Stand: 13.11.2019 11:50 Uhr

Nach Triest um zu vergessen

Es ist Sarah
von Pauline Delabroy-Allard, aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Vorgestellt von Claudia Cosmo

Die französische Autorin Pauline Delabroy-Allard wurde 1988 geboren und erreichte 2018 mit ihrem ersten Roman "Ça raconte Sarah" die zweite Runde des Prix Goncourt. Sie wurde unter anderem mit dem Preis der französischen Buchhändler, dem Prix des Libraires de Nancy, ausgezeichnet. Delabroy-Allard hat ein Literaturstudium und eine Ausbildung zur Buchhändlerin absolviert, sie lebt in Paris. Ihr gefeiertes Debüt "Es ist Sarah" ist nun auch in deutscher Übersetzung erschienen.

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In Frankreich hat Delabroy-Allards Roman über eine Liebe zwischen zwei Frauen für Aufsehen gesorgt.

In ihrem Heimatland Frankreich wurde Pauline Delabroy-Allards Roman "Es ist Sarah" als literarische Sensation gefeiert. Das ist der Roman in der Tat: Die Autorin erzählt auf beeindruckend plastische und den Leser einnehmende Weise von der großen Liebe zwischen zwei Frauen. Es ist eine Liebe, die von Anfang an auf einem Ungleichgewicht basiert, das dem Roman seine Dynamik verleiht.

Eine ungleiche Liebe

"Ich lebe nicht wirklich. Sie ist lebendig" - So lautet die Erkenntnis der namenlosen Ich-Erzählerin, die Sarah an einem Silvesterabend in Paris kennenlernt. Für die in Konventionen gefangene und sich an "Das tut man nicht"- Sätzen orientierende Erzählerin ist die Begegnung mit dieser ungestümen, immer zu laut und zu viel redenden Frau eine Art Offenbarung, der sie sich hingibt.

"Sie verabschiedet sich am nächsten Morgen von mir, ohne zu wissen, dass meine Hände zittern. Sie verabschiedet sich, ohne zu wissen, dass ich am Ende des Vormittags zum Arzt gehe, dass er mich für zwei Tage krankschreibt. Am nächsten Morgen falte ich die Krankschreibung auseinander, um sie zu verschicken. Die ärztliche Begründung lautet: Veränderter Allgemeinzustand." Leseprobe

Ein Roman mit unterschiedlichem Sprachrhythmus

Pauline Delabroy-Allards Erzählerin ist Lehrerin und Mutter einer Tochter. Die unkonventionelle Sarah hingegen ist Violinistin und reist mit ihrem Streichquartett durch die Welt. Musik spielt im Roman "Es ist Sarah" auch eine strukturgebende Rolle. Pauline Delabroy-Allard arbeitet sprachrhythmisch mit unterschiedlichen Tempi und mit unterschiedlichen Stimmqualitäten, obwohl es nur eine Erzählerin gibt.

Doch die verliebte Hauptfigur lässt manchmal lyrische oder dramatische Töne anklingen und formuliert mitunter im Sachtextstil, der sich als nüchterner Ton anreiht. Pauline Delabroy-Allard spielt auf die Struktur einer musikalischen Fuge an: Im Roman verweist sie explizit auf Beethovens Streichquartett Nr. 13 in B-Dur, Opus 130, das mit einer Fuge endet. Zu den typischen Merkmalen zählt auch die thematische Wiederholung, zu der Alltagsbeobachtungen gehören:

"Sie raucht Zigaretten. Sie ist zu stark geschminkt, Sie verwendet mir unbekannte Wörter. Sie spielt mit der Sprache, erfindet Ausdrücke, bildet zum Spaß Reime. Sie ist lebendig." Leseprobe

Gelungene Übersetzung

Übersetzt wurde der Roman von Sina de Malafosse. Sie hat die wechselnden Stimmungen und Tempi des französischen Originals wunderbar ins Deutsche übertragen. Der zweite Teil des Buchs hat ein bedeutend langsameres Erzähltempo. Denn die Ich-Erzählerin kann irgendwann nicht mehr und flüchtet vor ihrer Geliebten. Die Erzählerin reist nach Italien und sucht Trost in Triest. Ausgerechnet in dieser trist-traurigen Stadt, in der auch der italienische Schriftsteller Italo Svevo seine mit dem Leben hadernden Figuren angesiedelt hatte.

"Jeden Tag ist es der gleiche Tag. Von der Terrasse aus werfe ich einen Blick auf die Stadt, die sich ins Meer stürzt. Ich gehe die gleiche Strecke, sitze dort auf der kleinen blauen Bank. So mache ich das seit vielleicht einer Woche, ich weiß es nicht, weiß es nicht mehr." Leseprobe

Wahre Liebe oder Einbildung?

Am Ende des Romans "Es ist Sarah" steht der Zweifel und das Vergessenwollen. Zwei Verhaltensstrategien, die sich die Ich- Erzählerin zu eigen macht, da sie sich selbst auflösen will. Was am Ende mit ihr geschieht, bleibt im Nebulösen. Ebenso die Frage, ob die Liebe zu Sarah real oder nur eine Einbildung war.

So entfaltet Pauline Delabroy-Allard in ihrem großartigen und berührenden Debüt auch die These, dass die Liebe zuletzt vielleicht nur in einer künstlerischen Form wie der Literatur existiert.

Es ist Sarah

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Frankfurter Verlagsanstalt
Bestellnummer:
978-3-627-00266-4
Preis:
22,00 €

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