagt Peter Stamm. "Nicht sauber geordnet nach - da sind alle Liebesbeziehungen, da sind alle Freundschaften und da sind alle Enttäuschungen... Aber sie sind in irgendeiner Form da, und die verstauben ja auch nicht", so der Autor. Der Kuss, den der Erzähler Franziska einst gab, es war nur einer, ist noch immer präsent. Genauso wie sie. Unversehens gesellt sie sich zu ihm, auf den Spaziergängen, die er zunehmend macht, weil nur wenige Menschen unterwegs sind. Stamm spricht es nicht aus, aber gemeint sind hier eindeutig die Monate der Pandemie:

Plötzlich geht sie neben mir. Sie sagt nichts, lächelt mich nur an, als ich zu ihr hinüberschaue, dieses verschmitzte Lächeln, das ich nie ganz deuten konnte und vielleicht auch deshalb so sehr liebe an ihr. (…) Ich will ihre Hand fassen, aber ich greife ins Leere. Leseprobe

Es ist faszinierend, wie Peter Stamm diesen Mann beschreibt, der mehr und mehr aus der Welt verschwindet. Das Einfache, Reduzierte spiegelt sich auch in der Sprache. Er glaube schon, dass Kunst für ihn schon immer eine Art der Reduktion gewesen sei, so Stamm. "Es geht mir wirklich immer mehr ums Wesentliche - also, was bleibt, wenn alles andere weg ist. Und dann ist die Frage: Bleibt da überhaupt noch was? Und das fasziniert mich und das frage ich mich auch selbst natürlich."

Eine Liebesgeschichte über das Leben und die Versuche, damit fertig zu werden

Der Erzähler dieses wunderbar intensiven, schmalen Romans geht diesen Weg nicht zu Ende. Er befreit sich vom Papier, sucht nach Luft und Bewegung in der Natur, schreibt eine Mail an Franziska und sie verabreden sich tatsächlich - nach über 30 Jahren:

Warum bist du nicht gekommen?, höre ich Franziskas Stimme. Sie klingt genauso wie damals, vielleicht etwas tiefer, aber die Art, in der sie spricht, ist noch immer dieselbe. Wir waren doch verabredet, sagt sie, hast du mich vergessen? Leseprobe

Natürlich nicht. Peter Stamm hat eine zauberhafte Liebesgeschichte geschrieben, die viel vom Leben erzählt und den Versuchen, damit fertig zu werden. Ein "Archiv der Gefühle" hilft dabei auf jeden Fall enorm.

Das Archiv der Gefühle

von Peter Stamm
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3103974027
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.09.2021 | 12:40 Uhr

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