Stand: 23.10.2019 17:13 Uhr

"Die Jakobsbücher" der Nobelpreisträgerin Tokarczuk

Die Jakobsbücher
von Olga Tokarczuk, aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
Vorgestellt von Amelia Wischnewski

Olga Tokarczuk erregte Aufsehen mit der Nachricht, dass sie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird, mit ihrem fulminanten Auftritt vergangene Woche auf der Frankfurter Buchmesse und mit ihrem neuen Roman, der in diesen Tagen auf Deutsch erschienen ist: "Die Jakobsbücher". Es ist ein über 1.000 Seiten schweres Werk - die Summe ihres bisherigen Schaffens?

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Vom schwedischen Nobelpreiskomitee wurde Tokarczuk für ihre "erzählerische Vorstellungskraft" gelobt.

Beim Lesen der Jakobsbücher verhält es sich ein wenig wie beim Übertritt zum jüdischen Glauben. Angeblich schickt der Rabbi den Anwärter erst einmal weg. Diese muss wiederkommen, sich nicht entmutigen lassen und beweisen, dass sie es ernst meint. Frühestens nach dem dritten Anlauf darf sie darauf hoffen, in die reiche Kultur des Judentums einzutauchen.

Tokarczuks Werk verlangt Konzentration

Auch bei Olga Tokarczuk muss man es ernst meinen. Ihr Opus Magnum verlangt Konzentration. Die studierte Psychologin entfaltet in ihren Jakobsbüchern eine gigantische Landkarte der polnischen Geisteshaltung um 1800. Sechs Jahre verbrachte die Autorin dazu in Antiquariaten, hat den Staub vergessener Enzyklopädien geatmet und mit ihren Recherchen die bisherige Geschichtsschreibung des Zeitalters der Rzeczpospolita, des goldenen Zeitalter der polnisch-litauischen Republik, neu geschrieben.

"Die Jakobsbücher" führten zu heftigen Diskussionen

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Nach der Veröffentlichung der Jakobsbücher sah sich Olga Tokarczuk nationalistischen Anfeindungen ausgesetzt.

Obwohl es sich bei "Die Jakobsbücher" immer noch um Belletristik und nicht um ein Sachbuch handelt, wurde Tokarczuk nach der Veröffentlichung 2014 mit dem Tode bedroht und benötigte Leibwächter, um sich vor nationalistischen Fanatikern zu schützen. "Diese Hass-Reaktion hat sich nicht unmittelbar auf das Buch bezogen, sondern auf meine Aussage im Fernsehen, dass die Polen sich auch den dunklen Kapiteln in ihrer Geschichte stellen müssen. Auch die Polen haben Juden ermordet, sie haben im Osten kolonialisiert, und die Landbevölkerung musste feudalen Frondienst leisten, der sehr an Sklaverei erinnert", erklärt die Autorin. "So habe ich das auch genannt. Das hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Man hat mir dann vorgeworfen, ich würde lügen und mein Land verraten. Und das Buch widerspricht nun der offiziellen Darstellung eines mono-ethnischen, heldenhaften Polens, in der die Polen immer nur Opfer, aber nie auch Täter sind."

Die Geschichte des Mystikers Jakob Frank

In "Die Jakobsbücher” fördert Tokarczuk die verschüttete Geschichte des jüdischen Mystikers Jakob Frank zutage. Von seinen Kritikern als Ketzer verachtet, von seinen Anhängern als Messias verehrt, hat Jakob Frank Religion als etwas betrachtet, das man wechseln kann. So tritt der Jude zunächst zum Islam und schließlich samt seiner Gefolgschaft zum Christentum über. Jeder Szene auf dem steinigen Weg der Frankisten in die höhere polnische Gesellschaft, liegt Realität zugrunde.

