Stand: 02.02.2018 11:00 Uhr  | Archiv

Pedro Almodóvars schrille Filmwelt

von Benedikt Scheper

Pedro Almodóvar gilt als der berühmteste Regisseur Spaniens und erhielt für sein filmisches Œuvre zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Oscar. Der neu aufgelegte Bildband "The Pedro Almodóvar Archives" gewährt Einblicke in das Werk des Filmemachers, wirft einen Blick hinter die Kulissen am Set und erklärt Hintergründe zur Entstehung der Arthouse-Streifen.

Der Regisseur liebt den Perspektivwechsel

Der wuschelköpfige Regisseur in grauer Stoffhose und blauem Hemd blickt konzentriert erst durch eine kleine Linse, dann durch den Sucher einer großen Filmkamera. Auf einem kleinen daran befestigten Monitor sieht der Betrachter, was der Filmemacher sieht und integraler Bestandteil eigentlich aller Filme Almodóvars ist: eine Frau, die emotional angespannt zu sein scheint.

Rund 450 Seiten schildern in 20 Kapiteln, wie bunt und subversiv, experimentierfreudig und zugleich stilistisch durchdacht Pedro Almodóvars cineatischer Kosmos ist. Das Besondere - der Perspektivwechsel.

Erstaunlich, wie etwa die Mordszene aus "Das Gesetz der Begierde" gedreht wurde. Der Protagonist steht am Rand schroffer Felsenklippen. Davor eine abenteuerliche, jederzeit vom Zusammenbruch bedroht wirkende Gerüstkonstruktion aus Stahl und Holz, an der sich die Wellen brechen und auf der wagemutig das Kamerateam ausharrt, um das Gesicht des Mörders zu filmen.

Porträt
Der spanische Schauspieler Antonio Banderas vor der Verleihung der Goya-Preise in Spanien im Januar 2020 © Álex Zea/Europa Press/dpa +++ dpa-Bildfunk Foto: Álex Zea

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Auch eine Straßencafe-Szene aus dem Film "Labyrinth der Leidenschaften" veranschaulicht das Buch. Neben dem Darsteller, der an einem Bistrotisch sitzt und Zeitung liest, zeigt das Foto den Kameramann in brauner Leder-Jacke, der über die linke Schulter des Schauspielers filmt, und Pedro Almodóvar, der über die rechte lugt.

Spannende Begleittexte erklären, was nicht zu sehen ist

Unzählige Schaulustige im Hintergrund sind zu beobachten. Spannende Begleittexte erklären, was die Fotos nicht auf Anhieb erzählen. Denn das Bild spiegelt ein Spanien des Aufbruchs, der alternativen Jugendkultur, nur sieben Jahre nach dem Tod des Diktators Franco; ein Spanien, das es so heute nicht mehr gäbe.

"Bei Modernität geht es darum, Fragen zu stellen, nicht sie zu beantworten. Almodóvars Œuvre entfaltet sich fortsetzend vor unseren Augen - brillant, kühn, mysteriös", meint der Direktor des Cannes Film Festival Thierry Frémaux im Vorwort und deutet auch die visuelle Kraft der zeitgenössischen Bilderwelten an.

Beeindruckend: Filmstills, die noch eindrücklicher die Emotionen verdeutlichen als der Film und die die Bildästhetik des Kultregisseurs unterstreichen. Zum Beispiel Nonnen, die in schwarzen Habits und mit starrem Blick durch einen hellblauen Flur mit unzähligen vergoldeten und versilberten Ahornblättern schreiten - eine fast mystische Szene.

Die Darsteller müssen Gefühle transportieren

"Ich habe die Stärke des Close-ups entdeckt. (...) Technisch ist es einfach, aber man muss sehr sicher sein, was der Charakter ausdrücken soll in dem Moment und ob der Schauspieler fähig ist, dieses Gefühl zu transportieren", erklärt Pedro Almodóvar in einer Einführung zum Film.

Das gilt auch für eine Großmutter aus dem Film "Womit hab' ich das verdient?" mit streng zurückgebundener Frisur, 70er-Jahre-Brille und schwarzem Pullover. Von dessen Stoff hebt sich eine goldene Sicherheitsnadel ebenso ab wie eine grüne Eidechse. Die ältere Dame nennt das Tier "Money" nach dem alten 1.000-Peseten-Schein - ein Symbol für Nostalgie.

Natürlich fehlt es nicht an erotischen Darstellungen, schließlich drehen sich nahezu alle Filme und Liebe, Begehren und Verlangen. Besonders interessant sind die seitenfüllenden Aufnahmen von Sets, wie die einer Stierkampfschule im Film "Matador": Schüler, wie der junge Antonio Banderas, trainieren mit roten Tüchern und Schubkarren, an denen Hörner befestigt sind.

Die Fotos nehmen den Betrachter nicht nur mit in eine künstliche, mal grelle, mal poetische Film-Geschichte, sondern sie zeigen auch eine andere Welt, die nur noch in den Bildern und Filmen Pedro Almodóvars so zu finden ist.

The Pedro Almodóvar Archives

von Paul Duncan
Seitenzahl:
456 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Hardcover, 33,7 x 24,6 cm, Englisch
Verlag:
Taschen Verlag
Bestellnummer:
978-3-8365-4792-5
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.02.2018 | 17:40 Uhr

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