Tokarczuk näht dieser Realität Flügel an. Frank selbst begegnet dem Leser erst nach etwa 150 Seiten und auch dann bleibt er lange ungreifbar. Die Autorin umstellt ihn mit einem Chor an Figuren, der einen faszinierenden Kanon aus Kulturgeschichte, Politik, Soziologie, Theologie und Philosophie erklingen lässt. Chorleiterin ist gewissermaßen die Figur der Jenta, mit der das Buch beginnt.

"Das verschluckte Stück Papier bleibt in der Speiseröhre stecken, auf der Höhe des Herzens. Saugt sich mit Speichel voll. Die schwarze, eigens verfertigte Tinte verwischt, verschwimmt, die Buchstaben verlieren ihre Form. Im Körper des Menschen spleißt das Wort sich auf, trennt sich in Substanz und Wesen." Leseprobe

Tokarczuk: "Ich wollte dieses Buch hinschmeißen"

Bereits in den ersten Sätzen des 1.200 Seiten starken Werks beeindruckt die Autorin mit einer enormen poetischen Kraft. Historische Fakten verwebt die Autorin kunstvoll mit jüdischer Mystik und Geisterglaube. "Als ich die Jakobsbücher zu etwa einem Drittel geschrieben hatte, wurde mir klar, dass es so viel Material gibt, dass ich nicht dazu im Stande sein werde, dieses Gewicht zu stemmen. Ich wollte dieses Buch hinschmeißen", erzählt Tokarczuk. "Ich brauchte dramaturgisch eine Lösung, um einen Rahmen für diese Erzählung zu finden und da entstand Jenta, die sich auf der Grenze zwischen Leben und Tod befindet. Jenta hat Zugang zu anderen Sphären, anderen Perspektiven. Und als ich Jenta hatte, fing alles an, Sinn zu ergeben. Ich habe dieser Perspektive den Namen 'vierte Person' gegeben. Sie beherrscht Zeit und Raum, sie ist metaphysisch. Sie bewegt sich sogar aus dem Buch heraus und kann mich als Autorin sehen. Das war eine fantastische Idee - dieser Erzähler hat mir immens geholfen, und ich habe vor, ihn auch in kommenden Büchern einzusetzen."

"Jenta erwacht. Dabei war sie schon so gut wie tot gewesen. Von irgendwoher tauchen Hände auf - die großen Hände des alten Schor, sie suchen ihren Hals, schieben sich unter die Decke. Ungeschickt versucht er, den kraftlosen Körper auf die Seite zu drehen, er will sehen, ob das Laken unter ihrem Leib etwas verbirgt. Von diesen Bemühungen spürt Jenta nichts, nur die Wärme nimmt sie wahr, die Anwesenheit des bärtigen, schwitzenden Mannes.
Und plötzlich, als hätte es einen Schlag getan, sieht Jenta alles von oben - sich selbst im Bett, die kahle Stelle auf dem Kopf des alten Schor, denn über die Geschäftigkeit mit ihrem Körper ist ihm die Mütze vom Scheitel gerutscht.
Von nun an bleibt es so - Jenta sieht alles." Leseprobe

Ein Buch voll akribischer Leidenschaft

Dieses von Lisa Pilmas und Lothar Qinkenstein herausragend übersetzte Buch will verarbeitet und nicht gelesen werden und dennoch verzückt "Die Jakobsbücher" durch die akribische Leidenschaft, mit der bis zu fünf Sprachebenen aufgefächert werden: Vom mit Latein durchsetzen Brief eines christlichen Gelehrten bis hin zum magischen Realismus der über allem schwebenden Jenta. "Die Jakobsbücher" bewegt durch eine Recherche, die jüdische Geschichte als europäische Geschichte festschreibt - und es bestürzt durch die Einsicht, dass Wissen allein nicht klug macht.

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

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Die Jakobsbücher

von
Seitenzahl:
1184 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kampa
Bestellnummer:
978-3-311-10014-0
Preis:
42,00 €

Dieses Thema im Programm:

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